J u s t i n BAD 106 ALCHEMY. B r o a d r i c k. ( G o d f l e s h ) a n d. K e v i n. M a r t i n. ( T h e. B u g ) R e a d - PDF Free Download (2022)

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1 BAD 106 ALCHEMY J u s t i n B r o a d r i c k ( G o d f l e s h ) a n d K e v i n M a r t i n ( T h e B u g ) R e a d

2 Gone, gone, gone... [10 Jan 2020] Wolfgang Dauner (The United Jazz+Rock Ensemble &c.), 84 [03 Feb 2020] George Steiner (In Blaubarts Burg, Von realer Gegenwart), 90 [17 Feb 2020] Ror Wolf, 87 [06 Mar 2020] McCoy Tyner (American jazz pianist), 81 [11 Mar 2020] Charles Wuorinen (American composer), 81 [14 Mar 2020] Genesis P-Orridge (Throbbing Gristle, Psychic TV), 70 [16 Mar 2020] Konstantin «Kuzya UO» Ryabinov (Grazhdanskaya Oborona, Kommunizm...), 55 [17 Mar 2020] Eduard Limonow, 77 [22 Mar 2020] Gabi Delgado-López (Deutsch Amerikanische Freundschaft), 61 [24 Mar 2020] Manu Dibango (Cameroonian saxophonist), 86 [29 Mar 2020] Krzysztof Penderecki (Polish composer and conductor), 86 [06 Apr 2020] Hal Willner (American music producer), 64 [09 Apr 2020] Richard Teitelbaum (American electronic music composer), 80 [15 Apr 2020] Lee Konitz (American jazz composer and alto saxophonist), 92 [17 Apr 2020] Henry Grimes (American free jazz bassist), 84 [17 Apr 2020] Giuseppi Logan (American free jazz saxophonist), 84 [29 Apr 2020] Maj Sjöwall, 84 [30 Apr 2020] Tony Allen (Nigerian drummer - Fela Kuti, The Good, the Bad & the Queen), 79 [06 May 2020] Florian Schneider (Kraftwerk), 73 [09 May 2020] Little Richard (AWopBopALooBopALopBamBoom), 87 [12 May 2020] Michel Piccoli, 94 [17 May 2020] Peter Thomas (Edgar Wallace, Raumpatrouille...), 94 [29 May 2020] Jerzy Pilch (Zum starken Engel), 67 The question is not, How can there be poetry after holocausts? But, How can there be holocausts after poetry? Boris Mitic - "In Praise of Nothing" Die ganze [Malerei, aber auch die] Literatur und alles, was damit zusammenhängt, ist ja immer nur ein Herumgehen um etwas Unsagbares, um ein schwarzes Loch oder um einen Krater, dessen Zentrum man nicht betreten kann. Anselm Kiefer Vielleicht wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung überdrüssig und läßt aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen. Adorno - Minimal Moralia Selbst wenn man regelmäßig liest, schafft man nur 3000 bis 5000 Bücher im Leben. Das ist eine deprimierende Zahl. Christian Zaschke - SZ Vicki Baum - Verpfändetes Leben E.T.A. Hoffmann - Nachtstücke; Die Serapions-Brüder Josef Kessel - Brunnen der Parzen Joe Kubert - Fax aus Sarajevo Benjamin Noys - Malign Velocities. Acceleration and Capitalism Marion Poschmann - Die Sonnenposition Schuiten/Van Dormael/Gunzig - Die Abenteuer von Blake und Mortimer: Der letzte Pharao Claude Simon - Die Akazie Andreas Thalmayr [= H. M. Enzensberger] + Hannes Binder - Louisiana Story Gudmundur Andri Thorsson - Nach Island! David Toop - Into the Maelstrom: Music, Improvisation and the Dream of Freedom. Before 1970 V/A Ultrablack of Music (Ed. Achim Szepanski) Ror Wolf - Nachrichten aus der bewohnten Welt 2

3 arte concert Fr. 20. Mai - Mo. 1. Juni 2020 Wenn einer Viren schleudert, dann wir! Moers! Denn den Auftakt am Freitag macht PoiL, der französische Zappeldreier: Antoine Arnera, ohne seine Lennonbrille, mit langer Mähne an frickelig gehämmerten Keys, Boris Cassone in gelber Weste und Musketierhemd am Bass & Guilhem Meier, oben ohne, rote Hose, an den Drums, mit ihren abartig aparten 17/81-Takt-Staccato-Gewittern und absurden Hals-über-Kopf-Kapriolen. Von hippiesk-freakisher Schlamperei keine Spur. Dafür sürreale (T)Raumschiff_Surprise-Omlettes und kakophone Zicken bis zum Abwinken. Gelandet sind sie im Ufo, ein blutendes Bambi wurde Opfer der Umstände, ein Tatortreiniger in Silberoutfit ist schon bei der Arbeit. Die drei Frogs singen in stilleren Minuten merkwürdige Botschaften der dritten Art als dadaesker Montanara-Chor. Dafür gibt's Sitcom-Beifall von Achim Zepezauer, und bei PoiLs unterfränkischen Freunden eingeweihte Blicke, während man sich vor dem Bildschirm grinsend die Blutspritzer aus dem Gesicht wischt. Dann - tatatataa - THE DORF, mit Zepezauer, Florian Walter, Andreas Wahl, Simon Camatta und wie sie alle heißen, x-undzwanzig Människor. Angeleitet von Jan Klare für ein Roll over Beethoven. Mit Sousafon, 4 Posaunen, vier Gitarren, 4-händig Electronics und Drums, mit Vokalisation von Marie Daniels, die Blechpuster hinter Plexiglas, für ein Wechselspiel aus Conduction und vom Blatt. Beethoven, so wie er wirklich gemeint war!, so Klare, also mit Löwenmähne und ganz im Widerspruch zu Klares kleinkariertem Outfit. Mäandernd durch rockende Wildwasserläufe, durch pastorale oder lunare Passagen mit Strings und Gilda Razanis Thereminsounds oder, drittens, geleitet von Massive Attacks 'Safe From Harm'- Basspuls. Der Mond schaut vom gelben Sofa aus zu. Und der vierte Satz entfaltet sich vom flimmernden Tremolo mit schreitendem Tempo zu turbulentem Tutti, als Stop und Go, höher und höher und stufig wieder runter, Kick und Full Stop! Nix gegen Beethoven - Ludwig van Overman! Eines seiner späten Streichquartette und ein paar Bagatellen später mischen Wolfgang Puschnig als weißhaariger Don Quixote an Sax & Flöte, Herbert Pirker, Trommler bei Mario Rom's Interzone und dem Fabulous Austrian Trio FAT, & Wolfgang Mitterer selbst an Piano und sinfonischen Samples als NINE FOR THREE seine Beethoven-Hommage 'Nine In One' auf mit improvisatorischer Agilität, Feeling und Feuer. Gegen Eric Hobsbawms Befürchtung, dass sich der Jazz unaufhaltsam in eine zweite Version der klassischen Musik verwandelt, demonstrieren die drei seine ungebrochene Potenz, breitärschige Verhältnisse zu verpinschern und aus Marmor Götterfunken zu schlagen. 3

4 BERTHOLD SELIGER zeigt danach als Autor von Vom Imperiengeschäft. Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören die Machenschaften der Kulturindustrie auf, die mit ihren Stars & Spektakeln die 'niedere' Kultur sowas von zuscheißt mit ihrem Scheiß. Wer hat gesagt: Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meine Bazooka? ÉTÉ LARGE, eine von der Bielefelder Saxofonistin Luise Volkmann geleitete 12-köpfige multinationale Band mit Reeds, Cello, Flöte, Blech oder sanft gefingerten Keys, ist auf andere Art groß. Versponnen und fragil, mit kessem oder feierlichem Gesang von Casey Moir & Laurin Oppermann verstrickt in Songs wie von Dowland, Eisler oder Volkmann. Doch auch lauthals und feuerzungig da, wo es die Sache verlangt, nämlich der Kurzschluss von Rilke und Bukowski, von grünen Augen und Schneeglöckchen, Krawall und jazzverrockten good Times... u. a. Nach CHILLY GONZALES, der mit seiner Seehundtechnik & furiosem Boogie-Woogie-Gehämmer, das er mit Melodica einfängt wie ein flauschiges Küken, Jerry Lee Lewis mit Jamie Cullum verkuppelt, treffen der Drummer JONAS BURGWINKEL & Bassmann ROBERT LANDFERMANN auf den New Yorker Saxlyriker LOREN STILLMAN. Für eine Lektion in Sophistication, auch wenn Eric Hobsbawm dabei skeptisch am Rotwein nippt. BÖRT, das Kölner Quartett des Bassisten Lukas Keller, gibt, auf ähnlicher Wellenlänge klimpernd und saxend, den Sanftmütigen einen Vorgeschmack auf das versprochene Erbe. Die Geisterstunde dieses Geisterfestivals gestaltet mit ANDRÉ O. MÖLLER (git, voc, comp) ein Vertreter der Just_Intonation-Fraktion mit "Adjust/Just Add". Das Ensemble JUST SYSTEMRELEVANT mit Florian Walter (tubax, bcl, cl, voc), Julia Brüssel (vl, voc), Vincent Royer (vla), Deborah Walker (c, voc), Rebecca Lane (bfl, fl, piccolo fl, voc), Catherine Lamb (vla, voc), Bryan Eubanks (asax, ssax, voc) & Biliana Voutchkova (vl), intoniert zu einer von Wandelweiser-Meister Jürg Frey bespielten Klarinettenspur mikrotonale, der Rowetorik von Carl Ludwig Hübsch verwandte Dröhnwellen und levitierende Glissandos. Was für eine Mond- & Himmelfahrt, mit Möller als Liftboy eines Elevators, der nur in eine Richtung führt, up, up, and away. Von der Spontaneität der Moers-üblichen vormittäglichen Improsessions geben nun nachmitternächtlich die Bört-Saxerin THERESIA PHILIPP, der schwarzbärtige Bassist REZA ASKARI & HERBERT PIRKER noch einen zungenmilden Eindruck. UTE WASSERMANN, ELISABETH HARNIK, ATHINA KONTOU & ERHARD HIRT künden mit pfingstlicher Zungenrede, Birdcalls, Innenklavierpercussion, Kontrabass und phantastischem Gitarrennoise von einer arte-ohren unvertrauten Klangwelt. LIZ KOSACK, die SWR2-Jazzpreisträgerin 2019 als maskiertes Keysmonster, LUISE VOLKMANN, STEFAN KEUNE & ACHIM KRÄMER verwandeln schrillsten Jazzcore in eine sublime Therapie. Am Samstag erscheint der bereits als Geist erschienene CARL LUDWIG HÜBSCH (tuba) tatsächlich mit der belgischen Pianistin MARLIES DEBACKER & FLORIAN ZWIßLER (analog synth), die den Kahlwuchs von ETIENNE NILLESEN (snare drum) beide langmähnig überkompensieren. Für eine geräuschverliebte elektroakustische Session mit duster grollender (Table)-Tuba und von der Snare gekratzter oder geknarzter Diskanz. Die penetrante visuelle Dauerpräsenz von 'Miss Unimoers' dazu, ob als V-Effekt gedacht oder als 'witzig', ich findet sie schon die ganze Zeit als überflüssig und hier schlicht zum Kotzen, anders als etwa Seliger, der das transgenderisch inspiriert und wunderbar empfindet. Nach den gestrigen Sessions als Vorgeschmack, bringen Erhard Hirt (git, elec, dobro), Stefan Keune (ss) & Ute Wassermann (voc, vogelpfeifen) zusammen mit Hans Schneider (bs) & Birgit Ulher (tp) nun als VENTIL eine narrenfreie Bruitistik zu launig und luftig nuancierter Entfaltung. Wie da in konzentrierter Ernsthaftigkeit etwas ganz Spinnertes fabriziert wird, das empfinde ich als heilsam verstörend genug. Nach einem mit Sangsamples fantastisch mystifizierten, kindlich-elefantösen Drumsolo von Guilhem Meier als LFANT hat - O Jörgensmann, o Koltermann, o GrubenKlang - der Drummer ACHIM KRÄMER mit REZA ASKARI (kb), JAN KLARE (s) & HILARY JEFFERY an der Posaune ein furioses Quartett am Start, das die corona-bedingten Defizite zerhagelt und zertrötet. Von Jeffery mit Wrestler-Maske deklamierte Poetry harmoniert mit einem Wiegenlied, den Rest frisst der Rabe auf Askaris T-Shirt. 4

5 MITTERER, PUSCHNIG & PIRKER spielen Mitterers postklassisch verjazztes, soundartistisches "reluctant games", das NIELS KLEIN TRIO mit Robert Landferman & Fabian Arends bittet das von Susanne Blumenthal geleitete EOS KAMMERORCHESTER zu einem flexiblen Miteinander in jazzig-klassischen Calls & Responses und als Puschenkino für die Ohren. Aus Berlin brechen dann ex-surrogat Patrick Wagner (voc, g), Helen Henfling (g) & Jasmin Rilke (b) als GEWALT mit Drummachine, Slowcorethrashing und Sprechgesang-Verve gewaltsam ins Kontor. Bei geburt ein arschloch / misstraue mir, dir und allen, skandiert Wagner bei 'D-d-d-deutsch' und erinnert ein wenig an NTL. Gott bewahre, deine fetten jahre. Das nenne ich ein Kontrastprogramm. Wenn allerdings schon der Spiegel diese Gartenzwergpyromanie und Hatespeech gegen Spießbürger, TV-Moderatoren, Youtube- Stars und das eigene Spiegelbild für systemrelevant erklärt hat... Silke Eberhard (as) mit ihrem burgundischen Haarschopf, Elisabeth Harnik (p), Liz Kosack (elec), Almut Kühne (voc), Mariá Portugal (dr, elec, voc) & Yuko Oshima (dr) passiert das wohl so schnell nicht, auch wenn ich 51% - so nennen sich diese glorreichen 7 - dafür wäre. Dafür kommt ihre überkandidelte und krawallverschachtelte Wiederverzauberung der Welt nicht plakativ und simpel genug daher. Dabei könnten Riot Grrrls, erwachsen geworden und immer nur mit dem halben Himmel abgespeist, durchaus so klingen. Nach Antoine Arneras freakish-poileskem, tastenmanischem Nachtprogramm als GWYN WURST - Motto: The Wurst is yet to come - machen Johannes Schleiermacher (sax, fl, synth) & Max Andrzejewski (dr, synth, elec, voc) als TRAINING und auf eigene Weise quirlig, raukehlig und elektroverzwirbelt auf den Samstag den Deckel drauf. Uff, Sonntag, Moers klotzt und ich merke an mir schon erste Overkillsymptome. Dennoch: RAJESH MEHTA, Slidetrompeter & Weltbürger mit einem Koffer in Berlin, spielt mit Georges-Emmanuel Schneider (vl, elec), Keith O Brien (g, elec), auf dessen Brust der Kommunismus als friendly ghost spukt, & Chad Popple, dem einstigen Drummer im Gorge Trio, Sky Cage. Als überindische Bedröhnung und nadelfeine Akupunktur, mit Sägezahnbiss, diskantem Geigenschliff, schmetternder Trompete, mit Tablagroove, Elektromystik, Ventilgezischel und Besenbeat, erstaunlich, abgedreht und vielgestaltig. PATRICIA MARTIN performt mit Kai Schumacher, Benedikt ter Braak & Mirela Zhulali mit Evil Nigger & Gay Guerrilla, achthändig hämmernd, tremolierend, repetierend, Kult gewordene Pianomusik des Maverick-Composers Julius Eastman ( ). You don't have to call it Klassik! "I can't breath"-protest liefert dazu den bitteren Beigeschmack. PLAN KRUUTNTOONE in Gestalt von Hans Visser (g, objects, voc) und der Rotterdamer Reinier van Houdt an Piano & Akkordeon behämmern einen und belämmern einen mit überzwercher Poesie. Die Bildregie und Miss U. treiben mich dazu auf die Palme. Danach und nach 4 Flügeln - SJAELLE - 5 Engelszungen a capella. 5 Seelen im pfingstsonntäglichen, feierlich-folkigen Welteinklang, im Kontext hier die süßen Pflaumen zur sauren Milch aus Holland. Gefolgt vom Pianotrio GRÜNEN, das einem verspielt den sommernachtsträumerischen Kopf wäscht und für die Realität fit macht: Christian Lillinger wieder als Ausbund inspirierter Clicks und Crashes und kullernde Roulettekugel, Achim Kaufmann als kristalliner Algorithmus, Robert Landfermann als 'sprechender' Borborygmus. Made in Germany, ganz ohne Beschiss. Wo bleibt die Kaufprämie dafür? Zwischen der gewitterwolkig pulsierenden, klangfarbnuancierten Electronics-Drums-Synergie von JAN JELINEK & SVEN-ÅKE JOHANSSON und dem stupenden Dauerdrive des Posaunenveteranen CONNY BAUER mit dem norwegischen Lillinger DAG MAGNUS NARVESEN bietet nochmal Silke Eberhard mit POTSA LOTSA XL ihre kess swingenden Silk Songs for Space Dogs. Zu zehnt, mit all der potzblitzen Eloquenz und den mit Nikolaus Neusers Trompete und Gerhard Gschlößls Posaune aufpolierten, mit Klarinetten, Johannes Finks Cello und Taiko Saitos Vibes vintage-schick verfeinerten Klangfarben einer kleinen Bigband. Mit 'Schaffner' gibt's sogar eine ICE-flotte Encore. Den sonntäglichen Ausklang gestalten als der belgisch-italienische Elektrozweier LUMI- SOKEA Koenraad Ecker & Andrea Taeggi, der letztes Jahr schon mit Synthi-Oldtimern ein Moers-Highlight geliefert hat, funkycalifragisexy als Cyberdancefloor. 5

6 Der Pfingstmontag offeriert den weltmusikalischen Zusammenklang der Kölner Pianistin & Sängerin LAIA GENÇ mit HEIN TINT aus Myanmar in seinem diatonischen Trommelcockpit. Und gleich danach die GUNTER HAMPEL MUSIC + DANCE IMPROVISATION COMPANY. Nach Johansson mit Jg lockt auch der 83-jährige legendäre Vibraphonist & Bassklarinettist mit der scattenden & swinglesingenden Cavana Lee-Hampel, Johannes Schleiermacher (sax, synth) & Bernd Oezsevim (dr) die von Covid-19 Verbannten zum Dancing in Your Mind. Fünf Zweibeiner machen vor, wie's geht. Julia Brüssel (v), Marie Daniels (voc), Emily Wittbrodt (c) & Maria Trautmann (tb) wollen zwar nicht ganz weg von The Dorf, aber doch mal ohne Männer ganz HILDE sein. Für ein Ruhrpotpourri von Songs in freier Form und ohne Worte. Dafür sind Philipp Gropper (ts, ss), Philip Zoubek (synth), Petter Eldh (eb), Moritz Baumgärtner (dr) & Ludwig Wandinger (elec, live processing) als TAU 5 eine Berliner Boygroup, die mit elektroakustischem Dreh von Alphaville bis Andromega schwebt, quirlt und freakt. Die vom Lauf der Zeit auch schon etwas gefalteten Acher-Brüder stochern mit THE NOTWIST bei The Messier Objects explizit im extragalaktischen Nebel, auf einem Flow, der ostinat repetitive, ganz klar von Glass und Reich aufgegriffene Minimalmuster verschmilzt mit vibesbetontem post-kraftwerk/neu-groove, mit Markus A.s schmusigem Gesang, mit zu Micha A.s Tuba und Posaune gepafftem Ganja oder zwitscherndem Puls. Mit Tamika Mallorys brandaktuellem "Charge the Cops!" aus Minneapolis, freejazzigem Scratching und Trompetenalarm. Was für ein wildes, starkes Finish! Dass THE MAYFIELD sich als Bandprojekt von Heiner Goebbels (p, perc) herausstellt, ist keine kleine Überraschung. Mit Cecile Lartigau (ondes martenot), Nicolas Perrin (g, elec) & Camille Émaille (dr, perc) ist zudem die Besetzung einzigartig. Goebbels hat damit sein Stück Everything that Happened and Would Happen beschallt. Das Drama der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Europas blieb an diesem klangakribischen, kubofuturistischen, grandios eskalierenden Theatre pour l'oreille haften. Am Gegenpol zur Easyness von DAVID FRIEDMANs Vibraphon konterkariert die singende Drummerin MARIÁ PORTUGAL als improviserin in residence den Altosaxakzent von Filipe Nader & Angelika Niescier mit den Tieftönen von Moritz Wesp (tb), Carl Ludwig Hübsch (tuba) & Reza Askari (kb). Um nicht nur brasilianische Träume zu Grabe zu tragen. Mit freakjazzig-artrockigem Bossa Nova als traurig-wildem, dunklem Abgesang, der einem an die Gurgel, an die Nieren geht. Dass die Wirklichkeit, gerade jetzt, blutet, Portugals Musik weiß und erzählt davon voller Schmerz, Zorn und Tristesse. 3 Sessions beschließen das Experiment, via arte die treuen Moers-Hörer zu erreichen und neue zu gewinnen mit zuletzt Mr. Moers Tim Isfort, Thorsten Töpp, Klare, Portugal + Poetry und Urschrei von Miss Unimoers Matthias Heße. Dass arte das nicht gerade offensiv bewirbt - geschenkt. Ich bin dankbar für alles, was Covid-19 nicht als systemirrelevanz auslöscht. Dass die Moers-Macher selber ihr Maskottchen für sehenswerter hielten als die Musik, bringt mich allerdings ins Grübeln. Sind THE DORF oder THE NOTWIST nicht spannend, der Kontrast von PoiL und SJAELLE nicht groß, A. O. MÖLLER mit JUST SYSTEMRELE- VANT, die Pianoquartette von JULIUS EASTMAN und THE MAYFIELD nicht extraordinär genug? War das nicht Mond genug?! Ich jedenfalls beklage höchstens, dass mein Kopf nur Bruchteile des Gebotenen Musiker*innen! - fasst. 6

7 over pop under rock Aksak Maboul: Aksakmaboulipsis cum figuris Ist es zu fassen - nach dem ausgegrabenen "Ex-Futur Album" und der Live-"Revue" hat die belgische Kultband mit Figures (Crammed Discs, cram300, 2xLP/CD) ein neues, gewaltiges Opus geschaffen, mit all der Studiowizardry und dem Einfallsreichtum von Marc Hollander und der Poesie und dem Gesang von Véronique Vincent. Mit Faustine Hollander an Bass & Backing Vocals, Lucien Freipont an Gitarre und Erik Heestermans an Drums und, typisch Maboul, einem Kommen und Gehen jüngerer Freunde wie der ebenfalls 'Revue'-erprobten Aquaserge- Crew Julien Gasc, Audrey Ginestet & Benjamin Glibert, plus Martin Méreau an Vibraphon & Glockenspiel, Jordi Grognard an Klarinetten sowie dem Aksak-erfahrenen Fred Frith an Gitarre & Viola. Für etwas, das wie von Hollanders altem Crammed-Motto bestimmt scheint: "Fun & Cosmopolitanism". Nämlich wieder eine Song-Revue, geprägt von Vincents charmanter Darbietung ihrer phantastischen, surrealen Sophistication und durchsetzt mit skurrilen Intermezzi von Hollander allein oder zu wenigen, mit hier und da melodic or harmonic fragments which remind me of bits in old records that I like, a bunch of tiny, hidden tributes, in a way (wie er im Interview erläutert), wobei Montage, Samples und Found Voices größere Rollen spielen. So wie in Vincents Poesie die Nacht vorherrscht ('Taciturne') und Erebos, der Gott der Finsternis ('Silhouettes'). Sie umgaukelt einen mit 'Morels Erfindung', lässt einen durch Marienbad taumeln und durch Fellinis "8 ½", sie streift durch Robert Walsers 'Bleistiftgebiet', löst Georges Perecs Kreuzworträtsel. Sie singt: Für das süße Leben, Kieselsteine / knirschen, Dornen kratzen, ein grausames Rascheln / unter meinen Sohlen schreite ich dahin, ich schreite dahin, / ich pfeife den Wind, ich lache, ich bin da, eine Störung / der Atmosphäre... ('Histoires de Fous'). Sie lässt mich rätseln, wen sie mit 'C'est Charles' meint (Trenet? Charles F. Bleistift??), wer 'Sophie La Bévue' sein könnte (Taeubner-Arp?), deren Zeichnungen ihr vorkommen Comme deux virgules épinglées / D'un entomologiste ordonné. Ihre Boutique heißt 'Spleenétique', ihr Sortiment bietet barocke Tänze und tropische, hypnotische, utopische Zärtlichkeiten, die Hirn und Herz erfreuen. In 'Dramuscule' als He-She-Dramolett mit Steven Brown springt sie, von seiner Stimme im Kopf verfolgt, vom Balkon. Sie lockt dahin, wo die Stille den Traum singt und sich die heilige Schlange um ihre wahren Gedanken schlängelt ('Retour Chez A.'). Sie richtet, zwischen Freiheit und Einsamkeit, dem Nichts und der Multitude, die Augen wie somnambule Kristalle auf das verschlossene Eden ('Un Caïd'). Sie durchquert bei 'Fatraise Pulvérisée' zusammen mit Gasc poetische Wortfelder, die kein Mensch zuvor zu singen gewagt hat. Musik und Buchstaben, von Träumen diktiert. Und als finale Litanei (wie man sie eher von Étant Donnés erwartet hätte): La mélancolie der Zufall der Lärm / L'art l'amour les mots / La musique / Le silence / Et l'ennui / Le néant Le néant... PS: Doch es braucht beim Sturz ins Unendliche nur eine einzige Atomabweichung - ein Lukrez'sches Clinamen -, damit alles wieder von vorne anfängt. All das wird serviert mit poppiger Nonchalance, einer seltsamen Mixtur aus absurder, grundloser Heiterkeit und der leisen, somnambulen Melancholie Françoise Hardys, zugleich spritzig und animiert von durch Keys und Synthie abgefedertem Drummachinebeat und doch träumerisch. Lyrik und Musik bilden - wie Bilder von Magritte - so einen verwirrenden Insichwiderspruch wie ein Notturno uptempo. Gedankenschweres Kreisen um verborgenen Sinn und poppiger Leichtsinn finden ein fragiles Gleichgewicht. Vincent scheint die Umnachtung und das Jenseits von Eden zu genießen. Als wäre sie auf eine Enchanted Island versetzt, umgaukelt von Exoticamusik, beschwingt und enthusiasmiert von einer geringeren Schwerkraft. Selbst 'Sophie La Bévue' atmet als seltenes Andantino satiesken Spleen. Die Rhythmik überschlägt sich mit dem Zungenschlag in kuriosen Volten und Synkopen. Statt in traurigen Tropen, unter groben Naciremanern oder bei trägen Lotophagen, ist man mit Vincent als Puck in einem Sommernachtstraum, in dem einen Kassandrarufe nur lächeln lassen. Die Melodramatik und das Pathos von Brel, Ferré, Barbara oder Bashung sind nochmal verwandelt in French Pop, mit einem Spritzer 80er-Wave. Vincent verteilt, ganz lalala, Küsschen an das Nichts. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, als art de vivre in der geheimnisvollsten der Städte, dem 'Brüsel' der Schuiten-Peeters'schen Cités obscures. 7

8 Biohazard Biolizard Biowizard Bio P ss * Metal? Mit dieser Musikrichtung kann man mich ehrlich gesagt jagen. Ausnahmen fallen mir außer "Soused" (2014), jener kuriosen Zusammenarbeit der Experimental-Metaller von SunnO))) mit Scott Walker, wenig ein. Über meinen erweiterten Freundeskreis fernab der Freakshowszene besuchte ich im Juni 2018 ein Konzert von CHEMTRAILERPARK im Leipziger Werk 2. Trotz unmenschlicher Temperaturen wagte sich das Hardrock/ Metal-Trio aus Sunken Salokin (Guitars & vocals), Trailing Tyler (Bass guitars) und Cutting-Edge Edgar (Drums & vocals) in Bauarbeiteroveralls auf die alles andere als klimatisierte Bühne. Es folgte ein knallig-brachial-stimmgewaltiger, aber keineswegs plumper Auftritt. Knapp zwei Jahre später halte ich die erste Veröffentlichung von Chemtrailerpark in den Händen. Mit AFOCH (erschienen im Dezember 2019; erhältlich über Bandcamp) legt das Trio aus Freiburg im Breisgau leider kein komplettes Album, sondern "nur" eine EP vor. Der Name beinhaltet je einen Buchstaben aus den Titeln der 5 Songs: Have you ever walked on water / With scorched Feet and whys / ThrOugh the sewers / Beyond spectral ties / Trailing the skies. Schon das surreale, bunte und zugleich düstere CD-Artwork (von Drummer Edgar) hat es in sich. Das Cover des kermitderfrosch grünen Digipaks ziert neben dem Bandnamen eine Kirche, mit einem blutigen Fischkopf an der Turmspitze. Dazu im Inneren eine Heiligenstatue mit Sauerstoffflasche auf dem Rücken und ein Fass mit giftgrüner Flüssigkeit inmitten einer Gebirgskette. Auf der Rückseite, ein umgedrehtes Flugzeug, allerdings mit kaum sichtbaren Chemtrails. Die muss man sich deutlicher dazudenken. Spätestens jetzt dürfte klar sein, dass CTP sich selbst und ihre Musik nicht total ernst nehmen. 'Have You Ever Walked on Water' beginnt vergleichsweise harmlos, mit fast sanften Gitarrensounds bevor die Band richtig einsteigt. Der teils sehr melodische Gesang von Sunken Salokin offeriert hier ein Spiel mit religiösen, mythologischen und urbanen Schwimm-und-Tauch-Erlebnissen zwischen Jonas, Jesus und Odysseus ("Have you ever walked on water? Strolled the seven seas? Have you ever felt the waves carry your majesty?"). 'With Scorched Feet and Whys' liefert ein genau dreiminütiges, psychedelisches Instrumentalfeuerwerk, vermutlich fast bis zu üblen Blessuren (oder gar Versengungen) der Bandmitglieder. In 'Through the Sewers' ergießt sich quasi jeder erdenkliche flüssige Unrat im wörtlichen und übertragenen Sinn auf den Hörer, dazu vollführt die Gitarre zu Beginn lustige Effektspielchen, als ob hier heimlich noch ein kleiner Keyboard-Kobold seine dürren Fingerchen im Spiel hätte. Ab der Mitte verschwindet der zackige Rhythmus, um im letzten Drittel als Dampfhammer-Beat zurückzukehren und ein wahres Metall-Inferno zu entzünden. Was für ein intensiver Acid-Rain-Trip! 'Beyond Spectral Ties' fungiert als instrumentales Chillout-Intermezzo. Begleitet von Vögelgezwitscher ziehen sie nicht nur sanfte, entspannte Saiten auf, auch Cutting-Edge Edgar trägt Wollhandschuhe. Bei 'Trailing the Skies' darf der hochgewachsene Drummer groß aufspielen. Er gibt Gurr-, Raunz- und Zischlaute oder finsteres Gelächter von sich und reißt im zweiten Teil den Gesangspart ganz an sich, krächz/brüllend wie ein Berserker, der seinen Rachen mit Drachenblut geputzt hat. Das große Finale kommt als apokalyptischer Flug an der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, Himmel und Hölle, mit der Todesgöttin als Drachenkönigin, der man unweigerlich folgen muss ("The whitest, longest, sharpest trail I have ever seen emerges from the tail of a great dragon queen. A trail I just have to follow..."). Kein Wunder bei dem echszellenten Aussehen mit "starry eyes", "delicate clouding hair", "weary waist and thunder thighs"! Herrlich, diese überzeichnete Bildsprache und die Tongue-in-Cheek-Theatralik. Da wünscht man sich doch glatt einen Kontinentalflug mit dieser düsteren Metal-Airline. Muhahahah! Marius Joa 8

9 Sean Noonan: Noonward Ho! SEAN NOONAN, der unermüdliche Storyteller und Trommel-Griot in goldner Boxer-Büx, ist er nicht, mit The Hub, Brewed By Noon oder Memorable Sticks, bairisch mit Brooklyn Lager oder Picnic In Snow, kosmisch mit Malcolm Mooney in Pavees Dance, ein Held mit 1000 Gesichtern? Freilich nicht ohne Komplizen, Noonanier aller Couleur, neben brooklyner und bairischen auch britischen, für eine Europatour von Memorable Sticks nämlich Johnny Richards & Michael Bardon (von Shatner's Bassoon). Für Noonward (Copepod Records, POD15) bildet er ein nur mit Ho!Ho!Ho! quittierbares Portmanteau mit ALEX WARD aus London, der 2019 Furore machte als das mit Yetiblut gedopte, orgonverstrahlte, durch XIII Ghosts, Camp Blackfoot und Lol Coxhill durchlauferhitzte 'schlaksige Fragezeichen' bei den Flying Luttenbachers. Was für ein Typ, ob mit Klarinette im Duck Baker Quartet oder als gerade mal Teenager infiziert von Derek Bailey - mit Gitarre bei Noble- Edwards-Ward (aka N.E.W.) und bei Item (mit Andrew Lisle, dem Drummer von Shatner's Bassoon) oder mit beidem bei This Is Not This Heat. Als ob Ward, den ich schon 1997 beim Taktlos Festival mit Eugene Chadbournes Hellington Country spielen hörte - 10 Jahre bevor mich The Hub noonanifiziert hat -, nicht schon genug Sympathiepunkte hätte als Spielgefährte von John Edwards und Weasel Walter, bereitet er mir auch noch Gänsehaut mit Hayward & Bullen. Auch bei "Noonward" spielt er Klarinette und E-Gitarre, und von den neun Stücken, jedes ein Ausbund gestaltwandelnder Phantastik, gehen vier auf seine Brainwaves zurück. So gleich 'Packed' mit crashigem Drive, freakrockiger Verve und 16tel- Staccato, als Sprint eines eisernen Tausendfüßers. Ruft das schon breites Grinsekatzengrinsen hervor, folgt Noonans 'Wrinkles of Time' als katzenjämmerlich unrunder Sang, mit kirrender, tirilierender Klarinette und so krassem Hendrixfuror, dass sich die Haare sträuben: I walk a line in the wrinkles of time, mit Weasel-Spirit. 'The Stated Aim' sprintet wie Wile E. Coyote auf Zehenspitzen, scratchy und looney, launig rhythmisiert, mit harmlos tuendem, chimesumrauschtem Sichanpirschen, tremolierender Spannung und krachiger Attacke. Für 'White Light' zickzackt Ward eine klarinettistische Skyline und führt mit dunklen Gitarrenfiguren zu einer muschelumraschelten Lichtung, auf der sich Schlangen in mystischem Mondschein sonnen. 'Circle of Willis' pusht das Hirn mit ebenso ostinater wie quirlig aufschäumender Gitarre, kapriziöser Klarinette, pikantem Getrommel. 'Leaf Count' stimmt Ward aber herbstlich-giuffre'esk an, zu paukigem Pochen, Tocken und holzigem Klacken, hin zu überkandidelt klezmeresker Euphorie, bis der Abend dämmert. Für 'Concrete Sleeper' springt er von schroffen Gitarrenriffs zu ultravogelig deliranter Klarinette, die verstummt für verhaltenen, verbogenen Gitarrensound, beides pointillistisch beticktelt und betupft. Bis zuletzt die Gitarre aufbegehrt, aber wen schert im Asphaltdschungel das Geschrei eines Obdachlosen? Anders Noonans 'Man No Longer Me' mit seinem sturen, trommelumwirbelten Staccatozweiklang, bockigen Intervallsprüngen von Gitarre und Klarinette, rauem Riffing, stonerdunklem Pauken und heiserem Koyoten- Gesang: Oh, he never cries, never cries. 'Funnel Weaver' tastet zuletzt vorsichtig aufs Licht am Ende zu, mit zarter Gitarre, die mit blinden Schritten durch labyrinthische Winkel drängt und tremolierend, kapriolend, insistierend aufs Helle zustrebt, ohne Faden, aber mit Schwert. Krassere Arpeggios als Ward sie auf die Saiten pfeffert, sind kaum vorstellbar, und Noonans komplexer Beat kitzelt dabei Synapsen, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hat. So wie seine Faszination als 'Storyteller', sein Mundwerk, manchmal sein meisterliches Handwerk fast vergessen ließ. "Noonward" rückt da haufenweise Ausrufezeichen wieder dahin, wo sie (auch) hingehören. 9

10 Dass nur so taffe Gitarristen wie Aram Bajakian, Norbert Bürger, Ava Mendoza oder Alex Ward und so grandiose Bassisten wie Tim Dahl und Jamaaladeen Tacuma seiner Intension, seinem Eifer, entsprechen, ja ihm überhaupt gewachsen sind, verrät viel über SEAN NOONANs Intention, sein Bestreben, als Composer, als Drummer. Als Musiker, der überzeugt ist von Musik als Möglichkeit, to spread joy and optimism up to the maximum, gerade in Zeiten, die das bitter nötig haben. Die Spannweite der Phantasie, seiner Phantasie, kann dafür gar nicht groß genug sein. Für seine Rockoper "Zappanation" hat er 2016 vier abgebrühte Jazzer, das Ligeti String Quartet und einen sardischen A-cappella-Chor unter einen Hut gebracht. Und der Reiz der Stimmen war so groß, dass er sich erneut zusammentat mit Manuel Cossu (Bariton), Matteo Siddi (Tenor), Alice Madeddu (Sopran) und nun Eva Pagella (Mezzosopran) - für Drumavox (Noonansmusic 1008) - acht Songs, nur Stimmen und Drums: Aus 'As the World Spins', 'Don Knotts' & 'Where could I go' (von "The Aqua Diva"), 'He Skarbnik He', 'Pussy Cat's Gone Wild' & 'Bia' (von "Man No Longer Me"), 'Krasnoludki's on my Mind' und 'Silkie from the Sea' spinnt Noonan ein überkandideltes Etwas, das seine "Wandering Folk"-Theorie unterstreicht. Dass Barden und Storyteller als Entertainer Geschichten und Melodien aufschnappen, promenadenmischen, weitertragen. Als ohrwurmige Infektion von Mensch zu Mensch, als Mix von Hochgestochenem und Poppigem, Tall Stories und rührenden, unheimlichen und komischen. Der Chor aus Cagliari bringt das, in Rot und Schwarz und mit Kajal-Augen, akustisch mit sakralem, optisch mit Gothic-Flair: Matt 'Steel' Siddi als Metal-Crooner und Selfmade-Video-Star "Gesù di Cagliari", die andern mit theatralischem oder frommem Augenaufschlag auch schon vereint bei Cossus Pop-Oper "Il Templare". Aber was sie hier durchgeknallt gospeln dürfen, als krachig rockendes SwingleSing-Musical, in das sich Noonan auch vokal einmischt, ist ausnehmend bizarr und schwindelerregend. Camerata Mediolanense meets Koenjihyakkei, mit multiplexer Stimmführung und freakrockiger Verve. Als Mutter Erde in jubilatorischgalaktischen Pirouetten. Aber mit dunkler Vorahnung: Like a last ship... Was da auf Koboldsohlen munkelt, beginnt, lauthals im 7-Zwerge-Delirium, einen Kriegstanz und fleht zu Skarbnik um Schutz. Noonan klopft zum nach Freiheit verlangenden Chor und zu Ketchak- Staccato trommeläffisch, bis die Stimmen psychedelisch verhallen. Das live gern dargebotene Märchen vom 'Great Silkie', in dessen Haut er auf "Man No Longer Me" geschlüpft ist - ein pathetisches Madrigal, dann zu Paukendonner heulend, mit pathetischer Reprise. Eben noch als doo-woppige Pussycat mit Katzmiau im Zoff mit Hundegekläff, jetzt bitter und elegisch, als Heimatlose, verirrt in der Fremde, metallisch befunkelt, von Muscheln umraschelt, trist bepocht, voller Heimweh. Und nochmal werden polnisch die Koboldbeinchen geworfen, alle Macht den Zwergen, die gilfend die Hämmer schwingen! 'Bia' erklingt zuletzt aber wieder feierlich, fast sakral, zu dräuender Trommel zwar, doch fest entschlossen zu Flug und Flucht: I fly away. Wenn das nicht extraordinär ist, von der gewaltigen Trommelrhetorik bis in die Zungenspitzen, was dann? 10

11 Joseph B. Raimond - Doc Wör Mirran (Fürth) Es ist kein Geheimnis, wer der Kopf (Arsch, Schwanz) von Doc Wör Mirran ist, denn JOSEPH B. RAIMOND hat oft genug dafür seinen Kopf (und den Rest) hingehalten. So dass er einem als Joe vertraut geworden ist. Aber was heißt schon vertraut? Er wird ja selber nicht müde, sein Spiegelbild zu fragen: Wer und was ist denn dieser Joe (Mirran Thought, Read Nineteen, MT-618)? Eine Kackfresse? Ein Schwanzlurch? Eine Tittentussi? Ein Ekelgeiler? Ein Cowboy? Ein Labyrinth? Ein Riesenross? Ein Baum? Ein Baby? Ein Picasso? Ein Wichser? Ein Clown? Sich selber ein lebenslanges Bilder-Rätsel. Allemal ist er einer, der seine Lebensfragen in Worte zu fassen versucht, in die Dreizeiler von Human Being Horny (Read Twenty, MT-619) & The Ghost Of Empathy (Read Twentyone, MT-620), die er 'Western Haiku' nennt. Dass er dabei auf das 17-Silben-Schema pfeift und Jahreszeitliches mit konkreten Beobachtungen und persönlichen Empfindungen mischt, ist nicht untypisch für einen Haijin of the Western World. Auch wenn, ebenfalls haiku-typisch, so gut wie alles offen bleibt, offenbart sich Raimond da - einmal at home, das andermal on the road - als Liebender, als A poet sitting in the sun / Risking a sunburn / For a bit of inspiration, als ein melancholischer Sohn, Vater, Urlauber, Halbstarker, Girlwatcher, Leser, Beatles- & Star_Trek-Fan, Bier- & Kaffeetrinker, als alternder, hoffender, philosophierender, geiler, musikberauschter, exfraugeschädigter, depressiver, arroganter, Kunst machender Joe of all trades / Master of none / Except, perhaps, washing dishes, als angewiderter Beobachter von Touristen, als Seelenverwandter von Hunden, einem Käfer, einer im Kreis sich abmühenden Ameise, als Lauscher (Leaf against lead, rustling / The forest is an orchestra / The music of summer), als einer, der voller Tristesse mit der Marschrichtung der Zeit hadert, als Jo-Jo im Up & Down der Gefühle, den es von I've got my house / I've got my love / To hell with the world immer wieder runter zieht zu In this nightly, midnight gloom / Love, happiness, sun and warmth / Never existed, nor ever will. Joe Raimond hat einen Hang dazu, Vergangenem, Versäumtem und Verlorenem nachzuhängen, sich mit seinem Herkommen rumzuschlagen und Toter zu gedenken, mit Mementos an Marty Balin (+2018) von Jefferson Airplane, Holger Czukay (+2017), Oliver Sacks (+2015), Jaki Liebezeit (+2017), Keith Flint (+2019) von Prodigy. Und er beugt sich immer wieder gern (?) über die eigene Vergangenheit mit DOC WÖR MIRRAN. So fördert er als 'Historical Obscurity Vol. 4' mit Pop (Miss ManagemenT, Have Seventeen, mt-613, CDr) Sachen zutage, die, anders als Vol. 3 "Industrial", DWMs psychedelische Ader zeigen, weirde Songs, die die Vorstellung von 'Pop' paisleymustern und kolorieren. Songs, die der Zeit die Hammelbeine langziehen, mit trippigem, hippiesk verstrahltem Cipollina-, Garcia-, Gilmour-Sound, aber auch rotzigen Punk-Gitarren, Fuck-all- Superstars-Vocals und sarkastischem Humor. Es sind das remixed & re-recorded versions von Zeug, das einst auf "Severe Pig" (1989), "Gravy Slam" & "Save The Fish" (1991), "Phlegmboyant / Parp" (1992), "Doctors Fighting Wars For Man" & "Acoustic Penis Convention" (1994), "Un(Butt)plugged" (1995) oder "Change" (1997) zu hören war, auf Vinyl gerillt in DWMs Blütezeit. Mit spöttisch anspielungsreichen Titeln wie 'Chaka Can't', 'Chumbawannamakemoney' oder 'Punk Floyd' und für sich sprechenden wie 'I Want To Be A Machine', 'Honky Tonk Tits' oder 'Set The Chuckoobird Free'. Bekenntnisse zu matschigen Hirnen und schlappen Schwänzen, Taktvorgaben von Fräulein Niemand, abstruse Lyrics, stilistische und anachronistische Promenadenmischungen aus Pink und Punk, surfend auf Anything-goes-Wellen. Songs, die dafür taugen, einem den Dickschädel zu schmelzen oder den Vogel rauszuhauen, Tall Stories aus den Niederungen und Hic-Sunt-Leones-Winkeln des Pop, mit dem Tian'anmen-Massaker ('Peking 1989') als einem der Gründe für Kopfschmerzen. Ein anderer ist die 'Evolution' als solche - als Haiku: Charles Bronson -> Charles Branson -> Charles Manson, als Song einer der besten von DWM. Ob 'Save the Dormouse' bei Trespassers W oder 'Save the Fish' bei DWM, es geht, zum Kuckuck, um Sein oder Nichtsein. Um to die, to sleep - To sleep, perchance to dream... 11

12 I had too much to dream last night... too much to dream, schreit Sea Wanton bei Non Toxique Lost, und zitiert da mit The Electric Prunes Urahnen von DOC WÖR MIRRAN. Man erwacht und der Traum ist dahin. You were gone, gone, gone. Wahr sind - nochmal NTL - bloß die Erinnerungen. Oft genug eingeschlafen, sind sie doch zäh. Pencil (Miss ManagemenT, Have Eighteen, mt-622, CDr) weckt Erinnerungen an TELEPHERIQUE. Und an den 8./9. Juli 1995, als Danijela, Klaus & Rene Jochim zusammen mit Joe Raimond und Peter Schuster (Tesendalo) jammten, wie durch "Schaschlik" (MSBR, 7") bezeugt ist. Telepherique sind seit 2008 der Klangwelt abhanden gekommen, um Tesendalo war es zuvor schon still geworden. Das sind so Geschichten, denen "Pencil" zwar kein neues Kapitel oder Postskriptum hinzufügt, aber es werden dem Vergessen 2 x 24 Minuten entrissen, die aufrauschend über dem Schädeldach zusammenschlagen. Als brausende Brandung, klopfend, pulsend und dröhnend, schäumend wie Gischt, im grollenden Flow, in dem sich Außenwelt und Innenleben verknoten. Das dunkle Ambiente einer Werkstättenlandschaft, in der, von Regengüssen überschüttet, gehämmert und gescharrt wird, ohne dass ich da irgendeinem Realismus das Wort reden möchte. Zu sehr rumoren da Widersprüche, wie sie sich eher im (Unter)-Bewusstsein oder der Erinnerung verdichten, wo sich Vogelgezwitscher und harmonisches Dingdong mit donnerblechernem Unwetter und abgründigen Basstönen - wie vom Herz eines gestrandeten Wals - mischen. Dann, andere Hirnhälfte, entrauscht sich das Ganze für harmonisch schwänzelnde, brummig umschweifte Wellen und Gitarrensound in kaskadierendem Delay. Dazu tupfen die Fünf perkussive Akzente von Cymbal und klackendem Holz, sie schrauben und kitzeln schnarrende Impulse hervor, Stimmloops, sirrende Effekte, einen pumpenden oder tubatief quarrenden Zweiklang, durchwegs auf dunklem, träumerischem Fond. Eine Grundierung, die alle Impulse und Akzentuierungen, alle Action sanftmütig erträgt und trägt, einen gitarrensaitigen Loop ebenso wie kiesige Schüttung. Perchance to dream... Nein, gar nicht vielleicht. Jad & Joe (Ebus Music, EM076, 12", clear vinyl) ist ebenfalls schon vor über 20 Jahren entstanden, doch Carsten Olbrich (Schmertz Der Welten, Mr. Ebu) förderte erst jetzt ans Tageslicht, was JAD FAIR & DOC WÖR MIRRAN damals fabriziert haben: Acht kleine Lieder, von Joe in Musik gefasst mit Gitarre, Bass & Drummachine, wie 'Apple Peach', oder mit Keys/Synthie (?) wie 'Man Beast'. Jad quäkt wie durchs Telefon, er sprechsingt und ist besonders bei 'Grandpa's Wooden Leg' ganz der extraordinäre Jad, wie man ihn gekannt hat, bevor auch er sich rar machte. Immerhin ist er mit R. Stevie Moore für "The Great American Songbook" (2014) noch so gut wie ganz der alte gewesen und bei "Yes" (2015 mit Norman Blake von Teenage Fanclub) und "Don't Give Up" (2016 mit Kptmichigan & Hificlub) sucht er als Dr. Feelgood seinesgleichen. Zu 'Superfine' beatboxt Joe "bum-bumbum" und lässt Spatzen zwitschern. Bei 'I Cannot, I Will Not' hört man Jad noch quengeln, 'Go Ahead!' zeigt ihn zu monotoner Gitarre so zerrissen wie seine noiseverzerrte Stimme, aber bei 'Hooray Hooray Hooray!' ist er, obwohl low-fi-versumpft, ganz außer sich vor Optimismus. 'Tarnish' schleppt sich in der Hitze wie mit Sonnenstich dahin, die monotone Gitarre trottet als kurzer Schatten mit hängender Zunge nebenher. Nicht jede Erinnerung ist wahr, aber alles, was einen JETZT lächeln lässt, ist es. 12

13 Covfefe (Have Nineteen, mt-623, CDr) ist die Studioversion des Konzertes von DOC WÖR MIRRAN am beim Braille Satellite Festival nahe Vilnius. Das Konzert selber war schon zu hören als "Covfefe Live" auf einer C-60, die Michael Wurzer 2018 auf Clockwork Tapes herausgebracht hat. Joe Raimond mit Guitar, Bass & Ukulele, Stefan Schweiger mit Samples, Accordion & Toy und Wurzer mit Synthesizer - das ganze Programm: 'Jedwabne', 'Alternative Facts', 'Don't Worry', 'That Infinite Space Between Your Ears', 'Covfefe', 'Wish You Were Her', 'Unexplored Body Parts' - bis dahin spielten sie das auch am im Provino Club Augsburg, eingefangen als "Alternative Facts" - und weiter mit 'Germany Calling', 'The Tender Flesh Of Weakness', 'Sleepless Dreams' und 'Phuture'. Der Einstieg scheinbar idyllisch, mit Vogelstimmen, aber dann mit dumpfen Detonationen, elegischen Glocken und martialischen Turbulenzen doch ganz woanders und beim Thema: Dem Massaker von Jedwabne, einem tatsächlich polnischen Judenpogrom 1941, wenn auch animiert durch die Nazigräuel, die die Freunde alternativer Fakten als bloßen Taubenschiss in der deutschen Geschichte wegwischen. Was schön ist und zärtlich, geht unter in Noise und dem infamen Geblubber des US-Präsidenten, auf dessen Twitterkonto ja auch der Titel geht. Die pink singende Psychedelik-Gitarre und himmlischer Singsang versuchen sich als Balsam, aber vor stampfend aufmarschierendem Beat ist das fürn Arsch. Doch macht der Scheiß aus deutschen Volksempfängern beim plunderphonischen 'Germany Calling' gleich wieder bescheiden. Monotoner Beat und kurvendes Surren deuten an: Der Geist ist überall schwach, und Exkursionen in die Unendlichkeit zwischen den Ohren geraden schnell inter faeces et urinam. Oder man dreht sich im Kreis, tagträumend, von Gezwitscher umloopt. Die längst durch- und abgewunkene Zukunft hätte doch so crazy werden können wie Robert Hunter ( ), dem "Covfefe" gewidmet ist, es mit Jerry Garcia in 'China Cat Sunflower' erträumt hat. So wird sie wohl eher chinesisch werden, mit Pipa und so kuriosem Pipapo wie gelber Gymnastik, einsilbigem Akkordeon und quietschbunten Teufelskreisen. Mit Yink & Yank (Read Twentyone, MT-624) lebt [zu gut, um es in 'legt' zu korrigieren] JOSEPH B. RAIMOND gleich noch ein weiteres Bändchen neuer Gedichte vor. Ein Yankee- Yin & Yang mit, wie immer, selbstporträthaften Zügen, nicht als Haikus, sondern wieder als prosaische Lyrik in freien Versen, auf Mittelachse zentriert, mit oft nur ein, zwei, drei Wörtern pro Zeile. Gleich 'Cobblestones' ist in Thema & Tenor ganz Joe: It just / Aint / Anymore / What it once was... als Grundstimmung - Today / Only the beer / Is just as good... So / Yes, / I'll have another / Please als bierförmiger Anteil seines thematischen Fächers aus Poesie, diagnostiziertem Penisneid als dem Motiv für die Gier nach Geld und Macht, seiner Liebe zu Conny, seinem perfect angel, seinem Hadern mit den eigenen Schwächen als Mr. Bendable, seinem Brass auf Arschlöcher, arrogante und debile, auf Trump-chumper, Red-necks, Religion, auf Con-men / Hiding under their plastic / Cruzifixes, auf alles, was nur artsy-fartsy ist, der Hartnäckigkeit, mit seinen eigensinnigen Worten eine Zecke zu sein, die den Rassisten, Machos und Faschos den Stinkefinger zeigt: I'm a rebel with a cause... don't even dare / To call me entertainment. I am my own / Culture. Punktum! Rich, famous / Special / No thanks / I'll stick to my dry land / Gravity / And reality. Als sich selber treuer Teil der Counter-Culture gegen den mighty dollar, das Make America Great Again!, das die Augen davor verschließt, dass der Amerikanische Traum längst ein Alptraum ist. Wenn doch nur... Wenn doch nur nicht... We claim to reach for the stars / But most of us would rather / Wallow in our own shit... we throw around words like / Freedom and liberty / But then we vote / for the tyrants and despots / Anyway. Auch daher: The gloom / That dark world of despair / Always within my grasp / My only lifelong / Companion. Darum immer wieder Vanitas! Vanitatum Vanitas! My dad is gone now / Tom took his own life awhile back / Frank died years ago // Jerry Garcia, Frank Zappa / John Lennon / Hundertwasser / So many of my heroes are already gone. Bissige Hunde, the yapping Dogs of war and peace, hängen ihm an den Hosenbeinen, und unaufhörlich zupfen das Altern und die Auslöschung am Ärmel. My heart still feels so young / But the mirror / Tells me otherwise. Gerade noch Snoopy, bald schon Staub und nicht mal mehr eine Erinnerung. Doch zwischen the gloom and the doom / Lies my few minutes of / fleeting happiness. 13

14 ... over pop under rock... MATT ELLIOTT Farewell To All We Know (Ici d'ailleurs, IDA141, LP/CD): Sag keiner, der Singer-Songwiter oder, da er in Frankreich lebt, Chansonnier formerly known as The Third Eye Foundation ginge seinen Weg nicht konsequent. Seinen "Drinking... Failing... Howling Songs" ließ er "Failed Songs" & "Songs of Resignation" folgen. Als ein Gescheiterter und Gebrochener, schon mit Geistern per Du, aber zumindest anfangs noch nicht so selbstbezogen auf sein gebrochenes Herz, dass er nicht auch den Untergang der "Kursk" oder die Ermordung von Liam Attwell beklagt hätte. Mittlerweile hat sich der Nebel weiter verdichtet, aus dem er als Nebelhorn der Vanitas ertönt, als Windhauch aus dem Buch Kohelet, mit Lamentos über die Flüchtigkeit, Nichtigkeit und Absurdität der menschlichen Existenz. Der Fall vom himmelhoch jauchzenden Verliebtsein ins Down & Out eines Verlassenen ('Bye Now'), das When you left without a word ('Aboulia'), ist nur der Spezialfall eines Verlierens und Hinschwindens, das sich im permanenten Abschiednehmen üben sollte. Auch wenn wir weiter tanzen, stolpern, ackern, bleibt das Mantra doch Say goodbye and so long / Say farewell and adieu. Elliott singt das als Blutsbruder von Bonnie "Prince" Billy zu gezupfter, von Fado-Wehmut durchwehter Gitarren-Tristesse, Piano, Bass und Cello, als Troubadour des Nichtglücks, mit Wurzeln bis zu Dowland und Cohen. Gute Absichten wie to leave all my grief and woes behind / deal with whatever is thrown with a smile on my face / leave cynicism way behind, die gelten frühestens übermorgen ('The Day after that'). Denn im Grunde ist eh alles zu spät und alles vergeblich, also lass los und sag Tschüss. Sicher ist: We're blind, lost, cold and afraid / Growing old and turning grey / Buy, eat, sleep, pray / Take your place amongst the graves / Like good little slaves ('Hating the Player and the Game'). Nichts als Cafard und Apulie, nur die Toten reiten schnell ('Can't Find Undo'). Selbst wenn in Flammen Sekhmet erscheint und Do not fear your death my friend, fear life and all it's pain spricht, bleiben nur Asche, der Geruch von Regen und Enttäuschung. Als Trost raunt Elliott, mit noch dunklerem als Kurt Wagners Lambchop-Timbre: 'The Worst is over' - die magere kleine Schwester des 'Glücks nicht geboren zu sein'. INFAMIS Heimat und Verwesung (Moloko +, plus 114, LP/CD): Ornament und Verbrechen, Mode und Verzweiflung, Heimat und Verwesung, das riecht doch gleich nach Menschenfleisch und Künstlergeist. Ein Geist, der sich auf den Spuren von Element Of Crime erstmals auf "Metaphysics" (1994) manifestiert hat, der sich aber in Gestalt von René Schwettge schon von 1987 an bis heute durchzieht, in existenzieller Alternative-Country-Lakonie rockend und mit begnadet sonorem Bariton. Dabei so ostdeutsch wie Karl Mays Helden, mit zuletzt "Im Westen der Himmel" (2013 auf Wenders Music) als großem Kino, das Wim Wenders ein "Uff!" entlockte. Mit Maren van Ham, Pierre Moulin, Tomas LePus und Benno Verch mit seiner Vorgeschichte als Drummer von Herbst In Peking als Schwettges Wild Bunch, der da aus schwarzer Nacht am Rosa-Luxemburg-Platz auftaucht für einen Showdown an der Volksbühne, der jedoch bloß als Farce über die Bühne geht. Danach ersehnt sich der zweifelhafte Held vor dem dunklen Horizont eine Sie für den 1 großen Moment. Für ein Hand in Hand beim Apokallypso, Komakallypso, in der Wüste des Realen, dem Death Valley vor der Tür, dürstend nach Utopie. Gut Freund mit der aufgeschobenen Zeit, dem nicht abgefahrenen Zug, durch die Blume bittend: FAHR NICHT BLEIB HIER FAHR NICHT BLEIB HIER. Bleib bei einem verkannten Dichter, humpelnden Piraten, ewigen Verlierer, einem Greenhorn, dem schon der Winter angebrochen ist, mit nur noch der leisen Hoffnung, dass der 1 Tag kommen wird, an dem wir reiten und retten und 'Helden' sind. Wird er kommen? Yes, no, perhaps, singt van Ham mit dunklem Alt. 'Peters Plan'? Peter Wer? Peter Pan? Mit dem Kopf durch die Wand. Alle an die Wand. Und hinter der Wand? Nach Dämmergrau, nach Zucken und Rauschen, nur 'Schwarz'? Schwarz wie die Summe der Sätze in 1 Buch, das ganze Gerede. Es ist doch schon alles gesagt, jeder Ton, jedes Spiel ist gespielt, Jahre des Lebens... Tadellöser & Hund, Miesnitzdörfer & Jensen. Wo gehts zum Ausgang, zum Licht? Ach Bloch, mal im Ernst, ist einem Maulwurf ein kackbrauner Himmel nicht Schönheit des Seins genug? Wozu der eilige Beat, wenn in aus sanfter Ironie aufschäumendem Pathos die Heimat nach Verwesung duftet? 14

15 nowjazz plink'n'plonk Jazz is not dead - it just smells different von MBeck Theon Cross * Während uns in den letzten Jahren skandinavische Labels wie Hubro und Rune Grammofon mit weitgehend akademisch fundiertem, experimentierfreudigem Jazz von so großartigen Gruppierungen wie dem Fire! Orchestra erfreuten, weht in letzter Zeit frischer Jazzwind von der europaabtrünnigen Insel herüber. Junge Jazzer, wie der 1992 in London geborene exzellente Drummer und Leader von MOSES BOYD EXODUS bewegen sich unverkrampft, aber stilsicher, in der Jazzhistorie, reichern diese mit anderen Einflüssen an und setzen damit neue Impulse. Boyd, dessen Vorfahren aus der Karibik stammen, startet in seiner Displaced Diaspora (Exodus, XO002, CD/LP) in die 'Rush Hour' mit Afrobeat, Batatrommeln und Yoruba Chants featuring Kevin Haynes Grupo Elegua, die auch bei drei weiteren Stücken für den Gesang und nötigen Drive sorgt. 'Frontline' ist sehr rhythmisch und tanzbar. Durch den Einsatz von Theon Cross' Tuba anstelle eines Stringbasses bekommt das Stück eine holprige, rauhe Gangart. Die Bläser (Saxophone: Sam Eagles, Binker Golding, Nathaniel Facey, Kevin Haynes; Bassklarinette: Nubya Garcia; Trompete: Dylan Jones; Posaune und verantwortlich für die Arrangements: Nathaniel Cross) duellieren sich mit der Gitarre von Artie Zaitz. Bei 'Rye Lane Shuffle' treibt Boyds Drumming mit filigranen, punktgenauen Pulsen Joe Armon-Jones am Synthesizer und die Bigband in Technomanier vor sich her. Bei 'Axis Blue' versetzt uns Artie Zaitz mit Hammond und Wurlitzer zurück in unsere Jugendzeit, während die Sängerin Zara McFarlane mit dem stimmungsvollen, verträumten 'City Nocturne' jazzgeschichtlich noch weiter zurückgreift: Lead me to the place where my dreams come true. Das dient jedoch nicht (wie vielleicht an manchen Hochschulen für Jazz) altbackener Traditionspflege, sondern führt zu spannenden Kreationen mit neuen und vertrauten Stilelementen, wenn Terry Walker und Louis VI bei 'Waiting On The Nightbus' das Spektrum erweitern durch eine Verschmelzung von Soul und Rap. Moses Boyd 15

16 * Auf seinem neuen Album Dark Matter (Exodus, XO001, CD/ 2xLP) bewegt sich MOSES BOYD bewusst noch weiter weg vom verkopften, intellektuellen Jazz der Sorte, die sitzend im Konzert oder bequem, wenn auch konzentriert zu Hause im Sessel aufgenommen wird, hin zum Dancefloor. 'Stranger Than Fiction' mit einem sehr rhythmischen Drums- und Drumsprogramming-Background (beides aufgrund Boydscher Technik praktisch nicht zu unterscheiden) entwickelt ein recht sanftes Klangbild von Synths (Joe Armon-Jones), Gitarre (Artie Zaitz) und Bläsern (wieder die Crossbrüder, Nubya Garcia, Michael Underwood und Ife Ogunjobe). Bei 'B.T.B.' [blacker than black] prallen karibischer Soca (sechs Bläser) und Jazzrock (Gitarre) aufeinander. Den Mut machenden Soulpop der Sängerin Poppy Ajudha unterlegt Boyd bei 'Shades of You' mit präzis getrommelten Dauerschleifen und unkendem Bass: There is beauty in your darkness / So much colour in your soul. Die ständigen Shoutings bei 'Only You' erinnern stark an Platten von Pharoah Sanders. Das Keyboardsolo bei '2 Far Gone' geht in Richtung Techno. Bei 'Dancing In The Dark' rappt Obongjayar von Schmerz und Finsternis: Demons walk the corners / The streets are rife with vultures / I've seen men turn to God and needles / I know evil / I know hate. Als äußerst präziser und virtuoser Jazzschlagzeuger und Studiowizard kombiniert Boyd smoothe Bläser mit quirligem Arpeggio und afrotronischem Drive ('Y.O.Y.O'), aber experimentiert auch, wie bei 'Nommos Descent' mit Nonku Phiri aus Jo'burg als Medium für die Ahnengeister der Dogon, abseits ausgetretener Jazzpfade. * Einen deutlich kernigeren Schlag führt Boyd auf Fyah (Gearbox Records, GB1550, CD/LP) von THEON CROSS, der sogar erst 1993 geboren ist. Dessen bei Shabaka Hutchings' Sons Of Kemet, dem Flaggschiff der afrodisaporischen BritJazzszene, gestählte Tuba röhrt (wem zum Brassbass im Jazz nur Dixieland einfällt, dem werden die Ohren wackeln) vom Uptempofire der Drums getrieben gleich bei 'Activate', und beide Instrumente liefern ein rauhes Fundament für Nubya Garcias Saxophonspiel. Sie ist, ob mit straffen Dreadlocks oder wildem Afro, zusammen mit Sheila Maurice-Grey und Cassie Kinoshi aus der Frontline von Kokoroko, eines der femininen Ausrufezeichen des This is Black London NOW! -Jazz (der jetzt mit Tony Allen einen seiner großen Anreger betrauert). Im weiteren Verlauf kehrt sich das um zu einer Dauerschleife des Tenorsaxophons und einem furiosen Tubasolo. Diese Triobesetzung bestreitet sechs der acht Stücke, wobei Garcia oft schöne, weiche Melodien bläst, während Tuba und Schlagzeug diese rustikal kontrastieren, bei 'Radiation' im Tempo deutlich verlangsamt. Seine Virtuosität und die von Bob Stewart, Marcus Rojas und Oren Marshall, seinem Vorgänger bei Sons Of Kemet, vorgekauten Möglichkeiten des Instruments lotet Theon Cross bei 'Letting Go' ausgiebig aus. Bei 'Panda Village' spielt er abgrunzig tiefe Basspatterns. 'Candance of Meroe' mit Wayne Francis (tenorsax) und Artie Zaits (electric guitar) orientiert sich am Drive des African Highlife und Cross beweist, dass man auch mit einer Tuba WahWah spielen kann. Bei 'CIYA', dem eingängigsten Stück, in gleicher Besetzung ohne Percussionist Tim Doyle, stattdessen mit Nathaniel Cross an der Posaune, wechseln nach alter Jazztradition die Soli: smooth swingend das Saxophon, luftig, lupfig die Gitarre. Aber zuletzt zündet das Trio mit 'LDN's Burning' noch einmal ein Fyahwerk. Für dieses Masterpiece sollte die Welt brennen. 16

17 Evil Rabbit Records (Berlin) "Death awaits you all with nasty, big, pointy teeth!" Nur ist dieses Killer Rabbit nicht weiß, sondern so schwarz, dass es auf braunem Feld schwarze Spuren hoppelt. Auch heißen die Gralsritter nicht Sir Robin oder Galahad, sondern Cosimo Fiaschi, Alessandro Giachero, Emanuele Guadagno & Nicholas Remondino und zusammen SONORIA. Giachero, 1971 in Alessandria geboren, hat mit T.R.E., dem Anthony Braxton Quartet von 2006 oder dem William Parker Resonance Quartet beste Referenzen als NowJazz-Pianist. Remondino hat als Drummer mit The Slow Beasts und mit Giuseppe Di Filippo bei "Making Monsters" einschlägige Erfahrungen. Mit Guadagno an E-Gitarre und Fiaschi, einem erst 22-jährigen Florentiner, am Sopranosax wagen sie sich Live in Pisa (ERR 29), gedämpft knarrend, klappernd, sich tockend vorantastend, auf das weite Feld nicht geheurer Töne. Auf dem bruitistischen Stoppelacker ist nur das zage trillernde Soprano gut zu erkennen, für die übrigen Aktionen muß man das Ohr erst schärfen, um die gedengelte Cymbal auszumachen und ein Plonken im Innenklavier. Repetitive Gesten erzeugen ein allmählich crescendierendes Dauerbeben, der gute Ruf der italienischen Improszene ist offenbar in guten Händen. Fiaschi haucht Spaltklänge, einer knispelt mit Krimskrams, Giachero sortiert und zählt seine Glasmurmeln. Die Gitarre? Ein Rätsel. Minimales Touchieren, feines Geflatter, geräuschhafte Heimlichkeiten, ein Schniefen und Pusten, oder sind es Besenwischer? Remondino tremoliert auf der Snare, das Soprano keckert und tiriliert, die Gitarre findet sich, Giachero pickt an Eiszapfen und dunklem Draht. Der Gestus bleibt tastend, die Geräuschwelt verhuscht, die Gitarre stagniert auf Notstrom, jede kleine Bewegung rührt ans heikle Gleichgewicht und verschiebt den Akzent. Zu geflötetem Halteton verdichtet Remondinos Rumoren die kollektive Erregung. Bis läutender Klingklang Santa Maria Forisportam evoziert - es ist schließlich die 'Forisportam Church Suite'. Doch statt dass Frömmigkeit aufkommt, bleibt ein Unbehagen über die 'vor dem Tor' und die dahinter. All die geheimnisvollen Schatten und ostinat anklopfenden, ominös tropfenden Zumutungen, wie soll man da nicht melancholisch werden? Die Spur von MEINRAD KNEER, sie führt von Munderkingen (wo er 1970 geboren ist) über Tübingen nach Hilversum und Amsterdam und 2012 nach Berlin. In Holland hat er mit Albert van Veendaal Evil Rabbit gegründet, seinen Kontrabass spielt er immer noch mit Tobias Klein in Dalgoo und mit Paul Pallesen in Bite the Gnatze, an der Spree dann im Julie Sassoon Quartet oder bei Andreas Willers 7 of 8. Im eigenen Quintet versuchte er mit Gerhard Gschlößl und Peter van Huffel Träume zu deuten, bei seinem Phosphoros Ensemble sang Almut Kühne Christian Morgenstern. Das reicht als Visitenkarte, um in einschlägigen Kreisen Türen und Ohren zu öffnen. Aber wer er ist, das verrät er so richtig mit Vocabularies (ERR 30), seiner ersten Soloeinspielung. Als Sammlung von Sketchen und Short Stories, als Auseinandersetzung mit Spielräumen, ohne Noten. Man hört, wie er sich Schmetterlingen und Hummeln anverwandelt und 'des nächtens' dem 'sternensaus'. Seine Handschrift neigt sehr viel mehr zu Saus und Braus als zu Waschzwang, was nicht heißen soll, dass sein rasantes Bogenspiel und markantes Pizzicato nicht mit allen Wassern gewaschen ist. Oder mit allen Ölen gesalbt? Wobei bei seinem furiosen Surren die Reibung den Reiz ausmacht. Kneer fiedelt, dass es staubt, ja qualmt. Er pickt wie mit Riesenkäfergliedern, er lässt Flageoletts schliddern, surrende Wooshes kurven. Manischem Grillengezirpe und plastischem Schrummen lässt er springende Schläge folgen und sonor summende, zartbittere Innigkeit ins Kakophone ausfransen. Um Holz, das beim Hauen und Stechen klappert, ein krabbeliges Huschen, die Finger so flink wie ein Windrädchen, der Bogenstrich ein schillerndes, ein flötendes Sägen (sägendes Flöten?). Der Bass mutiert zum Cello, zum Daxophon, fast zur Oud. Gerade noch diskant trillernd, jetzt perkussiv und gleich wieder krabbelig. Der Bogen zerhackt und zersägt Sekunden, die Finger biegen Töne, die Hände fiebern Speedlines. Eine pelzig brummende Riesenhummel surrt wie mit eingebautem Motor und kurvt wie bei einer Flugshow. Aber es ist ganz Kneers Show, der da alles außer Kaninchen und Bassistenwitze aus dem Hut zaubert. 17

18 For Tune (Warschau) Zu meiner Schande paart sich meine Treulosigkeit mit Aversionen, die an Sippenhaftung grenzen. So dass die widerlichen Vorlieben wählender Mehrheiten mir alles verleiden, was aus den USA kommt, aus Brasilien, Ungarn oder - Polen. Dabei kommt es gerade auf die Stimmen an, die der populistischen Verblendung nicht folgen, die so weltoffen und sophisticated bleiben wie der internationale Jazz auf Not Two in Krakau und auf Bocian in Warschau oder der lokalpatriotische bei For Tune. Daher - audiatur et altera pars: etwa TOMASZ DĄBROWSKI, den mit dem dänischen Drummer Kasper Tom Christiansen im Tom Trio, bei Hunger Pangs, Fusk und Free4Arts bekannten Trompeter, der einem bei Ninjazz (135, LP) etwas von 'Another, more desirable reality' ins Ohr bläst. Erneut als AD HOC mit Hiroshi Minami am Flügel, Hiroki Chiba an Kontrabass & Electronics und Hiroshi Tsuboi an den Drums. Hohe Tomasz_Stańko-Schule in melancholisch gedämpfter Poesie, die sich aber, mit fernöstlichem Rückenwind, in melodienreichem Legato entfaltet. Bei 'Oddly Abstract Nature' aber auch geräuschverliebt und kapriziös. Doch gleich wieder mit dem zartbitteren Feeling, das alle zu Slawen macht. : den Saxaltmeister LESZEK ZADLO, der, 1945 in Krakau geboren, in den 70ern polnische Hoffnungen in der ORF-Big Band und im European Jazz Quintet gehegt hat und in den 80ern mit dem Polski Jazz Ensemble die Solidarność-Fahne schwang, als mittlerweile Münchner und seit 1986 Lehrer an der HfM Würzburg (!). Miss B. (136) ist sein Andenken an Miss Kwiatkowska, die Schauspielerin Barbara Lass ( ), die, nach ihren Verbindungen mit Polański und Karlheinz Böhm, ab 1980 sein Ein und Alles gewesen ist. Mit Andrzej Cudzich am Kontrabass und Janusz Stefański an den Drums zeigt der von John Coltrane initialgezündete Tenor- & Sopranovirtuose sich mit 'Theme for Ernie' und George Russells 'Blues in Orbit' ewig dankbar dafür, Jazz als 'Substitute' zu haben, der es ihm ermöglicht, bis zum letzten Seufzer singend A Love Supreme zu feiern. Im LESZEK ŻĄDŁO QUARTET, mit Leszek & Piotr Kułakowski an Piano & Kontrabass und Jacek Pelc an Drums, taucht Żądło bei Komeda. Wygnanie z Raju (140, LP) zurück in die 60er. Zu Krzysztof Komedas 1962 geschriebener und verloren geglaubter Ballettmusik für das von Andrzej Tylczyński & Krzysztof Boruń entworfene SF-Musical "Exile from Paradise". Żądło singt - live - mit wieder Tenor- & Sopranosax Komedas Evolution vom morgenroten aufrechten Gang bis zum Tangoschritt als nostalgisch hingehauchten, lässig coolen, tänzelnden oder elegischen ECM-Modernismus. Am eskapistischen Gegenpol zum damals noch real existierenden Gomułka-Mief, zu, wenn auch nur kurz, verstörender Martialik und zur heutigen - na ja, 'Rosemary's Baby' als Nachspiel ist Anspielung genug. : die wokalistka, songwriterka & flecistka OLGA BOCZAR, der bei Tęskno mi, tęskno (137) wieder Jan Smoczyński an Piano, Akkordeon & Electronics, Andrzej Gondek an E-Gitarre, Wojciech Pulcyn am Kontrabass und Paweł Dobrowolski an Drums & Udu, die ihr schon als Music Essence ministriert hatten, den roten Teppich ausrollen. Für ihre angejazzten und beflöteten Popsongs, die sie mit geschmeidig brünettem Mezzosopran und auch vokalisierend und scattend auf Polnisch anstimmt, zartbitter angehaucht mit dem Flair der rotweißen Nouvelle Vague, die einst Barbara Kwiatkowska in Ewa Bonecka verwandelte. Zwei Herzen, vier Augen und das Zauberwort 'Sehnsucht'. Endend mit der gebrochenen Rose des Volkslieds 'Matulu moja'. : den Keyboarder KUBA PŁUŻEK, der mit Jg bereits bei For Tunes etabliert ist, im Tomek Nowak Quartet mit dem HipHopper Eskaubei, aber auch schon im eigenen QUARTET mit Marek Pospieszalski (in Tune bereits mit dem Mazolewski Gonzáles Quintet und Marco Eneidi Streamin' 4) an Tenorsax & Altoklarinette, Max Mucha (mit Deutschstunden bei Simon Kanzler und Moritz Baumgärtner) am Kontrabass und Dawid Fortuna (vom Szymon Mika Trio und Adam Bałdych Quartet) an den Drums. 18

19 Creationism (138) stimmt Płużek mit Piano, detuned Piano, Fender Rhodes, Wurlitzer, Harmona 85 & Korg SV1 so effektvoll und dramatisch gelaunt an, dass gleich mal meine Edelfinger-Skepsis zum Teufel geht. Statt dessen erklingt: eine dark ambiente, schicksalsschwere und dissonante Entfaltung von Płużek allein, die nur zu viert und mit delikatem Touch jazzige Züge annimmt. Die andern mal nicht als Hölle, sondern als Linderung, geteilter Schmerz, vereinter Schwung. Die Erfahrung lockert auch Płużek die Finger. : HoTS (Harmony of The Spheres), Live in Trójka (139), angeführt vom Gitarristen Mikołaj Poncyljusz, der auch neben Ray Dickaty & Dominik Mokrzewski (vom Infant Joy Quintet) in Staszek Czyżewskis Light Star Guiding dem Harmony Star folgt. Mit matt strahlendem Tenorsax-Trompeten-Gesang von Bartosz Tkacz und Radek Nowak, Adam Prokopowicz als Pizzicato-Panda, Maciej Wojcieszuk an den Drums und als Gast Aga Derlak, die diese mit gitarristischem Understatement melodisch gewebte, mit klassischen und folkloresken Fäden durchzogene Musicosphäre um ihre Klimperfinger wickelt. : Beauty Dancing (141) als Reise um die Welt in 16 Tänzen, mit der Pianistin MARIA GABRYŚ-HEYKE und der Violinistin JOLANTA SOSNOWSKA. Die ist zwar auf Barock und polnische Romantik gepolt, schwingt hier aber, heißer und kratzbürstiger als HoTS, die Hüften mit Astor Piazzola, Carlos Gardel, Ravel, Sibelius, Chopin, Henri Wieniawski, Grażyna Bacewicz, Jeno Hubay, bei mexikanischen Danzas Tarascas, argentinischen Tangos, kubanischem Cha-Cha-Cha, mit Pavane, Walzer und Polonaise als höfischem Getrippel und Mazurkas, Oberek, Czardas und Horo als ländlichem Shake your booty. : Rebetiko Poloniko (142) vereint JAROSLAW BESTER, Akkordeonist & Arrangeur der Cracow Klezmer Band, wie schon bei John Zorns "Balan (Book of Angels)", mit JORGOS SKOLIAS, einem Trouba- und Sefardix mit einer der ungewöhnlichsten Stimmen der polnischen Szene. Nachdem er seit den 80ern mit Krzak und Young Power gerockt und gejazzt hatte, realisierte er als Graubart mit Jarosław Pijarowski & Teatr Tworzenia (The Theater of Creation) musiktheatralische Projekte wie "The dream Off Penderecki" (2013), "Katharsis (A Small Victory)" (2017) und "Living After Life" (2019). Hier stimmt Skolias Lieder aus der Heimat seiner Eltern an, die vor dem griechischen Bürgerkrieg nach Zgorzelec geflohen waren, wo er 1950 geboren wurde. Lieder, die ebenfalls schon eine Flucht, die Vertreibung aus Smyrna 1922, in den Knochen hatten, als Anestis Delias, Spyros Peristeris, Roza Eskenazi, Rita Ambadsi oder Giorgos Batis sie spielten. Skolias winselt nicht wie Demis Roussos, schmust nicht wie Georges Moustaki, er evoziert zum knarrenden Akkordeon mit rauem Vibrato den O-Ton von Vasilis Tsitsanis oder Grigoris Bithikotsis und steigert die Expression mit Scat und Manierismen wie von Demetrio Stratos, bei 'Kandili' sogar a capella. : als Debut von IPT Diffractions (143), mit Jakub Bańdur an Geige, Jakub Gucik am Cello und Szymon Wójciński an Rhodes Piano. Intuitive Kammermusik, märchenhaft und stimmungsmalerisch. Das durch Volks- und Kirchenlieder Vertraute gebeugt. Gar nicht neutönerisch, aber im Knabbern an den Wurzeln doch sophisticated, schillernd und losgelöst, kapriziös und koboldig oder auch wehmütig und trübselig, solange wenigstens einer - etwa das Cello, ein Geigenpizzicato, ein repetiertes Motiv - seine Kreise und Furchen zieht. Doch zum Tanzen macht sich dann jeder schön. : das KULPOWICZ QUARTET, in dem bei Expression (145) neben Piotr Cieślikowski an Tenor- & Sopranosax und Kazimierz Jonkisz, einem Drummer, der seinen Frühling in den 70ern erlebte, schon Wojciech Pulcyn den Bass zupft als Fan von Charlie Haden und Pulsgeber bei Kazimierz Jonkisz Energy gelang da dem schon schwer krebskranken Keyboarder Sławomir Kulpowicz ( ) ein letztes Statement, das, angereichert mit noch der Trompete von Tomasz Dąbrowski, seine Erfahrungen bei Zbigniew Namysłowski ebenfalls schon in den 70ern und mit Tomasz Stańko in den 80ern aufleben und nachklingen lässt. Als schmissiger Old-School-Freebop mit rasanten Arpeggioläufen. 19

20 THE MARK HARVEY GROUP In Zeiten der Not greift auch die Kunst zu Ritual und Magie, zu Abwehrzauber, Anrufungen und Beschwörungen. Oft genug pseudo und bloß Spektakel, aber auch faszinierend wie bei Sleepytime Gorilla Museum. A Rite for All Souls (Americas Musicworks, AM CD 1596, 2xCD) führt zurück ins Jahr 1971, an Allerheiligen, in die Old West Church als Bostoner Hotspot des Zeitgeistes, den schon das Sun Ra Arkestra und das Art Ensemble Of Chicago mit zeremoniellem Anstrich intensivierten. Auch Mark Harvey, seit 50 Jahren heroisch engagiert, Flötenmeister Peter H. Bloom, Craig Ellis (psychedelisiert in San Francisco mit Black Swan) & Michael Standish (Universalkünstler und Zimmermann) schufen eine Aura aus Dunkelheit und Kerzenschein. Zu 'Der Turm' & 'Der Mond' aus dem Tarot als Andachtsbildern kam poetisches Pathos: Ellis spricht 'Spel Against Demons' von Gary Snyder mit seinem exorzistischen The Demonic must be devoured!, der gnostischen Formel Fearlessness, humor, detachment, is power / Gnowledge is the secret of Transformation und der Anrufung von Achala, Lord of Wisdom, mit einem Yoga-Mantra. Nach dem Wiedereinzug, mit Mönchskutten und geblasenen Orgelpfeifen, sieht Standish mit 'The Second Coming' Yeats' apokalyptische Chimäre unheilschwanger gen Bethlehem schlumpen, Things fall apart / the centre cannot hold / Mere anarchy is loosed upon the world. Bloom führt, flötenzerschrillt, Jack Spicers machtlosem 'Orfeo' die Hölle vor Augen - Hell is this: / The lack of anything but the eternal to look at / The expansiveness of salt / The lack of any bed but one s / Music to sleep in. Und nochmal Ellis lässt im eigenen 'Napalm Rice Paper' hinter geschlossenen Lidern brennende Kinder schreien. Der Falke gehorcht dem Falken nicht mehr, Orpheus stößt auf taube Ohren, der Eingang ins Inferno heißt Vietnam, nur Charon rudert beständig von Ufer zu Ufer. Zwei der vier zeittypisch zauseligen Beatniks hat er schon geholt, Ellis 2006, Standish 2014, Harveys -> Aardvark Orchestra schrumpft, aber trotzt auch im 48. Jahr noch dem 'Idiotic Turn' (mit "Faces of Soul" auf Leo Records). Hier in den noch präerdferkeligen Tagen, aufgewühlt von Vietnamprotest, urbaner Umgestaltung, dem ersten Earth Day 1970 und der Frage, wie Kunst sich da einmischt, tönt die Harvey Group als Hausband der Old West Church ihr Aural Theatre mit Brass- & Woodwinds und als Rasselbande mit einem instrumentalen Sammelsurium aus aller Welt. Als freejazzig intuitives Art Ensemble oder Spontaneous Music Ensemble eigener Couleur: Mit schamanischen, orphischen und artaudschen Spurenelementen in kakophonen Aufwallungen voller Rosen, Feuer, Blood and Soul. Mit überblasenem Stöhnen, hämmernder Steinway-Verve, schmetternder Trompete, trillernden Reeds. Mit schürendem Tamtam und Powwow, melancholischem Mondstich, aufgekratztem Mardi Gras, zwitschernd, röhrend, flötend, trötend. Kuhglocken und Arghul, Shaker und Suona, Waldhorn und Woodblock, dräuende Martialik, befreiendes Trommelgewitter, ein Coltrane'sches 'Olé' des Sopranos, ein mäandernder Monolog der Trompete. Bis hin zu wieder vereintem Staccato, kreiselnd, gepresst, verstummend gar, aber doch weiter wühlend und bohrend. Zu feinen Glöckchen heult der Zerberus, und murmelig, raschelig, mit trappeligem Fingerspiel und näselnder Tröte führt die Feier schließlich zum Ausklang mit Flötengezwitscher, stöhnendem Horn und läutender Röhrenglocke. All Saints, All Souls, doch weder triumphant, noch militant. The release of Demonic Energies in the name of / the People / must cease. 20

21 Hubro (Oslo) Einmal mehr geigt da ERLEND APNESETH, der große Hardangerfiddler, nicht nur zu dritt wie bei "Åra" oder zu viert wie bei "Salika, Molika", nein, nun bei Fragmentarium (HUBRO CD2629/LP3629) mit einem Allstar-Ensemble, ähnlich, aber größer noch als bei "Nattsongar": Ida Løvli Hilde an Akkordeon, Anja Lauvdal an Piano, Synth & Electronics, Stein Urheim an Gitarre & Bouzouki, Fredrik Luhr Dietrichson am Bass, Hans Hulbækmo an Drums & Jew's Harp, Weggefährten bei Finity, Moskus und Skadedyr, Fixsterne eigener Norge-Kosmolodik. Für das, was bei Frode Haltli Avant Folk heißt, was aber nichts anderes ist als Folklore Imaginaire à la Hubro. Apneseth steigt in die Erzgruben, aber er sucht immer nur Neues im Alten und findet Vertrautes im Unerhörten. Er spielt auf zum 'Gangar', dem uralten dörflichen Schreittanz, doch mit Folkrock, der ganz anders fetzt. Schon Fiddel und Akkordeon gehören ja eigentlich auf verschiedene Tanzböden. Und zum Weh und Ach von 'Du fallande jord' würde nur, wer ganz auf den Hund gekommen ist, tanzen. Es orgelt da wie aus Zeiten, als es noch Sünden gab, zu Geistergesang, der den hohen Norden exotisch klingen lässt. Gesangsfetzen geistern auch beim Titelstück, das aber, Beat für Beat, sein Delirium in einen Stampftanz verwandelt, mit twangender Maultrommel. In 'Gruvene' schwirren und knurpsen wiederholte Bassklänge zu elektronischen Wooshes, bis Apneseth mit Hardangervibrato und melodischem Strich eine pseudomittelalterliche, monoton groovende Weise anstimmt, auch wenn daran der Zahn der neuen Zeit nagt. 'No, etterpå', nur Fiddel und Bass, ist pure Wehmut. 'Det mørknar' dringt dröhnend ins noch Dunklere, mit brummenden und schweifenden Haltetönen, Beckentickling, pulsendem Akkordeon, stöhnender Gitarre, süß zirpender Geige. 'Omkved' wirkt zuletzt, mit Bouzouki und in wiederum dunkel verschleierter, dröhnender Melodramatik, wie eine alte Hymne, wie ein zeitlos gültiges Memento. Das AUSTRALIAN ART ORCHESTRA, das unter Leitung von Peter Knight sich zuletzt mit "Karappo Okesutura" und "Sex, Lynch, and Video Games" einmal mehr von Nicole Lizée beliefern ließ, hat 2018 in Melbourne mit Vesper (HUBROCD2630) auch ein starkes Stück von KIM MYHR aufgeführt. Mit seinem Leader an Trompete, Hackbrett & Electronics, Aviva Endean an Klarinette & Autoharp, Erkki Veltheim am Viola, Lizzy Welsh an Violine, Jacques Emery an Kontrabass & Autoharp, Joe Talia an Revox B77 & Electronics, Tony Buck an Drums & Percussion und dem Komponisten an Gitarre & Electronics. Ein langes, immersives Nacht-Stück in den Teilen 'I caught a glimpse of the sea through the leafy boughs of the pines' (17:37), 'We seemed to grow more and more pensive, but in fact we were less and less' (21:42) & 'No walls, no ceiling, no windows' (16:46). Es sind das Zitate von Bob Dylan und dem von Gurdjeff inspirierten René Daumal (aus dessen Fragment gebliebenem nicht-euklidischen Abenteurroman "Der Berg Analog" und dem jarryesken Trip "A Night of Serious Drinking"). Wohl gewählt, um Myhrs Polarität anzudeuten zwischen folkloresken Riffs und indischen Drones. Der responsorische und antiphone Duktus von vorsingender, fragender Gitarre und antwortendem Kollektiv lässt tatsächlich das liturgische Abendgebet (Vesper) als Ahnen aufscheinen. Als ein gemeinsames kontemplatives, meditatives, monotones Atmen. Das im ersten Satz zu einem einzigen Orgler verdichtete Orchester zeigt im atmenden, läutenden, zügigeren Fortgang jedoch zunehmend sein wahres Format, mit summenden Trompetenstößen, weiteren Klangfarben, geräuschhaften Akzenten und trommlerischen. Haltetöne werden zu Zitterwellen, zu gepressten Tönen kommen subwoofdunkle. Myhr tremoliert ohne Pause, ohne auf Antwort zu warten, das Kollektiv schwillt an, implodiert aber, um in diskanten Turbulenzen erneut zu crescendieren und als schnarrend attackierte Sphäre tumultarisch zu rumoren. Doch dann klärt sich das für die schnell und monoton harfende Gitarre, pochenden Herzschlag und wieder abgeregtes Atmen und elektronisch umsponnenes 1_2, 1_2. Part 3 bringt zur schnell schlagenden Gitarre wieder diskante und murrende Erregung, die sich klärt für fragiles Tickling und entschleunigtes Auf und Ab. Gedämpft und drahtfein. Leise dröhnend. Schäfchen zählend. Schlummrig, von leise bebender Autoharp eingelullt. Meine Lider werden schwer, meine Nasenhaare werden schwer, mein Kopf wird ein schlafendes Auto... 21

22 Das CHRISTIAN WALLUMRØD ENSEMBLE mag zwar um Wallumrød und Per Oddvar Johansen herum seit 2001 das Personal und das Label gewechselt haben, aber nicht das kühne Bestreben, Klang als eigene Philosophie zu betreiben. Was der Pianist aus Kongsberg und der Drummer aus Oslo, die auch schon als Close Erase ein Team (mit Ingebrigt Flaten) waren, mit Many (HUBROCD 2631/LP3631) versprechen, halten sie auch. Im wieder stabilen Verbund mit den Streifenjunkos Eivind Lønning an Trompete & Espen Reinertsen am Saxofon sowie Tove Törngren am Cello, ganz zu schweigen von den Electronics, die alle einsetzen. 'Oh gorge' als toponymer Auftakt ist mit klöppelndem Vibraphon und welliger Wallung ein närrisch pulsendes Minimal-Getüpfel, das in glockenspielzarter Melancholie schon die Tristesse von '50/80' vorwegnimmt, die einen mit müdem Pianoklingklang und zager Blockflöte durch eine Via Mala führt, mit schiefen Tönen und elektronischen Gespinsten und auch wieder Vibes und Glockenspiel als Leitmotiven. 'Danszaal' dreht einen in platzenden Trompetenstößen in Vorwärts-seitwärts-Schritt hinkend eine Wendeltreppe hoch hinauf - tanz den M. C. Escher, tanz den Jesus Christus. 'Abysm' glissandiert dagegen in lang gezogenen Klangfäden des Cellos, aber auch dunkleren, abgründigeren. 'Stacotta' bringt, repetitiv hämmernd, plonkend, prickelnd, ein morsendes Staccato, bevor 'El Johnton', entschleunigt, melodiös und mit hymnischer Trompete anhebt, aber, den Impetus verlierend, in ein Dans_Les_Arbres- Ambiente aus Dröhnfäden und merkwürdigen Geräuschen gerät, klopfenden, pickenden, pumpenden, knarrig surrenden, mit dem Bogen geschabten, mundgemalten, wie Aufziehspielzeug, wie tickende Uhren, seltsam automatisch. Bis zur Wiederkehr des von Piano und Drums vorgegebenen Trotts und der Trompetenhymnik, aber immer noch in Moll. Ein Besetztzeichen stößt zuletzt den nochmal hinkenden Backbeat von 'Dialect' an, im verzahnten Zweiklang von Piano und Pusteton. Neben der Annäherung an einen meditativen Post-Minimalismus Myhr'scher Couleur, geht Wallumrøds Musik ihren sonderbaren Gang, indem sie die Postkartenmotive nordischer Tristesse hintergeht, seltsam unrund und hinter-, ja tiefgründig, wenn sie vieles andeutet, indem weniges sorgsam ausgeführt wird. Was simpel scheint ist bodenlos. 22

23 Intakt Records (Zürich) Das OMRI ZIEGELE TOMORROW TRIO verdichtet in All Those Yesterdays (Intakt CD 333) jede Menge alter Tage und keiner hat mehr auf dem Buckel als Han Bennink. Er häufte sie schon an, dünnhäutige, blecherne und krawallig gegerbte, als Ziegele im Kibbuz noch mit dem kleinen Einmaleins rang, und als Christian Weber 1972 gerade geboren wurde, war er schon 30. Ziegele gibt mit seinem Altosax den Ton an, aber was heißt das schon in so einem Kontext. Das Miteinander kam erstmals während Benninks Tour mit Irene Schweizer zustande, Ziegeles Partnerin nicht nur im Where's Africa Trio. Webers kerniger Kontrabass gibt Ziegele einen deutlich anderen Kick als Jan Schlegels E-Bass in Noisy Minority. Zuvorderst jedoch lässt Ziegeles smoother, nur innerlich glühender Gesang die Ohren aufleuchten. Zu einem Swing in Walking-Tempo, in aufgekratzter Stimmung. 'O. My God', Ornette Coleman gewidmet, lässt, wiederum ungeniert altmodisch, dessen Sanglichkeit anklingen, mit fröhlich trillernden Kapriolen bis in schrilles Altissimo, mit kapriziös gefingertem und gegeigtem Intermezzo. Bis Ziegele auf einmal Yeats' 'Lake Isle of Innisfree' als traumhaften Sehnsuchtsort und kommendes Morgen beschwört, als wäre er ein Preacher, wie sie einst die Sklavenbefreiung befeuert haben. Es gibt nun mal solche und solche Yesterdays, die Bennink da kollern und rollen lässt, tief bluesige und wie schwarze Panther geschmeidige, die abseits der Sonnenseite der Straße schlendern. 'Donders Wonders' fügt dem Schlendern tänzelnde Schritte hinzu, diebisches Pizzicato, donnerwettriges Rumpeln, das das Tempo erhöht und den leicht melancholischen Grundton beschwingt und in Marsch setzt. Hin zum schwungvoll tänzelnden 'Saw That Smile', mit übersprudelndem Alto, animierendem Pizzicato und bergab rollendem Tempo. Mündend in 'When the River Spoke' und der Paradoxie, dass trübe Verhältnisse dennoch prächtige Blüten treiben, tänzelnden Groove und beschwingten Gesang. Webers Bassfinger murmeln, Bennink klackert und drischt, Ziegele stößt ins Alto, als wärs ein Schofar-, ein Muschelhorn - Ol' Man & Söhne, der beredsame Clan - Jordan, Mississippi, Garavogue... Und was raunen sie so unablässig? Jam tomorrow and jam yesterday - but never jam today? "Interstellar Space" von John Coltrane & Rashied Ali ist der Urmeter, Archie Shepps & Max Roachs "The Long March" von 1979 ein impliziter Influence und "Red and Black in Willisau" von Dewey Redman & Ed Blackwell der explizite für Live in Willisau (Intakt CD 342), das 39 Jahre danach realisierte Duett von JAMES BRANDON LEWIS an Tenorsax & CHAD TAYLOR an Drums. Lewis macht kein Geheimnis daraus, dass 'The Preacher's Baptist Beat' seine "Divine Travels" beflügelt, ob bei "Days of FreeMan" mit Jamaaladeen Tacuma oder im UnRuly Quintet mit Jaimie Branch & Ava Mendoza. Dass Taylor von Chicago Underground über Sticks and Stones und Frequency Response bis Fly or Die, ebenfalls mit Branch, ein Dynamo in Sachen Dark Matter ist, wem sage ich das? Lewis sah ihn mit Cooper-Moore und war fasziniert. Mit "Radiant Imprints" haben die beiden Coltrane Tribut gezollt und dabei mit 'Twenty Four', 'Radiance', 'Imprints' und 'With Sorrow Lonnie' die coltraneske Basis ihres Liveprogramms entwickelt. Dazu kamen in Willisau 'Come Sunday' von Ellington, Mal Waldrons Mantra 'Watakushi No Sekai' und Redmans beschwingtes 'Willisee'. Lewis zeigt sich dabei als Fire'n'Soul-Brother von Darius Jones und Kamasi Washington, als einer, der vom Jupiter spricht, der eine Schwarze Arche steuert, der aus nostalgischen Gefängnissen ausbricht. Mit launigen Intervallsprüngen, rauem Swing auf salziger und pfeffriger Zunge, ostinaten Deklinationen und intensiven Bohrungen (ähnlich Vandermarks Drehungen und Wendungen) über Taylors lakonisch klackendem oder rollendem Beat. Dessen rhythmische Muster sind eine Lehrstunde in speck- und protzfreier Meisterschaft, demonstrativ beim eigenen 'Matape' und dem Understatement tockender Sekunden. Wie er da Ellingtons Spiritual mit Mbira verzaubert, wie er bei 'Imprints' von Afrotamtam zu Beckenrausch und Pianissimo springt, wie seine Daumen Trauerflor pflücken. Mit zuletzt 'Under/Over the Rainbow', das, als kosmisches Karussell und wie auf Pantherpfoten, Herkunft und Zukunft vergegenwärtigt, wie es Sun Ra ebenfalls 1980 ganz afrofuturistisch an den Willisauer Horizont geworfen hat. 23

24 Zwischen 'If becomes Is' und 'Is becomes If' erfanden die Cellistin TOMEKA REID und der in Oxford geborene Pianist ALEXANDER HAWKINS Shards and Constellations (Intakt CD 344) als ein Kaleidoskop verspielter Facetten. In Chicago hervorgegangen aus Nicole Mitchell's Black Earth Ensemble und Mike Reed's Loose Assembly, spann Reid in The Urge Trio Fäden in die Schweiz und mit Hear In Now nach Italien. Verwurzelt im AACM, braxtonistisch bewandert und in dankbarer Nähe zu Roscoe Mitchell, zuletzt sogar im Art Ensemble Of Chicago, leitet sie längst auch ein eigenes Quartet (mit Halvorson, Roebke & Fujiwara). Hawkins, fer vier Jahre jüngere Pianist aus Oxford, hat sich seinen Namen gemacht mit John Edwards & Steve Noble als Decoy, mit Louis Moholo-Moholo, Evan Parker oder Elaine Mitchener, und sucht ständig weitere Herausforderungen, ob mit Øyvind Skarbø oder mit Gabriele Mitelli. In Chicago/London Underground traf er Chad Taylor und formierte ein Trio mit ihm und Reid. Mit ihr allein findet er hier den ersten Konsens in struppigem Pizzicato und treppauf-treppab hüpfendem Arpeggio. Dann zieht sie mit dem Kratzebogen schillernde Saiten auf, um die er mit kaprizös geklimperten und erratisch gestocherten Tönen herum springt. Er deutet wuselig einen Song mit Zahnlücken an, den Reid bekrabbelt. Gefolgt von knisternden, kratzenden, flimmernden, klopfenden Geräuschen zu huschender Pointillistik. 'Peace on You' schwelgt im Mondschein, als bebender Schmachtfetzen. Sie könnten auch anders, in diesem Fall mit Muhal Richard Abrams, sind aber lieber 'Strange Familiar', ein dissonantes, unbändiges Strichmädchen und ein Tippelbruder als turbulentes Pärchen, zwei lockere Vögel. Reid rupft den Blues wie mit Stacheldraht, Hawkins klimpert ihn mit Schlagseite, zu keiner geraden Linie in der Lage, aber gut drauf. 'Serene and Playful' ist mit flimmrigem Bogen und launigen Tönchen immer noch schnell und hell, während 'Albert Ayler (His Life was too short)' mit Leroy Jenkins und innigem Bogenstrich zartbitter an die Herzfasern rührt. Mögliches kann wirklich werden, aber was ist, kann auch wieder anders werden, mit silbrigen Tropfen auf tönern gedämpften Pianodrähten, die wie eine Kalimba tönen, und wie mit Silberpapier vibrierenden Saiten des Cellos. Entgegen dem deleuzianischen Insinuieren zögere ich, komponierte, kontrollierte Musik zu verwerfen und Repetition und Variation, Puls und Rhythmus in feindliche Lager zu verteilen. Die Pianistin KRIS DAVIS schätzt die Saxofonistin INGRID LAUBROCK explizit als "thoughtful" und genießt seit zehn Jahren das gemeinsame Schaffen - in Paradoxical Frog und Anti-House, bei "Capricorn Climber", "LARK" oder Tom Rainey Obbligato. Bei Blood Moon (Intakt CD 345) als Fortsetzung in Laubrocks Saxofon-Piano-Reihe mischen die beiden drei von Davis und vier von Laubrock durch- oder zumindest angedachte Stücke mit zwei ganz spontanen. Dabei verwischen sie bewusst, was ihnen als gipserne Strenge angekreidet werden könnte, durch vierteltönige Tristesse, blaue Noten und verbogene Töne ('Blood Moon'), durch gummiweiche, perlig betropfte Drones ('Flying Embers'), vogelig gehüpfte, geklimperte, 'geschmierte' Tempowechsel statt eines konstanten Pulses ('Whistlings') oder einen flexiblen, inkonstanten Beat mit Dreheffekt zu sangeslustigen Sopranokapriolen ('Golgi Complex'). Wo Komponiertes in Intuitives übergeht, darauf möchte ich wetten, ist meistenteils ununterscheidbar. Daher scheiden sich die Geister letztlich auch nur danach, ob einem eine Musik als 'verkopft' anmutet, als irgendwie komplex, oder als wildwüchsig und transgressiv. Beim wortspielerischen 'Snakes and Lattice' spielt Laubrock die lyrische Schlange, Davis die Leitertripplerin, um sich aber immer wieder zu synchronisieren, mit merkwürdig trübsinnigem Ausgang. Für 'Gunweep' mischen sie sopranistische Triller und spotzende Laute mit Seehundclustern und Fausthieben, und halten dabei größtmöglichen 'Hygieneabstand'. 'Maroon' tritt aus einem betrübten Abgeschnittensein energisch und tänzerisch heraus und lässt das kastanienbraune Schicksal der Sklaverei hinter sich. Der blaue 'Elephant in the Room' - "Welcher Elefant?" - träumt, ein Vogel zu sein, mit dem Märchen im Ohr, dass Elefanten einst fliegen konnten. 'Jagged Jaunts' bläst zuerst Trübsal, und bricht doch unternehmungslustig zu einer Spritztour auf. Ob nach Davis' oder, wie das, nach Laubrocks Plan, ist gehupft wie gesprungen - Hauptsache 'zackig'. 24

25 Leo Records (Kingskerswell, Newton Abbot) Was für ein Spektrum faltet Mark Harvey mit dem AARDVARK JAZZ ORCHESTRA da wieder aus auf Faces of Souls (LR 877), im 48. Jahr ihres Standhaltens gegen den oft widrigen Zeitgeist. 'Meltdown' konstatiert, als Conduction, zerfasernde Widersprüche, 'Sisyphus' verschönt seinen Sarkasmus mit E-Gitarre und krähendem Saxofon. Gegen den Lauf der Dinge wird der Geist von Charles Ives beschworen mit dessen emphatischem Moving Marching Faces of Souls! Marked with generations of pain, Part-freers of a Destiny, Slowly, restlesslyswaying us on with you / Toward other Freedom!, das er dem 1. Satz von "Three Places in New England" vorangestellt hat - 'The St. Gaudens in Boston Common (Col. Shaw and his Colored Regiment)'. Er hatte dabei das von Augustus Saint-Gaudens geschaffene, 1897 eingeweihte Memorial to Robert Gould Shaw and the Massachusetts Fifty-Fourth Regiment am Boston Common (Park) vor Augen, das den Einsatz des ersten afroamerikanischen Regiments im Bürgerkrieg würdigt, das bei Fort Wagner seinen (weißen) Anführer und 272 Mann verlor. Harvey greift das auf mit dem elegisch swingenden 'Consecretion' und lässt Bassfinger und Bassposaune über die Gesichter der Gefallenen streichen. Mit den Worten von William James im Ohr: There they march, warm-blooded champions of a better day for man. Bessere Tage? Sie kamen und gingen. Mit 'Greta' als kuriosem Ständchen für Greta Thunberg mit Piano, Flöte, Sopranino, Bass und Tuba sind die Aardvarks, Stand 2019, ganz up-to-date. 'Of the People' erinnert in vielstimmiger, so bedächtiger wie krawalliger Verbundenheit an Lincolns Mahnung that government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth und wie sich das zum Schuh für einen skrupellosen Populisten verkehrt hat. 'Lament for the City' ehrt und betrauert Kip Tiernan ( ), die sich in Boston unermüdlich um Obdachlose und Bedürftige gekümmert hat. Die Flöte schart drei Klarinetten um sich, abgelöst von vierfach Blech, mit wehmütigem Choral. Um, wie auch Greil Marcus in "Invisible Republic" & "The Shape of Things to Come", den Kopf darüber zu schütteln, was aus der Vision der 'City on a hill' geworden ist. Das Titelstück, das feierlich den Abschluss bildet, lässt zu geisterhaftem Piano- und Gitarrenklang, zu tristem Cello, zu Bläserchören und John Funkhousers betrübtem Bassspiel in Ives'schem Nebel die Geister des 54th Regiments erscheinen, die sich verwundert die Augen reiben. Sie ist in Ornette Coleman eingetaucht und in Charles Mingus, aber Silke Eberhard wählte sich doch Eric Dolphy zum musikalischen Schicksal, dessen gesamtes Œuvre sie mit Potsa Lotsa (Plus) ausschlürfte, inklusive der posthumen 'Love Suite'. Auch in Silk Songs For Space Dogs (LR 878) ist noch Dolphys Spirit präsent, doch POTSA LOTSA XL, ihr Berliner Tentett aus Jürgen Kupke (cl), Patrick Braun (ts, cl), Nikolaus Neuser (tp), Gerhard Gschlößl (tb), Johannes Fink (c), Taiko Saito (vib), Antonis Anissegos (p), Igor Spallati (b) und Kay Lübke (dr), stimmt da ausschließlich Silkes Songs an: 'Max Bialystock', mit dem Protagonisten aus Mel Brooks' "Frühling für Hitler" als Taufpaten; 'Crossing Colors', comicbunt; 'Skeletons and Silhouettes' (ihr Duett mit Ulrich Gumpert hieß "Peanuts & Vanities"); 'Fünfer, or Higher you Animals' als Wiedergutmachung für die fehlende Courage, vom 5-Meter-Turm zu springen, mit Saito als quirliger Ballerina; 'Ecstasy on Your Feet', dem der Übermut kurz mal in die Socken rutscht. Mit Vorbildern wie Gunther Schullers "Jazz Abstractions" (1960), mit Coleman und Dolphy und auch schon Cello und Vibrafon. Dazu greift Eberhard, drei Stimmen zu zwei Handvoll entfaltend, von "The Being Inn" 'Schirm' als träumerischen Saxsong auf, 'Miniatür' als 'One for Laika' mit zärtlichem Pizzicato und himmelsstürmenden Reeds und '8915' mit zitrusfruchtigem Klimbim, saftiger Posaune und markantem Bass als 'Song in Orange' (was ein wenig nach Mingus duftet). Ihre Erfahrungen mit Hannes Zerbes Bigband oder der Conduction von Wayne Horwitz geben ihr dabei wohl so manchen Wink. Blubbernde und krähende Stimmen begehren auf, bleiben aber immer Exponenten eines dynamisch swingenden Flows, der die Jahre auf dem Buckel als Vintage Chic mit lässiger Chuzpe schultert. Saitos Vibes sind ein Garant für gläserne Eleganz, Gschlößl spielt auf Zehenspitzen den Elefanten im Porzellanladen, Neuser den Strahlemann, Lübke schiebt eine flotte Kugel. Die Musik betört in ihrer retrofuturistischen Zeitgenössischkeit mit Laika, mit Sun Ras "Jazz in Silhouette", und teilt mit "Shape of Water" das Märchen, dass die Welt im Anderssein so viel heiler sein könnte. 25

26 Am live im Kölner Loft, zwei Jahre nach "Open Ends" mit -> Rope, spielte FRANK PAUL SCHUBERT mit DIETER MANDERSCHEID am Kontrabass und MARTIN BLUME an Drums & Percussion. So entstand Spindrift (LR 883). Die, mit denen er sich da auf des Meeres und der Liebe Wellen wagte, sind mit Manderscheid ein gütegesiegelter Jazz_Haus- Musiker mit Erfahrungen im NRW-Jazzzirkel seit Anfang der 80er, mit immer wieder Dirk Raulf, Frank Schulte, Ekkehard Jost, Sebastian Gramss und mit Frank Gratkowski und zuletzt Simon Nabatov oft genug auch schon auf Leo Records. Nicht nur bei FOURinONE und Shift im Tandem mit Blume, der, vom gleichen Jg. 1956, mit Phil Minton in Axion und Speak Easy, mit Butcher & de Joode, mit Houtkamp & Beresford bis an den vorläufigen Rand der Dinge gehoppelt ist. Dabei ist es Manderscheid, der mit seinem Pizzicato Küttel streut wie ein säender Osterhase, während Blume dazu tickelnd und crashend dahinrollt, als hätte es die Zeit wieder mal besonders eilig. Schubert singt und kräht sich mit Alto- & Sopranosax dazu in übersprudelnde Exaltation. Spindrift ist die Gischt bei stürmischer Windstärke 8 ('Gale'), die hier aber mehrfach abflaut für Windstille und nur leisen Zug, mit leichten, besinnlichen, schattigen Bogenstrichen, bimmelndem Glöckchen. So leise, dass man die Schiffsratten wuseln und die Taue knarren hört, weil auch Schubert nur Seifenblasen bläst, als Leichtmatrose und Poet dazu. Aus wieder keckerer Kabbelei und müßiger Tändelei mit melancholischem Anstrich frischt eine funkelnde Brise auf, die zunehmend ins Rollen kommt, die schreiend an den Ohren zerrt und allerhand zum Flattern bringt. 'Leucothea', der zweite Set, lässt einen von Kalypso zu Nausikaa driften, dabei Mitbringsel aus dem Land der Lotophagen kauend, mit prickelndem und hummelig surrendem Effekt. Manderscheid durchspinnt die Flaute und Schuberts stehende Sopranowelle mit armdickem, sonorem Seemannsgarn, Blume flickert als feiner Sprühregen. Fast cello- und flötenlyrisch steht die Zeit beinahe still, Blume klickert und kollert allerfeinst, die Weiße Göttin zeigt sich als Tochter von Harmonia. Bis Schubert mit Sopranostößen auf rollendem Flow ans Ufer strebt und es tirilierend erreicht. URS BLÖCHLINGER REVISITED trägt seinen Daseinszweck als Namen. Das Andenken des 1995 mit nur 40 Jahren gestorbenen Saxofonisten wachzuhalten und seine Kreativität zu feiern, ist dabei nicht allein eine Herzensangelegenheit seines Sohnes Lino, der saxend in seine Fußstapfen tritt. Denn dazu angeregt hat der kanadische Bassist Neal Davis und in die Tat umgesetzt hat es mit dem Pianisten Christoph Baumann der intimste Weggefährte und Altersgenosse von Urs B., Ende der 70er im Jerry Dental Kollekdoff, in Martin Schlumpf's Bermuda Viereck, und bei Cadavre Exquis schon mit Dieter Ulrich an den Drums. Dazu kamen der Trompeter Silvan Schmid, der Posaunist Beat Unternährer und an Reeds Sebastian Strinning, Linos Partner in Le String'Blö, um bei Harry Doesn't Mind (LR 885) Kompositionen von Urs B. anzustimmen: Das Titelstück en blö, im Original von Notspielplatz Zürich 1987 mit Ulrich, mit Lindsay Cooper (!), aber dem Saxer Kurt Gräminger in der Hauptrolle, die jetzt vielstimmig aufgefächert wird in wild getrötete und gesaxte Wucherungen und wieder eingefangen in vereinten Staccatostößen und getragenem Flow. Aus dem gleichen Kontext, 'Rudy the Pimp', ursprünglich dem Trompeter Peter Schärli gewidmet, anfangs etwas spinnert, dann aber trompetistisch und kollektiv beschwingt, dynamisch und mit leichtem Latin-Touch. Nicht fehlen darf mit der in sich gekehrten, innerlich zerrissenen Ballade 'I Love You - But Later' ein Blöchlinger-Favorit, den er sich immer wieder zu Herzen nahm. Dazwischen, von Blöchlingers Tettet-LP "Neurotica", 1984 ebenfalls schon mit Ulrich, das überdrehte, verkaterte und doch fitte 'Adrenallini', mit dem New Yorker Basssaxofonisten Adrian Rollini im Sinn, einer unbändigen Schnapsdrossel der Swingära. Aus der gleichen Quelle stammen: Das mit Piano, Pizzicato und Posaune eingeleitete 'Kungusisches Arbeiterlied: Niemand weiss hinten, wie er vorn dran ist', als bläserwild aufgekratzte Folklore imaginaire aus den Schluchten des Balkan, die im 17/8-Schluckauf und klimperlaunig den eigenen Schwanz jagt. Das spöttische 'Baghwan Business', das, krumm geklopft und indisch rückwärts gekurvt, nicht von seinem Ramtamtam-Trott loskommt. Und, ebenfalls mit hartnäckigem 1-2-3, das ironisch hollywoodeske, turbulente 'King Arthur meets Hanns Eisler in Hollywood' - denn Eisler war ja Urs B.s Leitfaden wie sonst nur noch Konrad Bayer, dem er in Vielem folgte, zuletzt noch im Selbstmord. 26

27 Multikulti Project (Poznań) Als ich vor gut zehn Jahren wohl mit dem New Fracture Quartet und der blutjungen Jaimie Branch auf Multikulti Project gestoßen war, fand ich vor allem gutes Zeug mit Klaus Kugel (mit Undivided oder mit Robert Kusiołek). Mittlerweile hat sich dort der Output so vermehrt, dass ich mein Interesse auf die polnischen Zungenbrecher beschränke, neben auffallend Vielem, das mir spanisch vorkommt - Albert Cirera, Ferran Fages, Agustí Fernandez, Vasco Trilla (mit Hung Mung, Low Vertigo, Phicus, TNT)..., brasilianisch - Yedo Gibson... oder portugiesisch - Gonçalo Almeida, Luís Vicente... Allerdings kommt man um VASCO TRILLA, der einst bei October Equus getrommelt hat, nicht herum, wenn er seine polnischen Kontakte zum Gitarristen Michał Dymny, dem Bassgitarristen Rafał Mazur oder dem Saxofonisten Mikołaj Trzaska weiter vertieft mit dem Posener Bassklarinettisten PIOTR MEŁECH & dem Kontrabassisten JACEK MAZURKIEWICZ bei Dog (MPI047), live im Posener Pies Andaluzyjski, bei Hum (MPI048) im Studio und Brain (MPI049), live in Warschau im Mózg. Ersterer war schon im Enterout Trio und mit "Melech plays Gebirtig" bei MP zu hören, letzterer, als dezidierter Sound Hooligan, der Unwanted Music spielt, u. a. mit seinem Solo "3fonia - Chosen Poems" und mit Trzaska. Sie bestechen mit geräuschvollen Aktionen, knarrend, klopfend, plonkend, rumorend, schleifend, klingelnd und flageolettisierend, mit undogmatischer Technik zu rauschenden Snarerolls und fiepender, quäkender (Un)-Klarinette. Da kann nur noch konsonante und intensive Poesie überraschen, klarinettistische Lyrismen mit Samt- und mit Feuerzunge zu tatzigem Plonken, surrendem Bogen und vollspektralem Tamtam. Mełech spuckt Feuer wie Smaug auf 180. Da braucht es echt 'Aralēz', den armenischen Geisterhund, um die Wunden zu lecken. Aber da dräut im Dunklen auch der katalanische 'Pesanta' als schwarzer, zottiger Albtraum, oder es knurrt 'Komainu', der koreanische Hund, mit offenem Maul a, mit geschlossenem hūṃ. Ganz zu schweigen vom menschenfressendenen Hundekopfdämon 'Psoglav'. Aber die drei und vorneweg Mełech bekämpfen Feuer mit Feuer, die Gorgo mit ihrem Spiegelbild, zu zauberischem Klingklang von Trillo, der die Bestien kuschen und Om brummen lässt. Sie schweigen still und lassen die Karawane im Düstern vorüberziehen. Auf der Studioreise von São Paulo über Phnom Penh, Washington DC und Helsinki nach Teheran ziehen die drei mit elektronischem Noise entlang einer Wall of Sound, gegen die die Klarinette ihr "Tear down" bläst. Dröhnendes Bowing an Messingkanten und wie an armdicken Tauen mischt sich mit metallischem Rauschen und melancholischem Moll. In dark ambienter Tristesse schimmern metalloide und elektronische Dissonanzen, Donnerblech rumort zu brütender und lyrisch singender Klarinette, krasser Noise drückt sie wieder hinter die Wand. Mełechs sonorer und dissonanter Ton gehören zusammen wie zwei Hirnhälften. Er setzt zu elektronischen Machenschaften, die teils seine eigenen sind, und zu perkussiven, mit Klimbim vermengten den Schädelbohrer an, heilt aber auch mit rauer Aralēz-Zunge und dunkler Poesie. Die andern mögen knarren und knarzen, Silberfäden spinnen, rumpeln oder rumoren, er öffnet den Mund, damit das Herz singt, damit die Seele spricht und schreit. 27

28 Der Bass-Hooligan Jacek Mazurkiewicz ist auch das Ma in KaMaSz neben dem durch Hunger Pangs und ADHD auf For Tune bekannten Gitarristen Marek Kądziela und dem Drummer Krzysztof Szmańda. Der war mit Dominik Strycharski und dem Krzysztof Dys Trio ebenfalls schon bei For Tune zu hören, schmiedet aber, mit Dys am Piano, in Maciej "Kocin" Kocińskis Soundcheck in locker-flockiger Komeda-Tradition sein heißestes Eisen. Eight Rocks From Grandma's Box (MPI041), in Gdańsk eingespielt, punktet mit kesser Grafik, elektronischen Effekten und den Titeln 'Kontryfut', 'Heliazyn', 'Xiamin', 'Natarcz', 'Misjo', 'Kromenyt', 'Grobracht' und 'Jasntyk', die Gesteinsarten sein könnten oder Wirkstoffe, die einen zu unrundem Beat und surrenden Bogenstrichen in Dröhnwolken eintauchen lassen. Oder, noch verfeinerter, in Zen-Mystik mit Steelpanklingklang. Die SUNDOGS, die einen In the Land of Green Dust (MPI046) entführen, in eine Waldeinsamkeit hinter Wroclaw, das sind die einander schon durch "Xu" (MPI036) vertrauten Zbigniew Kozera an Kontrabass & Mateusz Rybicki an Klarinette, die beide auch pfeifen und Kalimba zupfen. Mit Rückenwind von Samuel Hall, einem australischen Perkussionisten, der zwischen Madrid und Berlin pendelt und schon im Power Of The Horns Ensemble des Trompeters Piotr Damasiewicz P-o-l-s-k-a buchstabieren lernte. Natur- und geräuschnah verwandeln sie sich in Bäume und Vögel, in Äste und Borke, mit auf Saiten und Fell getupften Tönen, metallenen und kleinlauten, holzig klackenden und spitz quietschenden, auch spuckigen und trappeligen. In lautmalerischer Anverwandlung an Piepmätze, mit windspielerischer oder eifriger Perkussion. Mit Kuhglocke und Flöte dann pastoral auf einer Lichtung, zu Pizzicato, Gekrabbel und Gerappel auf Kalimba und Snare, mit geschütteltem Shakerchen, gedämpftem, nicht gerade polnischem Singsang, vogeligen Gamecalls und Beckenrausch, aufgekratzt und groovy. Aber plötzlich ist der Wald wieder einsam für sich, mit monotonem Pfiff, melancholischer Mundharmonika. BASTARDA spielten bei "Promitat Eterno" Musik von Petrus Wilhelmi de Grudencz ( c. 1480) und auch bei "Ars Moriendi" (beides bei Lado ABC) fromme Weisen von Guillaume Dufay, Josquin Desprez, Cristóbal de Morales und Costanzo Festa. Als Aktivisten im HERA- Forschungsprojekt Sound Memories. The Musical Past in Late-Medieval and Early Modern Europe. Pawel Szamburski mit Klarinette, wie auch bei Meritum, Tupika, bei Horny Tree mit Nietzsche in der kosmischen Tanzbude und bei Sza/Za cinephil mit Hubert Zemler, alles auf Lado ABC. Bei Raphael Rogińskis Cukunft schnupperte dann schon Michal Górczynski mit an Mohn und Löwenzahn, der mit Piotr Zabrodzki (von Baaba, LXMP...) in Pole= Polonka, mit Poesie von Blake und von Henry David Thoreau oder, wieder mit Szamburski, als Laar mit der Warsaw Gamelan Group breit aufgefächerte Kopf von Kwartludium. Er bläst hier Kontrabassklarinette neben noch Tomasz Pokrzywiński am Cello, der als Spezialist für Barock und CPE Bach im Ensemble Arte Dei Suonatori als der klassische Samenspender für die bastardisierte Musik fungiert. Ihre Nigunim (MPT016) sind Lieder ohne Worte, die der Musikologe Moshe Bieregowski in Kiew zwischen den Weltkriegen gesammelt und bewahrt hat. Schon Trzaska & Rogiński haben sie, sich ihrer jüdischen Wurzeln bewusst geworden, mit Shofar angestimmt. Chassidische Tanzweisen, wie sie die enthusiasmierten Anhänger der Modzitzer Rebbes seit 300 Jahren tanzen, denen der Baal Schem Tov einen mystischen Weg nach Jerusalem und an die Himmelstür gezeigt hatte. Was braucht es Worte, wenn Gott, mensch und tivill miteinander tanzen ('Mismor ledovid')? Oder war es nur der Sotn [Satan], der Schabbtai Zvi und Jakob Frank die gequälte und dezimierte Herde mit falschen Versprechungen spalten ließ? Bastarda schwelgt, live beim Festival Muzyka Wiary Muzyka Pokoju [Musik des Glaubens Musik des Friedens], in diesem ostjüdischen Gegenstück zum Jazz Funeral in New Orleans. In langsamen Dirges und tieftraurigen Lamentos, in denen das Grauen der Pogrome von 1648 nachhallt, aber sich entfesselt im "cut the body loose". Voller schreiender Lebenslust, einem Taumel, in dem die Klarinette tiriliert und die Kontrabassklarinette knurrt und brüllt, so 'raucious', dass mir dafür ein deutsches Wort fehlt. Was für ein Schauer, was für eine Gewalt des Tones, um Schmerz in Hoffnung und Schönheit zu verwandeln! Mit zuletzt sich öffnendem Himmelstor, aus dem der Chór Grochów mit Engelszungen schallt. 28

29 PNL (Oslo) Wenn der gute MBeck den Blacker-Than-Black-Jazz in London von einem 'verkopften, intellektuellen' Jazz im kühlen Norden absetzt, wobei er sich gleich am Fire! Orchestra die Zunge verbrennt, würde er sich nicht auch am "New Brazilian Funk" und dem "Ethiobraz" von Paal Nilssen-Loves Large Unit den Arsch versengen? Und wenn man, schwarz-weißmalend, neben der 'akademischen' Fundierung Punk und Jazzcore als Antrieb im skandinavischen NowJazz - bei The Thing, bei Møster!... - als weiße, ruppige Hipness ohne Hüftschwung mit absetzen wollte von einer afrodiasporischen Smooth- & Grooviness, würde man nicht stolpern - über Rip Rig & Panic und die New Age Steppers (durch Neneh Cherry & The Thing), über die Lounge Lizards (durch Arto Lindsays Tête-à-Tête mit PNL), über die äthiopisierten The Ex, die in Gestalt von Terrie Ex & Andy Moor die gitarristisch aufgekratzte Hälfte von LEAN LEFT bilden? Mit wieder Ken Vandermark an Tenorsax & Klarinette und natürlich PNL an den Drums bei Medemer (PNL048) als Konzertmitschnitt vom im Pardon To Tu in Warschau. Und - autsch! - zugegeben, in Afrika tanzt man wohl kaum so, wie es die vier da im Sinn haben. Als würden Les Demoiselles d Avignon moshend aus der Leinwand springen. Allerdings animiert vom äthiopischen Buzzword 'Medemer', das für ein mutiges Miteinander schwärmt. Äthiopiens Prime Minister und Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed wirbt damit für einen undogmatischen Kurs, der Brücken schlägt zu einer Einheit in Vielfalt. Und Lean Left legt sich dafür mitreißend ins Zeug, mit einer Verve, dass die Kittel brennen, mit einer wilden Bejahung auch noch kakophonster Spitzen und kantigster Stolpersteine, einer Schmerzlust an Brandblasen und blauen Flecken. Ex und Moor scheuen sich nicht, Stacheldraht mit bloßen Händen abzureißen, mit ostinat hackendem Staccato bahnen sie über holprigste Pfade Wege zueinander. PNL macht Krawall, als wäre er ein Blitzableiter für militanten Groll und krumme Touren. Und Vandermark verlegt feuerspuckend Pfingsten auf den 8. Mai, aber tastet sich auch mit zagen Tönen voran, dankbar für drei Schamanen, die um ihn herum, klopfend und kratzend, die widrigen Geister scheuchen. Immer wieder kommt so polternder, fetziger, furios gekirrter, getrillerter 'Rock'n'ROOLLL' ins Rollen, und der Feuervogel, der da auf glühenden Kohlen tanzt, ist allemal ein schwarzweißes Federvieh. FRODE GJERSTAD TRIO? Davon gibt es unüberschaubar viele. Das mit Jon Rune Strøm und seinem Knowhow bei Universal Indians, Friends & Neighbors und PNLs Large Unit am Kontrabass und PNL an den Drums hält seit 2010 zusammen. Wobei Øyvind Storesund als + 1 für Forgotten City (PNL050) daraus ein Quartett mit zwei Kontrabässen macht, was etwas ganz anderes ist als die + 1-Variante mit Steve Swell an der Posaune. Storesund ist, bevor er sich auf Cloroform und Kaizers Orchestra konzentrierte, von 2000 bis "Nothing Is Forever" (2007) Strøms Vorgänger gewesen. Tatsächlich stiftet Gjerstad dabei nicht zu Fire Music an, sondern beim Streunen durch eine verödete Stadt zu inneren Blicken auf 'Dead Trees In The Park', 'Cracked Sidewalks', 'Cars Up On Blocks' und dergleichen. Dafür wechselt er zwischen Altosax, Klarinette und Altflöte für tastende und introspektive Klänge, die, zugegeben, nicht gerade zum Tanzen anregen. PNL reduziert sich vom Feuerteufel und Poltergeist zu feinfühligeren und fragilen Gesten, denn das Fingerspitzengefühl der beiden Bassisten, ihr krabbeliges Pizzicato und tremolierendes Gefiedel bestimmen den plonkigen, murmeligen Tenor. Der bei aller laubsägenden Feinarbeit und zupfenden, tupfenden, dumpf unkenden und murrenden oder kollernden Perkussion freilich schreiende Töne bis in Gjerstads Altissimoregister mit einschließt, neben kläglichen Spaltklängen, quäkigen Trillern und quiekendem Geraspel, die zu kahlen Bäumen Gestrüpp, leere Fenster und rostige Wracks vors Auge stellen. PNL lässt Ratten springen und Waschbären in Müll wühlen, und der diskante Klarinettengesang hat durchaus auch kapriolige Züge und die kecke Ungeniertheit der sprichwörtlichen Mäuse auf dem Tisch. Das in den Bässen ständig rumorende u-u-u steht insofern nicht eindeutig für Untergang, eher für unkontrolliert und für so Wundersames wie, dass Flöte und ein Bass flautando zusammen flöten. 29

30 RareNoiseRecords (London) Tranceportation (Volume 2) (RNR114, CD/LP) ist wie sein Vorgänger eine Ausgeburt der gleichen kreativen Marathonsession Ende April/Anfang Mai 2019, bei der dem von Manuel Pasquinellis Getrommel umschäumten Dreizack aus Stephan Thelens & Bernhard Wagners Tritone-Gitarren und Christian Kuntners -Bass ein vierter Zacken geschenkt war. Nicht von Neptun und nicht vom Diabolus in musica, sondern durch DAVID TORNs E-Gitarre & Loops. Er spielt da das 5. Element, als Daumen zur Faust. Für nochmal vier 10- bis 12-min. Trips, 'Triskaidekaphilia', 'Tranceportation', 'Slowburn' und 'Cloud Chamber' betitelt, die jetzt das 10-jährige Bestehen von SONAR markieren. Um einer Vorliebe für die 13 zu frönen, um schamanisch zu driften auf Pilzbasis oder Fliegendem Teppich, als ein Klingklang, der anfangs unscheinbar wirkt, aber dann immer unwiderstehlicher mitreißt, als Teilchen- Alphabet in einer Nebelkammer und Aufstieg auf Wolke sieben. Der Zauber besteht in purer Physik, in stur repetierten, in Mustern verzahnten Beats, durchfädelt mit schwebenden Dröhnfäden und schimmerndem, singendem Gitarrensound, der schmerzlustvoll aufstöhnt, aufheult, wenn die Spannung und Intensität kaum mehr auszuhalten sind. Die absolute, gitarrengeile DW-Droge, Differenz & Wiederholung, mit einem Bass, der unermüdlich die Eingeweide massiert. Schweizer Uhrwerk, universales Urwerk. There s no better way to fly - hier trifft es zu. Spread your wings, explore the ultraworld! Unter den Veteranen, deren Nähe Jamie Saft suchte - Roswell Rudd (Jg. 1935), Joe McPhee (Jg. 1939), Steve Swallow (Jg. 1940), Wadada Leo Smith (Jg. 1941) - ist der Leader von THE JERRY GRANELLI TRIO eine besondere Marke. Der 1940 in San Francisco geborene, vor 20 Jahren Kanadier gewordene Drummer hat nämlich neben seinen Meriten mit Jay Clayton, Ralph Towner, Charlie Mariano und als Professor in Berlin auch noch die speziellen Erfahrungen, auf die er mit Plays Vince Guaraldi & Mose Allison (RNR120, CD/LP) zurückgreift. Mit Granelli vertraut durch Badlands Ende der 90er und weitere Einspielungen wie "Music Has Its Way With Me" (1999), "The Only Juan" (2001) und "Nowness" (2013), brachte Saft den Bassisten Brad Jones vom New Zion Trio und Jamie Saft Quartet als dritten Mann ins Spiel. Um von Granellis knapp 80 Jahren gut 55 abzustreifen, mit Guaraldis ohrwurmigen Easy-Listening-Hit 'Cast Your Fate to the Wind', der in mir gemischte Feldmausgefühle weckt, und mit dem lässigen 'Star Song', ebenfalls aus Granellis jungen Jahren auf der Latin Side der 60er. Mit 'Christmas Time Is Here' vom Millionenseller "A Charlie Brown Christmas" als Christbaumspitze obendrauf, denn, ja, Guaraldi reimt sich über seinen Tod hinaus mit nur 47 Jahren - für immer auf die Peanuts, auf Linus, Lucy und a Boy named Charlie Brown. Dazu lebt Granellis Zeit mit dem von ihm als "Charles Ives des Blues" verehrten Pianisten & (weißen) Blueser Mose Allison wieder auf, mit dem er von Mitte der 70er bis zu Allisons Tod 2016 immer wieder mal 'Parchman Farm', 'Baby Please Don't Go', 'Everybody s Cryin Mercy', 'Young Man Blues' und 'Your Mind Is On Vacation' getrommelt hat, Stoff, der bei The Who, Blue Cheer, Elvis Costello oder Van Morrison widerhallte. Saft steuert mich nach der anfänglich wehmütigen Beklemmung mit atemberaubender Sophistication durch einen Honeymoon von bluesigen Anklängen und souljazzigem Swing, deren klimperlaunige Raffinesse coole Typen mit coolen Anzügen, weißen Hemden und schmalen Krawatten vors innere Auge stellt. Und dabei, von federndem und seinerseits eloquentem Pizzicato schwung- und gefühlvoll animiert, von Granellis Pantherpfoten umstrichen, perlend und hämmernd davon erzählt, was möglich war und die richtige Höhe gewesen wäre, über die die 60er mit nur ein bisschen besserem Willen hätten springen können. Statt dessen..., ach, scheiß der Hund drauf. Was war denn so verkehrt an 'easy'? 'Young Man Blues', von Jones mit supersonoren Basstrichen gesummt und mit aller Saftschen Juiciness gehüpft und gesprungen, gibt meinem Old Man Blues ebenso recht wie Jones' tänzelndes Fingerspiel on my mind ohne Saft bei 'Mind Prelude 2'. Saft springt dafür gleich wieder hoch und quer in flohlustiger Ferienstimmung, frolicking like Snoopy um Allison herum, um zuletzt unter die X-mas-Schmusedecke zu kriechen, während Schnee auf das Grab von Malcolm X fällt. 30

31 Trouble in the East Records (Berlin) Ist Credo (TITE-REC 015) das Glaubensbekenntnis eines unserer kreativsten Drummer, dessen Aktionsradius von Soko Steidle und Der Rote Bereich bis Oliwood und Philm den von Lillinger oder Andrzejewski noch überschwirrt? An OLI STEIDLEs Seite sitzt am Piano mit HANNES SELIG ein Nürnberger Spezl (dem wir zuletzt als Macher von SMP begegnet sind) und mit DAN NICHOLLS an Keys & Synth einer, mit dem er als The Killing Popes Egopillen eingeworfen hat. Eine kauzige Besetzung für getüpfelte Loops, an denen ihnen, wie sie behaupten, die Quadratur des Kreises gelingt, nämlich Hirnakrobatik und Feeling unter einen Hut zu bringen, Abstraktes so auszutüfteln, dass es lyrisch klingt und Hintersinniges so hinzuflocken, dass es einem leichtsinnig vorkommt. Was es tut. Als rasant geklimperte Arpeggios oder stupendes Tremolo, als leichthändige Pointillistik, mit Beselchen gewischt, wie mit Essstäbchen gepickt und getickelt, pianistisch ebenso berauscht wie perkussiv. Mit eingestreuten Rumplern und crashenden Blitzen, umschwärmt von elektronischen Phantomen. Im Handumdrehen zurückgenommen in lyrisch fragende Gesten, um gleich wieder wie Popcorn zu springen zu verhuschtem Gewisper. Selig setzt klirrende Tupfen, als neutönerische Aleatorik, durchsetzt von Nicholls'schen Irritationen, mit unabsehbaren Repetitionen, händischen und automatischen. Malewitsch'sche Quadraturen in Schwarz und Weiß, mit gewürfelten Malefiz-Sprüngen. Temporeiche, hyperagile Action, ostinate Wühlarbeit der hämmernd und tremolierend rumorenden Linken, hinauf in linde Gefilde, mit ratterndem Nachdruck. Und gleich wieder kristallin tropfend zu metallischem Klingklang auf schwammigem Grund. Und auch zuletzt nochmal ein löchriges Tasten, ein unrundes Rucken wie gegen einen inneren Widerstand. Selig sind die Zaudernden, die nicht ans Glück der Lemminge glauben. Ist mir Frank Paul Schubert wirklich erst 2007, mit Grid Mesh, zu Ohren gekommen? Da mischte er ja schon seit acht Jahren in der Berliner Szene mit, war allerdings auch schon 42. Ab da freilich kumulierte seine Präsenz, mit Olaf Rupp & Jörg Fischer und im Willi Kellers Trio auf Gligg, mit Matthias Müller in Foils, mit Udo Schindler. Ganz zu schweigen vom Zusammenklang mit Schlippenbach, von Willing Suspension of Disbelief mit Fischerlehner, von Uwe Oberg und den englischen Connections. Letzteres kulminiert in ROPE, Oberg am Piano, Paul Rogers (Schuberts Partner auch im Trio mit Rupp) an seinem speziellen Kontrabass, Mark Sanders an den Drums (wie auch bei Foils), zwei der gewieftesten Vertreter der freien Improvisationsmusik seit Anfang der 80er, als in Schubert noch nicht einmal die Vorstellung keimte, mit solchen Kerlen mal die Bühne zu teilen. Open Ends (TITE- REC 016) zeigt sie im freien Flug am in der Black Box, Münster. Und Schuberts Sopranosound pulverisiert alles, was nicht erste Schöpfungsstunde ist, Jahrzehnte an Erfahrungsvorsprung ebenso wie die Differenzen der Sozialisation und Mentalität. Was zählt, ist nicht die Erinnerung, sondern eine geteilte Losigkeit, jenes Frei von, jener Dream & Maelstrom of Freedom, von dem David Toop schreibt, ohne auch nur halbwegs Anfang oder Ende des Fadens zu fassen. Während ich mich frage, wie der Tropfen Abweichlertum in die Blutkreisläufe geriet und ob er sich in einem verschmitzten Goatie verrät, wuchernden Zauseln oder gewitzter Unscheinbarkeit, ob es auf Individualität ankommt oder auf Egolosigkeit, überschauert mich längst die einmal mehr stupende Vogeligkeit und mitreißende Vitalität des Sopranos als der hochfliegendsten Stimme in diesem kollektiven Rausch. Tirilierend und keckernd in einem gehämmerten, tumultarisch crashenden Mahlstrom, einem Gewebe fiebernder, schillernder Bogenstriche und diskanter Kratzer, einem Gespinst träumerischer Klangfarben, die einen, flötend, pickend, zirpend, rauschend, Zeit und Raum vergessen lassen. Um mitten im Klang zu sein, einem klingenden Flow voller Frequenzen, die einem die Härchen aufstellen. Sprudelnd, krächzend, stöhnend, jubilierend, springt das Wildbach-, Vogelschwarm- und Außersichsein über. Um Hummel, um Panther, um närrisch zu werden und sich, fast 72 Minuten lang, lebendiger zu fühlen. Selbst die fadenscheinigeren Passagen üben da einen Sog, einen Kitzel aus, hin zum nächsten überschießenden Sekt- und Feuerwerk-Werden. Da beißt die Maus keinen Faden ab. 31

32 Umland Records (Essen) THE DORF, soeben noch mit Beethoven in Moers, hat 2019 eine XL-Version von "Baobab" realisiert, jenem Orchesterstück von Dröhnmeister PHILL NIBLOCK, das 2011 in Ostrava uraufgeführt und 2017 von Quatuor Bozzini als Streichquartett revidiert wurde. Baobab / Echoes (31 / Experimental Media Foundation, XI 142, 2 x CD) bringt es wieder orchestral, anders orchestral und mit 46:17 doppel so lang/sam. Mit allem, was The Dorf zu bieten hat: Akkordeon, Bässe, Buchla, Cellos, Drums, Electronics, 3 Gitarren, Keyboard, 4 Posaunen, Sampler, 6 Saxofone, Sousafon, 3 Stimmen, Synthies, Theremin, Trompete, Violinen, 35- köpfig, von Anthes bis Zepezauer, von Brüssel bis Wittbrodt. Geballter, sonorer und einfach baobaber als bei "Lux" mit N. Kein Puls, kein Riff, sondern das spektral surrende, sirrende, bohrende Niblock'sche OM. Ein gigantischer schwärmender Bienenstock, Affenbrot im Backofen der Sonne. Bu-hubub, Superfood für die Ohren. Nie und nimmer kann man diesen Ton aus Myriaden Tönen monoton nennen. Jan Klares Echos als zweiter Set sind aufgeladen mit Affenbrotnachgeschmack. Aber nun pulst ein schnelles Staccato, ein d-d-d-d-d der Frauenzungen und die Drums relativ grob, der treibende, zuckende Duktus Minimal in der Spielart - 'Rich' sagt es ja - von Steve Reich. Als mitreißender Drive mit rockigen Turbulenzen über ein stufenweise eskalierendes Crescendo hinweg. 'F-Lan' fluktuiert ähnlich schnell, als Gewirr mit rhabarbernden Stimmen, klickenden Beats. Ein allgemeines Zuckeln und impulsives Aufschäumen, vielstimmig und wie losgelassen, mit kollektiven Halbtonabschattungen, glissandierenden und orgiastischen Erruptionen, glossolal und jublilatorisch bis hin zu erschöpfter Erschlaffung in postkoitaler Cellotristesse. 'Split' bringt uptempo nochmal das da-da-da-d-d der animierten Zungen, in rockendem Staccato und Wechselspiel mit den Bläsern, immer in Gefahr, chaotisch zu entgleisen. Daher werden die Zügel etwas an- und Glissandos als Leitplanken eingezogen, was den närrischen Pulk mit Karacho und gilfendem Geschrei ans Ziel schleudert. Drei Hämmer für ein Hallelujah! Berlin hat Platz für unwahrscheinlich viele Koffer. Thiébault Imm kam 2011 aus dem Elsass, um mit MadamaskS seine Gitarre auszupacken. Oder in Opta,h mit Antti Virtaranta am Bass, einem Finnen, der ansonsten selten ohne die an Keys & Drums gleichermaßen versierte Rieko Okuda anzutreffen ist. Zu QUASI STELLA werden sie mit dem Maulwerker Martin Lau, mit seinen Anklängen an Donald Duck, Adenoid Hynkel und Marinettis Zang Tumb Tumb auf "Lumen" (Atemwerft) schon eine unheimliche Begegnung der unsagbaren Art. Quasi Stella (32) zeigt ihn zivilisiert vom Caliban zum Poetry spuckenden Sprachrohr für stompenden Troll-Rock. In englisch-deutsch-französischem Mischmasch rappt und sprechsingt er rhythmisierte Zeilen, stapfende und tribbelnde Wortfolgen, zack krach zackzack krach, mit dem Arsch im Eimer, der Zunge im Kraut. Art Rock, zugleich primitiv und polyglott gewitzt. Mit hier mal nem Anklang an Pascal Godjikian und da, haha, mal an Napoleon XIV, die Musik selbst mit Piano deklamatorischer als das Babelsprech, als das ejakulierende Maulwerk in seinem immasculine delirium larum mene makel spektakel. Die Nacht, die Macht & maskulinen Marsmissionen, cut it kaputt, denn something's foul in the state der keuschen Deutschen, the voodoo void der zodiac-killenden Maschinen, cry kyrie qui rit kikeri, we breed machines & mimiky. Let your flesh flash wildly, im Laufschritt zum Aufstand, laber Punkt & Koma. La langue maternelle matérielle la langue martyre martiale. Lau ruft Mnemosyne an, mother of muses keeper of memory & mysteries. Er ruft alle an: You wake cry out cry oh master nation masturbation must obey & masturbate & nachts die Galle und ein Reim auf Blei. In other words: tons of phons, fucks in the fog & a swollen sky, zu blau zu blind zu blond. Und Salomé lässt Salomon stehn unterm Salò-Mond. Was für eine Orgie aus Sinn und Sinnlichkeit, in einem assoziativen, wortspielerischen Katarakt aus Rhyme & Reason, mit repetitivem Anstoß und sogar stabreimelndem, gitarrenkrachigem, hals- und zungenbrecherischem Flow und Brass. Wer macht / dass alle / Macht / falle? A muse? A moon? Die Galle? 32

33 Emily Wittbrodt - Marie Daniels - Maria Trautmann - Julia Brüssel Das reizvolle Glückskleeblatt Julia Brüssel (Geige), Marie Daniels (Gesang), Maria Trautmann (Posaune) und Emily Wittbrodt (Cello) hat sich als HILDE [bescheidener: hilde] aus dem Umland-Kollektiv erhoben und von The Dorf abgesetzt. Und zuletzt einen bemerkenswerten Auftritt beim heurigen Moers Festival geboten. Wittbrodt, Jg. 1994, vom Tugendpfad der Klassik längst abgebogen, etwa mit Moritz Anthes (Posaune) als Emimo, mit Edis Ludwig (Computer & Drums) oder mit Hanna Schörken (Gesang). Trautmann, Jg. 1990, fit durch Mondfahrten in die schöne neue Welt und auch bei Wir hatten was mit Björn schon komisch instrumentiert. Brüssel, Jg. 1993, in Köln im Avian Quartet kurdisch betaut. Daniels, Jg. 1986, die, ebenfalls in Köln, mit ihren Stimmbändern drei gestandene Buben als Marie Mokati zusammenhält. hilde (33) zeigt sie bei Sonnenaufgang, wenn die Bienen schon fleißig summen, als Spätaufsteherin, die sich mit verschlafener Rosenzunge nur allmählich aus den morgenroten Federn schält. Mit eyes wide shut. Aber, kaum wach, schon auch widerspenstig, wissend: you have no choice. Dennoch: stand up!, animiert von der fiebernden, glitschigen Geige, dem plonkenden, dem kratzbürstigen Cello, dem O-O-O der Posaune. 'Sabaya', darunter versteht man die versklavten Frauen und Töchter der besiegten 'Ungläubigen', erklärt mir Nasser El Massry. Kakophone, gepresste, fieselig verhuschte und zungenrednerisch animalische Laute verwandeln sich in eine gedehnte, bedrückte Klage. Da singt man die Töchterchen doch lieber mit Märchen in den Schlaf, wie dem von der 'Sandfrau', mit Posaunen-Wahwah und Pizzicato, oder dem vom 'Bartröckchen', mit innigen und energischen Strings. Auf der Suche ('pesquisar') nach besseren Zeiten nach dem Sturm, mit bohrender Posaune, sehnender Geige, mausigem Schnäuzchen. Soll ich bei '1922' an Stephen King denken? Wohl kaum, denn hilde schwelgt da streicheridyllisch schon ebenso zart wie bei 'Azul' mit seinem weichen Posaunensang, himmlischer Vokalisation, süß flimmernder Geige und dröhnendem Oberton. 'Delta' bebt versponnen hin zu 'Kis kece lányom', das vom ungarischen Volkslied die Wehmut und den Ziegen-, Rosen-, Minzeduft mitnimmt zum surrend aufsteigenden 'Choix'. Denn es gibt (fast) immer eine Wahl. Und ein 'Exit', vor dem hilde, mit zitternder Geige und brummiger Posaune, cresdendierend faucht und sägt. Die Tür geht auf, und hilde geht mit einem kleinlauten Spiritual von Daniels und zartbitterem Pizzicato hindurch. 33

34 Wide Ear Records (Zug) Wenn DALIA DONADIO singt (und auch wenn sie nicht singt), ist meist Tobias Meier nicht weit - bei Projekten wie 'Through States of Matter', 'Volatil', 'Send/Recieve', 'Membrane' oder 'Cantilena'. Kennengelernt habe ich sie jedoch mit Schwalbe & Elefant und den züritüütsch geschnäbelten Duetten mit der Harfinistin Linda Vogel. Und da ist ja noch das familiäre Donadio Ensemble. Und Poem Pot! Mit Urs Müller (von Monotales und Kali) an Gitarre und Raphael Walser (von GangArt, Raphael Jost Standards Trio) am Bass, und einem Pot-pourri mit Texten von Charles Bukowski, e.e.cummings, Fernando Pessoa, Gertrude Stein, etc. Bei Poem Pot plays Pantano (WER045) aber vertiefen sie sich in Poetry von Daniele Pantano, der seine halb sizilianische, im Kanton Bern verschmähte Herkunft anglistisch überschreibt und dabei Trakl, Dürrenmatt und Robert Walser mitübersetzt. Als der Schweizer Blumendürre entronnener 'Fluchtkünstler' schreibt er Poesie, die seinen Namen an die Wände der Kathedralen pisst, die noch immer mit ihrer Zurückweisung hadert ('Writing the City'), die sich bombardiert fühlt durch die Gegenwart des Todes in allen Dingen ('Morning Walk'), die weitermacht, nicht vom Schönen zu reden, sondern von dem, was wichtig ist ('Last Visit & Supper Prior to the Invasion...'), die auf die Messer im Spülbecken starrt ('Vaudeville'), die sich in Umarmungen und in schmerzhaften Trennungen und Erinnerungen selbst verzehrt ('Time'), die wie Hunde auf verwahrlosten Feldern bellt ('Eastern Village with Factory'), die etwas anderes wünscht als nur das Mögliche ('Late December'). Donadio performt das mit getragenem Sprechgesang, mit prophetischen Ameisen auf der Zunge, als Poetry & Jazz, aber mit Sound, der das rechtwinklig und quadratschädlig Schweizerische mitsamt dem Jazzigen überschreibt mit kakophonem Flair oder mit Western-Touch, mit nachdenklichen Lyrismen oder überkandidelt. Der Gesang kann a capella vorausgehen, bevor sich Bass und Gitarre dranhängen - another round of chess-accents equally on time klingt dabei wie jazz-accents. Mit der Gitarre als Shapeshifter, eben noch Zigarettenrauch und Stillleben, a filament of light, jetzt schon dornig wie Raureif. Unwahrscheinliche Kehllaute korrespondieren mit bizarren Saitenklängen, bei 'Vaudeville' schulschwänzerisch und fast parodistisch, die jazzig arpeggierte Gitarre ein psychedelisches Messer. Oder ein gelooptes Flimmern zu Donadios gewagtem Silben-Jo-Jo und bluesig gekautem Pantano-Betel. No one misses the ordinary. Not even the blackbirds. 'Splattered', 'Hammered', 'Drowsed', 'Weirded' - schönes Wort, 'Shaped, 'Wiped'... DAVID MEIER, SIMON HANES und ALIO AMBERG lassen auf Staggered Twisted Angled (WER046) nichts unversucht, als schnell & toll betrommeltes Trio mit E-Bass und Tenorsax die Schweizer Verhältnisse zu brooklynifizieren. Im Kurzschluss mit einem Bassisten, der mit Guerilla Toss, Trigger oder Shimmer die Fetzen fliegen ließ, wenn er nicht mit Tredici Bacci durch die Kanäle von New York surft, mit Giallo- & Spaghetti-Soundtracks im einen und John Zorn und JG Thirlwell im andern Ohr. Wobei - ist es nicht umgekehrt? Die Rückführung New Yorker Ruppigkeit auf stein- und pickelharte, kernige Eigernordwand-erprobte Toughness? Eisig und eisern, gepickelt und, ja, gehämmert, mit rauer Zunge, tunnelbohrerisch stur und hartnäckig gestoßen und gekratzt, der Bass dazu gitarristisch kraxelnd oder als Zwitschermaschine. Zu dritt wird gejoggt, gerockt, gerotzt, an den Leitplanken der Kakophonie entlang geschrammt, abrupte Kürzel entgleisen dennoch in schrilles Gekurve. Amberg mit heiseren Schreien, hornissigen Angriffswellen, Hanes mit grummeligem Ostinato und Rost schruppender Wurzelbürste, Meier mit rumpeliger, klappernder, klirrender Verve. Aber so, als machten ihnen Sand im Getriebe, Knorren im Holz, Schickanen im Weg zu schaffen, Knorpel und Buckel, Knoten und Knicke, die sie zwingen, wendig zu sein wie Wildwasser, grungy und ratty im Gary_Panter-Stil, mit scharfen Zähnchen und wuseligen Pfötchen. In Klangfolgen, die tatsächlich erstaunlich gestaffelt sind, schwankend verdreht, schräg verwinkelt. 'Drowsed' hat seinen schlummrigen Namen durch dumpfe Kürzel ebenso verdient wie 'Weirded' mit löchrigem Gemunkel, alogischen Wendungen, flimmrigen Pixeln, verträumten Melodieresten, die bis 'Shaped' durchschlagen. 34

35 John Zorn - Tzadik (New York) Trotz des finanziellen Desasters durch die Insolvenz der Direct-to-Fan-Musikplattform PledgeMusic 2019, machen Zorn und Tzadik auf Teufel komm raus weiter. Bis hin zum Potlatch der 11-CD-Box "The Book Beri'ah" (TZ5100) und trotzigen Vinylversionen, etwa von "The Last Judgment" und "Alhambra Love Songs". Aber schon im August 2018 waren die gleichen Vier, die "Insurrection" eingespielte hatten, zur Stelle, um mit JOHN ZORN des Hexenwahns in Salem 1692 (TZ 8361) zu gedenken: Julian Lage & Matt Hollenberg lassen an Gitarren die Fetzen fliegen, Trevor Dunn knurrt am Bass, Kenny Grohowski kickt mit Bocksfuß die Drums. Fünf Frauen wurden gehängt, Opfer einer psychopathischen Pandemie, für die auch die Neue Welt nur zu empfänglich war. Sarah Good hat sich bis unter dem Galgen dem eifernden Irrsinn nicht gebeugt und verdient jede der zart funkelnden Huldigungen, für die diese Musik aus ihren Teufelskreisen ausbricht und ihren Feuereifer dämpft. Derweil investiert JOHN ZORNS Zorn-Bank weiter in seine metareligiöse Kampagne. Nicht zuletzt in sein Detournement der Kirchenorgel als mächtiger Waffe des christlichen Arsenals, die er umdreht wie eine eroberte Kanone. Bei The Hermetic Organ Vol. 6 - for Edgar Allan Poe (TZ 8362) lässt er sie von einem Extrem ins andere dröhnen und schillern und immer wieder aus dem letzten Loch pfeifend von 'The Masque of the Red Death' & 'The Fall of the House of Usher' singen. Hinter Masken und Fassaden wüten Hirnfieber, Blutrausch und die Mammonseuche, Zorn zieht darum einen Cordon sanitaire aus Melancholie und spektraler Schönheit. Bei Vol. 7 - St. John the Divine (TZ 8367) klopft er tatsächlich in Manhattans neogothischer Prachtkathedrale bei 'Jacob's Ladder' an die Himmelspforte, gibt für diese Vision mit 'The Doors of Perception' aber im Geist von William Blake und Olivier Messiaen eine andere Deutung. Auch so bändigt man den christlichen Drachen - durch Weiße Magie und alchemische Transmutationsmystik, die Fensterrose kein Brennglas, der Drache verwandelt in ein Einhorn. Auch bei Vol. 8 - for Antonin Artaud (TZ 8368) evoziert Zorn im Kulturzentrum Cankarjev dom in Ljubljana - denn einige Kirchen bleiben ihm doch noch versperrt - mit 'Alienation and Black Magic' & 'The Extreme Point of Mysticism' jene Magie und Mystik, die das Christentum nie vollständig aus der Welt schaffen oder allein für sich beanspruchen konnte. Mit knurrender, brodelnder, brachialer Power of Musick und auch noch Saxofon - wie schon im House of Usher so mögen sich Leoparden und Wölfe anhören lassen, wenn sie zur eisigen Winterzeit das Firmament anbrüllen, eine Umkehrung des Gloria in excelsis (wie bei Kleists Die Heilige Cäcilie). Grausamkeit sublimiert zum 'Theater der Grausamkeit', von etwas Physischem, Blutigem und Räuberischem zu etwas existenziell Not-wendigem, als 'alchemistisches Theater', ähnlich Hesses 'Magischem Theater' und Schule des Galgenhumors im "Steppenwolf". Als unbedingter Lebensstrudel, der die Finsternis verschlingt. 35

36 Bei The Hierophant (TZ 8363) lässt JOHN ZORN Brian Marsella am Piano, Trevor Dunn am Kontrabass und Kenny Wollesen an den Drums jazzig rasant und jazzig beschwingt das große Arkana des Tarot legen und glasperlenspielerisch nach Sinn und Wahrheit fragen: Der Hierophant - Die Hohepriesterin - Der Teufel - Der Magier - Der Eremit - Der Gehängte - Der Tod - Der Turm - Die Liebenden. Für Calculus (TZ 8371) schickt Zorn die gleichen drei auf zwei langgestreckte Durchquerungen seiner Mille Plateaux. Drei akustische Gitarren - gespielt von Bill Frisell, Gyan Riley & Julian Lage - singen bei JOHN ZORNs Nove Cantici per Francesco d Assisi (TZ 8364) aus Francesco d'assisis 'Sonnengesang' ('Laudes Creaturarum') sephardisch von 'Brother Sun & Sister Moon', von 'Sister Death' und 'Mother Earth'. 'Poor Clares' erinnert an den von ihm und der Hl. Klara gegründeten Orden der Klarissen, 'Fioretti' an das 'Blümlein des Hl. Franziskus' genannte Florilegium aus dem späten 14. Jhdt., das bis zu Roberto Rossellinis "Franziskus, der Gaukler Gottes" nachwirkte, ja sogar als hippiesker und grüner Idealismus bis in die Gegenwart. Fortgesetzt ist das mit Virtue (TZ 8370) und der Mystikerin Juliana von Norwich, auf deren All shall be well and all shall be well and all manner of thing shall be well das viel strapazierte "Alles wird gut" zurückgeht. 1 ½ Jahrhunderte nach Franziskus schrieb sie ihre "Revelations of Divine Love", Frucht ihrer 'Visiones'. Zorn verknüpft sie mit 'Per Amica Silentia Lunae', dem visionären Essay von William Butler Yeats, der sich da im Mondlicht mit Vergil und Dante verfädelt, durch 'An Orb-Like Canopy of Gentle Darkness' mit den interlunar Dreams von Shelley und bei 'The Ground of our Beseeching' mit T. S. Eliots Pfingst- und Fegefeuer in 'Little Gidding'. Der vereint wiederum Dante und Yeats in einem mystischen Traum von Rosen und Feuer und lässt dabei Juliana mit Nijinsky und Urbain Grandier tanzen, dem Priester, den 60 Jahre vor Sarah Good und ihren Nachbarinnen der Teufel von Loudon ums Leben brachte. Zorn muss gar nichts verknüpfen, er braucht nur den bestehenden Fäden, Fakten und Korrespondenzen zu folgen. Tractatus Musico-Philosophicus (TZ 8365) als 'Philosophical Investigations from The Invisible Theatre' wurde von JOHN ZORN selber realisiert mit Sax, raunender Stimme, Fender Rhodes, Prepared Piano, Guitar, Drums, Bass, verzwitscherten Game Calls, Vogelstimmen, Percussion & dramatischen orchestralen Samples. Als theatralisch-cineastisch collagiertes Hörspiel und kannibalische Plunderphonie mit aller Verve und Weirdness. Als Brainstorm mit Schreien, Schädelbohrer, Wolfsgeheul, furzendem Spielzeug, with all means necessary, um der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zu zeigen. Encomia (TZ 8366) für Piano, das sind JOHN ZORNs Preisgedichte an den hellenistischen Dichter Nossis, an 'Novalis' und den Tänzer 'Nijinsky', als 'Book of Preludes' im Stil des Fin de Siecle - Debussy, Ravel... Gefolgt von einer fünfteiligen Suite, die verehrungsvoll ein Spektrum von Minimal bis Maximal ausfaltet. Mit 'Speculum' für Charles Wuorinen zum 80. Geburtstag. Virtuos gespielt von Stephen Gosling, Zorns Mann für elsterfarbene Berauschung, dem er mittlerweile auch seine 18 Studies From the Later Sketchbooks of J. M. W. Turner ( ) unter die Finger geschoben hat. Für 'Die Traumdeutung' als Hommage an Freud und die schwedische Malerin Hilma af Klint kommt zuletzt noch Chris Ottos Violine dazu. Das MetalJazz-Monster SIMULACRUM, das sind Matt Hollenberg an Gitarre, John Medeski an Orgel und Kenny Grohowski an Drums. JOHN ZORN hat in ihre Hände, ihre Fäuste, "The True Discoveries of Witches and Demons" gelegt und seine Hommagen an Dante ('The Divine Comedy'), Strindberg ('Ghost Sonata'), Gilles de Rais ('Dark Pageant'), Hieronymus Bosch und Nietzsche. Beyond Good and Evil - Simulacrum live (TZ 8369) spaltet einem den Schädel noch einmal mit Rabenschnäbeln ('Ravens') und mit Engelszungen ('Angelic Voices'), mit infernalischer oder gaukelnder Orgel, rasantem Staccato, synkopierter Rhythmik, fräsender Gitarre. Mit Zorn als 'The Illusionist', der Tote beschwört und das "The Lady, or the Tiger?"-Spiel spielt. 'Der Garten der Lüste' und 'Die musikalische Hölle', Rosen und Feuer, Tür an Tür. 36

37 ... nowjazz plink'n'plonk... Sandra Schuck ABSOLUTELY SWEET MARIE Wherever We Roam (Tiger Moon Records, TMR 008): Deep Schrott spielte Dylan & Eisler, vier Berliner spielen seit 2012 (fast) nur Songs von Bob Dylan: Alexander Beierbach am Tenorsax, Steffen Faul an Trompete, Matthias Müller an Posaune und Max Andrzejewski an den Drums, verbunden durch Gleichwiederda & The Tigers Of Love, mit dem Knowhow von Brom & Tru Cargo Service, von Superimpose & The Astronomical Unit, von Expressway Sketches & Max Andrzejewski's HÜTTE. Als Jokers & Thieves mit nach "Roads, Doves and Other Stuff" (2014) & "Another Side of Blonde On Blonde" (2016) nun 13 weiteren seiner Songs - ohne Dylans noble Poesie. Mit der Narrenfreiheit und dem musikalischen Genie, Gitarren- in Blasmusik zu verwandeln, in Reflexionen von Bruchstücken, mit improvisierten Wendungen und gewagten neuen Perspektiven. 'With God on Our Side' und ermächtig durch Dylans Motto "If dogs run free, then why not we". 'Boots of Spanish Leather', 'Ballad of Hollis Brown', 'One Too Many Mornings' und 'The Times They Are A-Changin' verknüpfen den Dylan von 1964 über das Blake'sche 'Gates of Eden', das anpreisende 'Mighty Quinn' und 'New Morning' als Lichtblick nach dem naserümpfend verrissenen "Self Portrait" mit dem späten Dylan von 'I and I', 'Ring them Bells', 'Cold Irons Bound', 'Nettie Moore' und dem ganz späten von 'Long and Wasted Years'. Mit einem spirituellen Auftakt, für den die Bläser wie gesucht und erfunden klingen, New Orleans pur, mit dem Aufbruch nach Cold Irons als Break vom trauernden Schritt zum aufgekratzten Rollin'n'Tumblin'. 'Boots...' ist dann mit getrübtem Mattglanz, aber melodisch getragen geblasen, während '...Hollis Brown' rasant klackt und in lakonischem Zweiton humpelt, bis 7 Schüsse dem Elend ein Ende machen. Bei '...Bells' findet das Saxofon nur pfeifend und ächzend eine Stimme, bevor die andern wehmütig einfallen. Ein neuer Morgen bringt beschwingte Laune, wenn auch nicht frei von Maunzen und Graunzen im 1 gegen 2 der Posaune. Bei 'I and I' wird gegackert, die Pockettrumpet kräht. Beierbach singt Lost Johns Brief, den er im verdämmernden Kopf an Nettie Moore schreibt, zu dumpf pochenden Sekunden. Beim Unisono von The battle outside ragin' / Will soon shake your windows and rattle your walls / For the times... kann man mitsummen, solange die Posaune nicht opponiert, während die Vision vom cowboy angel, der upon four-legged forest clouds reitet, zu fatal gerührtem Trommelchen melancholisch verschleiert vorbei zieht. Halb melodieselig, halb wirr ist einem am Morgen danach, mit einem Wurm im Kopf, der die hupenden Autos übertönt. Noch ohrwurmiger ruft die Trompete ihr Come all without, come all within / You'll not see nothing like the mighty Quinn. Und das finale 'Wasted Years' walzert auch hier fast so höhnisch zum sarkastischen Tenor der Lyrics wie beim Meister selbst. Wenn ich nicht schon Brass-süchtig wäre, da würde ich angefixt. 37

38 DAVE ASKREN / JEFF BENEDICT Paraphernalia - Music of Wayne Shorter (Tapestry Records, Tapestry ): 'E.S.P.', 'Iris', 'Fall' und 'Paraphernalia' aus der Zeit mit Miles Davis, 'Yes or No', 'Mahjong' und 'Tom Thumb' von Shorters Blue_Note-Klassikern "Juju", "Schizophrenia" und "Speak No Evil", 'Harlequin' als federleicht sublimierte Reminiszenz an die Jahre bei Weather Report - Askren mit seiner Gitarre und Benedict mit seinen Eastman Saxophones tauchen zurück in die Zeit, in der Jazz den Zeitpfeil schärfte mit Sophistication, Dynamik und Chic. Die beiden teilen in L.A. seit 25 Jahren, in Rhubumba oder bei "Come Together", Askrens Vorlieben für ein eklektizistisches Retro - Eden Ahbez, Beatles, Michael Brecker, Coltrane, Crowded House, Bill Evans, Thad Jones, Monk, McCoy Tyner. Mit Jonathan Pintoff am Bass und Christopher Garcia an [El Monstro] Percussion (wie mit Cosmic Vibrations, Continuum oder The Grande Mothers Re-Invented) geben sie Shorters Musik eine Afro/Latin-, PostPop-, SoulJazz-Drehung, in 'Miyako' und 'Infant Eyes' schwelgen sie nur zu zweit und mit Nylonstrings in Shorters zärtlichen Gefühlen für sein Töchterchen. Aber zuerst geben sie doch mit swingender Funkiness den Ton an, cool und lässig, mit dem Altosax als sonnendurchstrahltem Drachen, der im Wind an der Schnur zerrt. Garcia gibt Mambo-Hüftschwung perkussiven Drall, die Gitarre pikante Würze. Zu schmusendem Soprano wiegt man sich im langsamen Walzer und schaut sich tief in die Augen. Allegro geht es Zug um Zug hin zu Gitarren- und vogeligen Sopranokapriolen in 6/8-Latingroove, hin zu funky Shufflin' mit wieder strahlendem Alto. Die Gitarre kämmt ihre Vamp-Mähne als Westcoast-Lorelei. Der Harlekin ist kein Joker, sondern einfach nur ein groove-lustiger Luftikus, und ebenso der kleine Däumling, der beim Boogaloo steppt und kickt zu den Schnörkeln, die Benedict in die Wolken kalligraphiert. Zuletzt aber versinken sie noch einmal sopranosüß in Kinderaugen. XAVIER CHARLES / BERTRAND GAUGUET Spectre (Akousis Records, AK001): Die Spannweite seiner Abenteuerlust wäre fast unwahrscheinlich, wenn wir nicht immer wieder solche Spagate vorgeführt bekämen, wie Charles sie vorführt: Zwischen The Contest Of Pleasures und Zea, zwischen Dans Les Arbres oder Plateform und The Ex w/ Getachew Mekuria. Das Profil von Gauguet ist da weit konsistenter in seinem Schwerpunkt beim Insub Meta Orchestra und Ensemble UN, seiner Hingabe an Eliane Radigue, seinem Zusammenklang mit John Tilbury oder Pascal Battus & Rodolphe Loubatière. Oder nun hier, mit seinem Altosax und der Klarinette von Charles und gemeinsamem Atem raumgreifend mit Verstärkung ('Étendue') und in die Erinnerung tauchend mit Multiphonics ('Phonomnèse' - als das Hören gedachter oder erinnerter Klänge). Als ein dröhnminimalistisches, zart gesummtes Unisono. Charles hat diese bei Wandelweiser und Another Timbre favorisierte Ästhetik mal sehr schön mit "La neige attend la neige" angedeutet. Brummende Sinuswellenschwingungen, sonore Frequenzen, die, verstärkt, surrend wabern. Dazwischen gepustete, zischende, Spucke köchelnde, raue Schmauchspuren ('Point fantôme'). Dann wieder bebend stehende Wellen, Haltetöne in gestufter Tönung, mit zirpendem Schimmer oder leicht abgeschattet. Für 'Étendue 2' lösen sich die Stimmen voneinander, in surrender Wölbung, in rau grollender Schwellung. Wie Phantome tiefenerinnerter Höhlenbären oder Säbelzahntiger, oder brüllende Phantasmen von imaginiertem Black Metal. Ein nochmal Ton in Ton gesummter Dröhnfaden schließt den Kreis. 38

39 GORDON GRDINA SEPTET Resist (Irabbagast Records 012): Gerade erst vorgestellt mit seinem Nomad Trio, begegnet der kanadische Gitarrist gleich noch einmal mit einem engagierten Statement. Mit einer Bosch'schen Höllenvision deutet er an, wohin er Xenophobie, Homophobie und Rassismus wünscht. Auf die Bibel mag sich berufen wer mag, Grdina ist nicht gewillt, dem Übel auch noch die andere Backe hinzuhalten. An seiner Seite bläst Jon Irabagon Tenor- & Sopraninosax, Tommy Babin und Kenton Loewen, die Gefährten in seinem anderen Trio, bilden wieder die Rhythmsection, dabei vereint mit Grdinas East Von Strings: Jesse Zubot an Violine, Eyvind Kang an Viola und Peggy Lee an Cello. Um sich zuerst um das große Ganze zu kümmern: 'Resist' als 23 ½ min. Suite, die anhebt mit zwar cellomelancholischem, aber in sich erregtem Saitenspiel, einschließlich des Basses und der Gitarre. Bis sich das rhythmisch stampfend in Bewegung setzt, angeführt vom übersprudelnden Tenorsax. Doch statt vorwärts, geht es elegisch abwärts, Grdina zupft, stringsgesäumt, Oudarabesken, nur Beckenklingklang und Flageolett verhindern, dass es ganz still wird. Bis sopraninoeske und kollektiv schwirrende Erregung aufbegehrend crescendiert, aber abreißt für ein bassdunkles Largo, das jedoch mit 'Jerusalem'-Feeling langsam, aber unaufhaltsam ins Lichte strebt. Das Saxofon führt, obwohl es abzustürzen droht, das vereinte Schwellen an, bis der Bass dem voreiligen Optimismus mit düsterem Strich ein Ende setzt. Danach fächert Grdina seine Alternativen nochmal einzeln auf: Erst allein in einem bedächtigen Intermezzo mit klassischer Gitarre ('Seeds 11'), dann mit Irabagon in drangvoller Postbopdynamik, erst zu viert streicherlos, dann vereint in krawalligem Wirbel ('Varscona'). Bei 'Resist the Middle' in einem gitarristisch forcierten, von den Streichern elegisch gedämpften Rezitativ der erregten Sopranino-Pizzicato-Turbulenzen. Und mit 'Ever Onward' als bluesigem Trip von Oud und Bratsche, Oud und Geige, zu dem die andern summend Amen sagen. Nur Irabagon will höher hinaus, muss aber dem melancholischen Cello das letzte Wort lassen. I COMPANI Fellini 100 I Compani 35 (icdisc 20-01): Ein dreifacher Grund zum Feiern: Federico Fellini zum 100., I Compani zum 35., und dem engagierten Verlag (SUN), der Drukkerij (SSN) & der Buchhandlung 'De Oude Mol' der Nijmegener Studentenbewegung zum 50. Letzteres gezielt mit der 4-sätzigen Suite 'Maar nooit Vergeten', dem Wühlwerk des alten Maulwurfs zum Dank, anfangs so wehmütig, wie es dem enttäuschten "Venceremos" entspricht. Doch El Pueblo unido, jamás será vencido! Die beflügelte und insistente Musik greift über das Jetzt hinaus mit ihren Echos von Sergio Ortega, Eisler & Strawinski, die neben Carla Bley, Kenton, Mingus, Breuker, Andriessen, Rota, Sun Ra, Weill... die Vorläufer sind, denen Bo van de Graaf als politisch und gesellschaftlich engagierter Saxofonist & Bandleader gefolgt ist. Mit dem Improvisationsensemble Morpheus White Music und Bo's Art Trio, mit Het Orkest van Count Bosie auf den Spuren von Zappa und Piazzolla. Doch vor allem seit 1985 mit I Compani und immer wieder Nino Rota oder bei "Gluteus Maximus" skatologisch, bei "Aida" und "Verdi 2.00" als La Banda, bei "Mangiare" eher hungrig als moralisch, schwärmend für Magie und Pasta, für Leinwandgöttinnen und Vamps, die Garbo, Maria Schneider. Und jetzt nochmal Rota über alles, fünf seiner Ohrwürmer für Fellini, groovy und verjazzt, das Staccato und Tempo von 'Otto e Mezzo' im Arrangement von Carla Bley. Dazu mit 'Tango delle capinere' von Cesare Andrea Bixio der Beweis, dass von seinen 500 Liedern nicht nur Heintjes 'Mamma' sein Fegefeuer schürt. Dass nicht nur Italiener komponieren können, zeigt vd Graaf mit der Downtempo-Saxballade 'De Sprong o Romantiek der Hazen' von Misha Mengelberg und 'JoJo Jive' als Ragtime-Chanson-Zwitter von Guus Janssen. Der mischt eigenhändig mit als einer von drei Tastateuren, neben dreifach Strings & Reeds, Trompete, Posaune, Akkordeon, Kontra- & E-Bass, zwei Drummern und neben Peter Freijsen, dem alten zanger en kunstenaar, der Verdis Aida-Arie 'Pietà ti prenda del mio dolor' erdet, noch Serena Jansen, die bei 'Mantide Religiosa' Casanova besingt. Der E-Bass und mehr noch die Keys vermitteln eine Cheesiness, wie sie für die 50er/60er typisch war, die Reeds, Strings und das Akkordeon den leicht schmalzigen, aber zartbitteren Rota-Touch, bei 'Il Bidone' im Wechsel von tanzwütiger, beim 'Charleston di Giulietta' nochmal forcierter Wirbelei und Kitsch. Denn EMOTIONEN, die schreibt vd Graaf so groß wie Verdi und Cinecittà. Son baci di passion ~ L'amor non sa tacere ~ E questa è la canzon ~ Di mille capinere ~ 39

40 KALLE MOBERG The Tokyo Sessions Vol. 1: Unheard-of (KAMO Records, KAMO 001): Der Akkordeonist aus Oslo, mit Jg einer der ganz Jungen, hat mit Klaus Ellerhusen Holms Quintett Honest John und in den Units von PNL gespielt und ist dabei 2017 in Tokyo Jim O'Rourke zu Ohren gekommen. Der hat ihn daraufhin in sein Steamroom-Studio eingeladen, wo im Februar 2019, noch bevor das Blow Out! Festival Moberg mit Julie Kjær, Niklas Barnö, Elsa Bergman & Paal Nilssen-Love zusammenbrachte, einige Sessions entstanden. Davon wird noch zu hören sein, hier geht es erstmal nur um Moberg solo. Ja, solo, live im Studio, ohne Electronics oder Overdubs, obwohl das Ohr schwören möchte, dass sich da zwei, wenn nicht drei Bälger balgen. Moberg nennt das einfach 'Delphic Dance' und grinst sich eins. Und tollte er zuerst wie Kimmo Pohjonen in den Fluten, schwebt er mit 'Wish Upon a Satellite' lyrisch wie Maria Kalaniemi über der Stratosphäre, mit diskant schillernden Spaltklängen in kleinlaut fiepender Einsamkeit. Um bei 'Untimely Night' aus urig knarrendem, waberndem Dunkel in ein Zwielicht zu dämmern. 'Skinned Alive With a Blunt Spoon' ist ein windschief kakophones, auf tonlosen Ventilen geklappertes, undicht pfeifendes Möchtegernliedchen, das melodieselig vergisst, dass ihm zum Tanzen ein Bein und zum Flirten ein Auge fehlt. Bis es die Missachtung als Krüppel so ausrasten lässt, dass es sich zerreißt und seine melodischen Eingeweide auf dem Boden verspritzt. 'Tarrying' hängt mit katzenjämmerlichen Missklängen in der Luft, melancholisch, in höchsten Tönen, zerbrechlich kristallin. Zuletzt spielt Moberg ein zärtliches Ständchen, als Strauß an guten Wünschen zum 1. Geburtstag. Selbst im großen Stamm der Akkordeonisten gibt es einen Kalle nur alle Jubeljahre einmal. THE MOMS Kalipedia (Selbstverlag): Kallipädie, die Lehre von der Zeugung schöner Kinder durch bewussten Einsatz der Einbildungskraft, Joyce hat sie im "Ulysses", im 14. Kapitel, das medizinstudentenzynisch um die schwangere Mina Purefroy im Besonderen und um Mütter im Allgemeinen geht, wieder ins Spiel gebracht. Um Damen, die in besonderen Umständen sind, durch gefällige Literatur, leichte Philosophie, Gipsabgüsse von Venus und Apollo und wahrhaft gute Musik zu ansehnlichen Leibesfrüchten zu verhelfen. Albert Cirera, Asger Thomsen & Taus Bregnhøj-Olesen haben in Kopenhagen mit Reeds, Kontrabass & Gitarre solch potenziell schönheitsfördernde Töne erzeugt. Was milchfördernd wirkt bei den Rindern des Sonnengottes, sollte das nicht...? Der spanische Discordianer mit seinem Klangfächer auf Creative Sources, Multikulti Project und Fundacja Słuchaj!, der mit Mia Dyberg bekannte Thomsen und sein Landsmann & Spielgefährte bei Konkyhlie und Klimaforandringer, sie verlegen die Schönheit ins Innere und ins Auge & Ohr des Betrachters. Hauptsache, der Embryo schlüpft robust und vollspektral abgehärtet gegen Kakophonie jeder Frequenz und Disharmonie jeder Couleur. Man müsste ihn vorbeugend immunisieren gegen das raue Scharren, erbärmliche Stöhnen und Murren, das diskante Schrillen und unaufhörliche Rumoren der kommenden Zeiten, die grollenden, prasselnden, reißenden Stürme, die sich zusammenbrauen, klimaforandringer-bedingt und durch Hass, Gier und Egomanie, als Kali-Yuga, eisern und wölfisch. Krach soll den künftigen Generationen ein Vergnügen, Schmerz eine Lust sein, hässlich das neue schön. Die drei kratzen das wie mit rostigem Griffel, wie mit eisernen Krallen an die Wand, den Müttern als mahnender Ansport, allen als Lehre: kali- (griech.) = schön, gut; Kali (sanskrit) = die Schwarze, die Sorge, der Zank. Gebärt Kinder, die dem hörnernen Siegfried ähneln, mit dickem Fell, mit der Schwarte von Trollen und Orks, besser noch chitingepanzert wie Kakerlaken, diese beneidenswerten Überlebenskünstler. Einer der Dänen zieht dafür alle Ork- Register. Es ist der herzzerreißende Versuch eines Vaters, die Samenspende mit frühestmöglicher Ertüchtigung zu optimieren. Minas und Rosemaries Babies sollten ein kleiner Wolverine sein, ein propperer Hulk. Je hulker, desto sheyner. 40

41 GARD NILSSEN'S SUPERSONIC ORCHESTRA If You Listen Carefully The Music Is Yours (Odin Records, ODINCD9572): Feueriooo!!! Wie PNL mit der Large Unit, bringt da ein weiterer norwegischer Drummer ein Kollektiv in Schwung, ein 16-köpfiges Who's Who des NorJazz, das Nilssen nach supersonischen Klangvorstellungen zusammengestellt hat: Mit Hanna Paulsberg, Kjetil Møster, André Roligheten, Per 'Texas' Johansson, Maciej Obara, Mette Rasmussen und Eirik Hegdal als extraordinärem Reedfächer, Thomas Johansson & Goran Kajfes an Trompeten, Erik Johannessen an Posaune. Dazu drei (!) Kontrabässe - Petter Eldh, Ingebrigt Flaten & Ole Morten Vågan - und dreifach (!) Drums - Hans Hulbækmo, Håkon Mjåset Johansen plus: Der Leader of the Pack, Jg und groß geworden mit Puma und Bushman's Revenge, aber auch mit spacemonkey, Cortex, dem Maciej Obara Quartet (mit Vågan, auf ECM) und seiner Acoustic Unity mit Eldh & Roligheten, der mitkomponiert & mitarrangiert hat, was sie da beim Molde Festival 2019 boten. 'Bøtteknott/Elastic Circle' und 'Jack' haben ihre Keimzellen in dieser Unity, aber en masse ist alles brassed off, überkandidelt und groovy sowieso. Gleich bei 'Premium Processing Fee' mit feuerteuflisch aufgekratzten Reeds und schmetternder Trompete in unbändigem Tempo. Das hätte den Laden aufgemischt, selbst wenn nur Steintrolls dagewesen wären. Obwohl, dann kommt erst mal Katzenjammer, mit dem Bariton als graunzendem Kopf kleinlaut graunzender Reeds. Der Jammer landet aber im Eimer, und Deckel drauf. Schon swingt es wieder zu beschwingt blasendem Tenorsax, auch wenn sich der bluesige Virus nicht ganz unterm Deckel halten lässt, unter dem es brummt und summt, während sich das Saxofon zu funkigem Staccato furios verzehrt, hin zu hymnischem Alltogether. Das jedoch in ein kleinlautes Spiritual einbiegt. Einsames Pizzicato col legno bittet zum 'Teppen Dance', und mit Tenorsax als lyrischem Wortführer des tagträumenden Kollektivs, das nur leicht anschwillt, bleibt das sanft und auf dem Teppich. In 'The City of Roses' werden ein Drumsolo, erneutes, leicht spanisches Pizzicato und Klarinetten melodieselig umgaukelt von Rosenduft wie in Schiras. Oder Portland? 'Jack' lässt nach eingangs randalierendem Bass das Kollektiv galoppieren, mit aufflammendem Saxofon, in dynamischer Staccato-Wallung. Und 'Bytta Bort Kua Fikk Fela Igjen' lässt das Teatret Vårt komplett zum Tollhaus werden, als finales Tamtam in Afrolook, bei dem die Bläser, mit nochmal fetzender Trompete und plörrender Posaune, die Kuh und auch noch den letzten Troll zum Fliegen bringen. HENRY ROBINETT QUARTET Jazz Standards Volume 1: Then (Nefertiti Records, N121619): So nett wie dieser Gitarrist in Sacramento, er dürfte so Mitte der 50er geboren sein, sein Leben erzählt und mit Fotos illustriert, rückt seine Musik fast in den Hintergrund: Die Initialzündung durch Jimi Hendrix, die Lehrjahre, die ersten Bands - Sparrow und The Runners genannt - und der Widerhall von Miles Davis und Stevie Wonder, der Besuch bei Charles Mingus (einem Cousin seines Vaters) in New York, die Bekanntschaft mit Sonny Rollins, Dexter Gordon, Joni Mitchell..., endlich 1986 die Henry Robinett Group als eigenes Ding, Frau und Kinder, das eigene Label - Nefertiti Records, ab 1997 das Capital Jazz Project, das durch die Jazzgeschichte surft, bis zum 5. Album der HRG, "I Have Known Mountains" 2015, mit Dwayne Johnson-Frisur und Nickelbrille, bereit für mehr. Das hier ist jedoch ein Rückgriff ins Jahr Null, mit dem treuen Weggefährten Joe Gilman am Piano, Chris Symer am Jazzbass und als Tickler Michael Stephans mit all seiner Routine von Cal Tjader bis Dave Liebman. Um die Nasen ins Great American Songbook zu stecken: 'I Hear A Rhapsody' (1941 ein Hit von Jimmy Dorsey, bei Bill Evans/Jim Hall auch schon mit Gitarre); 'Yellow Days (La Mentira)' (ein Bolero von 1965); Mancinis 'The Days Of Wine and Roses' (das Kessel, Pass, Montgomery und sogar Frisell sich um die Finger wickelten); von Jerome Kern 'The Way You Look Tonight' & 'Why Do I Love You?'; 'Ill Wind' (aus dem Cotton Club 1934, und schon von Larry Coryell & Emily Remler gezupft); 'East of the Sun' (aus dem gleichen Jahr, too popular for words, mit einer Gitarrenversion von John Abercrombie); Bronisław Kapers 'Invitation' (aus "A Life of Her Own" mit Lana Turner 1950, denkwürdig angestimmt von Coltrane); 'Soul Eyes' (von Mal Waldron direkt Coltrane in den Mund gelegt) und von Wayne Shorter 'Pinocchio' (als Halbruder von 'Nefertiti' ein Wegweiser in Robinetts Innerstes). Dass ich Archie Shepps 'Invitation' auf "Doodlin'" finde und Joe Hendersons Version auf "If You're Not Part of the Solution, You're Part of the Problem", erspart mir eigene Kommentare. Wobei Robinetts quirlfingrig kapriolendes, emsig swingendes, altmeisterlich virtuoses Gedudel ja kein Problem ist, sondern nur - wie alle Musik - keine Lösung. Warum also nicht - quasi als Arschtritt gegen den Zeitgeist - mit dem Pantoffel wippen, Ameisen auf dem Skalp rumwimmeln lassen und "I'm in the seventh heaven" mitsummen? 41

42 UDO SCHINDLER PNEUMA_Sax+Erde (FMR Records, FMRCD ): 'Pneuma' ist das Stichwort, wenn Schindler allein zu Werke geht, wie zuletzt bei "Pneuma_Extreme" 2016 mit Kontrabassklarinette im Atelier von Ekkeland Götze spielte er aber Sopranosax, das kratzbürstigste Blasrohr in seinem Sortiment. Ausgerechnet den feurigen, dem Ruach, Chi und Prana gleichen Lufthauch hat er da 'geerdet' mit den 'Erdbildern' von Götze, der in seinem 1989 in München begonnenen "Bild der Welt" seinerseits Tiepolos allegorisches Weltbild in der Würzburger Residenz erdet. In freskalen 'Terragrafien', die Bodenproben aller Kontinente enthalten, als essentielle und welthaltig konkrete Erdbild-Serie in erd-, rötel-, kohle- oder aschefarbener Chromatik. Aber wie sehr da auch Erde auf Wasser trifft, verlebendigt wird das erst durch Feuer und vergeistigt durch Pneuma wurde das schon mal bei "Rote Erde" audiovisualisiert mit 'Würzburger' Weltmusik von Klaus-Hinrich Stahmer, die in 'Redland' oder 'Songlines' sogar wortgleich mit Götze harmoniert. Als hätte Schindler Stahmers 'Singt, Vögel' vernommen, stimmt er Grasmückenlieder, Blechspatzentiraden und Trauerschnäppergesänge an. Threnodien für Marsyas, mit der vom Wind verbreiteten Binsenweisheit, dass Götter einem die Haut vom Leib und die Eselsohren lang ziehen, wenn man das schmerzlüsterne Moll des Aulos dem C- & D-Dur-Glanz der höheren Mächte vorzieht. Der Kraillinger spaltet, ohne dass sich Vergleiche zu Evan Parker oder Urs Leimgruber anbieten, mit zartbitter angerauten Zungenschlägen Grashalm für Grashalm in tausenderlei Farbtöne. Aus Grün werden in ungeschönter Wirklichkeits- und Detailtreue Gift, Patina und Grünspan. Schindler evoziert heiseres Sauerampfergrün, dissonantes Kandinsky- und Giallogelb, gekrähtes Tschitscherin. Erst '52 snow (encore)' keckert er rostfreier, tiriliert er vogeliger. Ofanbylur? So sagen die Isländer für 'Schneefall bei Wind'. Schindlers Songlines umfassen, universaler als nur isländisch, Eisfeuer, regizide Erbsensuppe, Scelsis Toninnenschau, vom Snæfellsjökull bis nach Stromboli. LAURA SCHULER QUARTETT Metamorphosis (veto-records 020, CD/LP): Die Schweizer Geigerin, die ich anlässlich von "Elements and Songs" (2018) schon ausgiebig vorgestellt habe, kehrt nun wieder mit einem, neben Esche und Kronikor, besonders stark besetzten Verbund. Nämlich mit Lionel Friedli, dem Eins-a-Drummer im Lucien Dubuis Trio und bei Manuel Mengis Gruppe 6, der durch Scope, Christy Doran's New Bag und Le Pot bestens vertraut ist mit den Synthiesounds von Hanspeter Pfammatter. Und dazu bläst Philipp Gropper Tenorsax, durch the band formerly known as Hyperactive Kid und Philm eine feste Größe der Berliner Jazzcommunity, der bei aller ihm nachgesagten Kompromisslosigkeit aber, wie schon bei Oliver Potratz' This Is Not My Dog, Wanja Slavin's Lotus Eaters oder Pablo Held's GLOW, gern auch mal an der Seite statt vorne steht. Während ich mir noch diese allein schon poetische Namensliste auf der metaphorischen Zunge zergehen lasse, verwandelt sich aus Schulers zarten Bogenstrichen ein rockiges und geigerisches Kreiseln, mit blechernem Geklapper, krachigem Gerumpel und zirpigen Spitzen, als Mahlwerk aus saxoviolinistischem Unisono und treibendem oder humpelndem Staccato, so gestaltwandlerisch wie nur je eine 'Metamorphosis'. 'Ballad For The Unborn' tastet und flickert danach im Dunkeln, das Tenorsax und die Violine noch träumerisch, aber das Leben schon ein Hamsterrad, aus Traum wird Drive, doch Sax und Violine, die sich umschlängeln wie Cadmus und Harmonia, bewahren genug Traum, um ihn weiterzuträumen bei 'Dancing In The Stratosphere'. Da steigt man durch unkende Synthbass- und Keysoundschichten in tenoristisch rockende und geigerisch bebende. Für 'Broken Lines' webt erst Schuler allein und dann mit Gropper gemeinsam einen elegischen und zugleich zauberischen Schleier über dem nebeneinander pumpenden, klopfenden Gang der Dinge. Auch bei 'Z' mischen sie ihren Klang, zärtlich und in süßem Weh, zum weiter stampfenden und pochenden Trott. Die Geige mit Zug nach oben, der Trott mit groovigem Zug nach vorn, das Tenorsax sprudelig, die Drums crashig, Beat und Staccato unrund, aber insistent wie tixende Amseln, die Geige in höchsten Tönen. Und endlich wie verklärt, schwerelos. Aber was steckt nicht alles in Eisvögeln, Rotkehlchen, einer Spinne, hinter Eselsohren? 42

43 SARA SERPA Recognition (Biophilia Records): Serpa hat bei "All the Dreams" (2016) mit Poesie von Fernando Pessoa, Luis Amaro, Clarice Lispector und William Blake Lissabon in ein Zwielicht aus Nacht und Nichts getaucht. "Close Up" (2018) war durchsetzt mit einem Film von Abbas Kiarostami, den Tagebüchern von Virginia Woolf, Poesie von Ruy Belo und Luce Irigarays weiblicher 'Gegensprache'. "Recognition" verknüpft als Musik zu einer stummen Doku aus Super-8-Filmen, die Serpas Großvater 1961 in Angola und Portugal gedreht hat, ihre Familiengeschichte mit der Schuld und Scham des kolonialen & rassistischen Erbes. Als neuer "Gesang vom lusitanischen Popanz", 52 Jahre nach Peter Weiss und der Popanz-Musik von Bengt- Arne Wallin. Mit der Nelkenrevolution 1974 und dem Ende der Kolonialkriege ein Jahr darauf hat eine Zeit der offenen Wunden und langsamen Vernarbungen eingesetzt. Ein besiegtes Erwachen auf den billigen Plätzen Europas, hinter einer Mauer des Schweigens, Verdrängens oder Beschönigens - die Mär vom 'Civilizing Influence', 'The Multi-racialism Myth' als Einbildung, alles sei doch schön bunt und gut geworden. Serpa rührt an die Narben, indem sie die Fakten beim Namen nennt: 'Occupation', 'Control and Oppression', 'Propaganda', und wechselt die Perspektive zum ehrenvollen Andenken an die widerständige 'Queen Nzinga' ( ) und für 'Unity and Struggle' als Song mit Worten des Unabhängigkeitskämpfers Amilcar Cabral, der ganz unkämpferisch verführt und verzaubert. Aber zuvor auch, zu rabiater Kakophonie, mit vielsagendem Text von Luandino Vieira, einem Schriftsteller, der früh und konsequent von und für die angolanischen Unterdrückten gesprochen hat. David Virelles an Piano, Mark Turner mit hellem Tenorsax und Zeena Parkins' Harfengefunkel illustrieren Serpas klangvolle Vokalisation, sie verschieben den Akzent von fragil zu energisch, von offensiv zu widerhakig, von weltoffen und blühend zu eingetrübt und stagnativ. In mathematischen Arabesken, mit Fado und Bossa Nova als abstrakten Anmutungen und homöopathischen Anklängen an Galaxy_Dream- Sounds, Meredith Monk und die Vocal_Summit-Songbirds. Es sind weder viele noch große Worte nötig, um etwas zu sagen. ELIAS STEMESEDER & MAX ANDRZEJEW- SKI light/tied (WhyPlayJazz, WPJ054): Bei der Verve, mit der sich Andrzejewski durch die NowJazz-Szene trommelt, von Expressway Sketches und Absolutely Sweet Marie bis Pranke und dem eigenen Projekt Hütte, konnten Begegnungen mit Stemeseder, dem mit Jim Black, Philipp Gropper oder Christian Lillinger nicht weniger rührigen Salzburger Pianisten, nicht ausbleiben. Aus ihrer Bekanntschaft in Anna Webber's Percussive Mechanics wuchs die Lust auf was Gemeinsames, das nun Gestalt angenommen hat, indem Max seine Entwürfe 'deux', 'cinque', 'héritage' und 'quatre' verzahnte mit 'maß', 'tied light I', 'tied light III - gamut', 'tied light III - ambit' und 'cc/choral' als Kopfgeburten von Elias. Dazu zeigen sie ihre Geistesverwandtschaft mit verblüffend ähnlichen Profilen auf dem Cover. Umgesetzt ist das mit phantastischen Bogenstrichen der bulgarischen Geigerin Biliana Voutchkova und der britischen Cellistin Lucy Railton sowie Reedsound von Christian Weidner (altosax) und Joris Rühl (clarinet, bass clarinet), die dabei ihre mit Zeitkratzer, mit Kammer Klang, mit Ronny Graupes Spoom, Der Rote Bereich und dem Kathrin Pechlof Trio bzw. im Umlaut-Zirkel ausgefeilten Sensibilitäten einbringen. Ohne ein großes Ohr für mikrotonale Neutönerei ginge da nämlich gar nichts. Die diskant einander angenäherten Stringund Reedklänge schlängeln sich als Nova Swing aus dem Mief der Phonosphäre dahin, wo man von Aliens munkelt, die ihre Spuren nicht ganz verbergen können. Sie verraten sich in einem Zischen und Keuchen der Luft, in zwielichtigen Spaltklängen, einem verführerischen Verschmelzen elektronischer und definitiv nicht mehr jazziger Klänge. Auch in kryptisch signalisierten Codes und asymmetrischen Rhythmen, abrupten Brüchen auf windschiefer Ebene, übermenschlicher Synchronität selbst bei kompliziertestem Zickzack, etwas unheimlich Lunatischem. Die Camouflage wird durchbrochen von kakophonen Tics, von schnarrenden Lauten, platzenden Plops, kristallinem Gekrabbel. Sind das schillernde Farbenspiel mit vorgeblich Guidonischer Hand, die zartbitter zirpende Musik bei 'Héritage', die in althergebrachter Harmonie, Schönheit und Melancholie schwelgende Klarinette beim Finale nur 'wie Luft von anderem Planeten'? Oder nicht doch 'wie nicht von dieser Welt'? 43

44 BIRGIT ULHER / FRANZ HAUTZINGER Kleine Trompetenmusik (Relative Pitch Records, RPR1107): Es war nicht der kürzeste Weg, der in Ulhers Hamburger Wohnzimmer zusammenführte, was so gut zusammenpasst wie sie und ihr Wiener Blutsbruder. Denn ihr schmaler Weg und die Schlängellinien des von seinem 'Emergency Individualism' und 'Musical Sensualism' geleiteten Burgenländers hätten sich bis ins Unendliche weiter so vergegnen können wie sein "Zong of se Boboolink" (mit Helge Hinteregger) und ihre "Air Mail" (mit Wolfgang Ritthoff), wie ihre intimen Momentaufnahmen und seine regenorchestralen und zeitkratzerischen Schallfolien, sein Oriental Space und Poet Congress. Doch es gab schon Mazen Kerbaj als Schnittmenge und die mikrotonalen Korrespondenzen zwischen seinem "Gomberg" und ihrem "Scatter" oder "Matter Matters", seinen bruitistischen Vierteltönen und ihren bruitophilen, reduktionistischen. Nun sind ihre Timbres vereint zum Trompetendoppel wie er schon mit Kerbaj und sie mit Leonel Kaplan. Für Schmauchspuren über 'Firn', ein körniges Gletschern, gepresstes Nuckeln, erregtes Schlabbern. Ein Phonogramm in mesozoischer Lautschrift aus engen, schnellen Kürzeln, impulsiv bloppenden, geschmierten und wieder gepressten und gestöhnten. Mit Dampfpfiffen aus sauroiden Nüstern, knarrenden, metallisch bebenden, im evolutionären Windkanal geschliffenen Lauten. Doch auch vokaleren, wehmütig stöhnenden Tönen in grieseliger und filziger Unwirtlichkeit, zwischen furzenden Schlammtöpfen oben, brodelnden Smokern unten. In dieser würgenden, erstickenden Atmosphäre gedeihen erst nur Röhrenwürmer und ganz unverwüstliche Keucher, säureresistente Faucher, Bruster und Zischer, die kleinlaute Sirenen einschüchtern. Luftblasen klacken und gackern, wenn Rüssel spotzen, Kehlen keuchen, Mäuler schnauben und murren, ist es schon spät geworden, Gaia büffelt Jura, frisst Kreide. Nur an Trompeten ist hier so wenig zu denken wie nur an Musik, um so mehr an was hätte aus uns werden können anstatt dessen, was aus uns geworden ist. WIDMER - STAUSS Duos (Unit Records, UTR 4914): Jacques Widmer glaubt sich bei mir in Erinnerung rufen zu müssen, und halb hat er ja recht. Obwohl der Trommler in Aarau mit Schlagwerk 3, mit Nachtluft und mit Voerkel & Micol fest in BA verankert war, hat er mir danach nur noch mit dem Swiss Improvisers Orchestra "Zwitzerland" ins Ohr gezwitschert. Dabei war er unermüdlich weiter kreativ, in Performances mit der lesenden Ortrud Gysi oder dem Künstlerpaar insieme, mit Pat & Les Trucs de Jazz spielt er Jazzstandards und Chansons von Gainsbourg, mit der Streetcombo irischen Blues-Rock. Wie das in unserer kleinen Welt so ist, fand er 2017 nach ewigen Zeiten wieder mit Markus Stauss zusammen, mit dem er von 1983 bis 1989 im Trio Infernal, dem GeZeitenOrchester und im Markus Stauss Quartett eng verbunden gewesen war. Ein Duo, doch keins wie Zauss, ihr Zusammenklang verlangt andere Vergleiche als den mit den Gitarrenloops von Francesco Zago. Eher mit Dikeman-Barker? Brötzmann-Noble? James Brandon Lewis- Chad Taylor (mit Niklaus Troxlers Coverdesign ist man ja in Willisau)? Stephen Roberts (von Ut Gret) vergleicht Staussens herzhaften Sound mit Gary Windo, und Widmer hat ja seinen Weg 1972 eingeschlagen mit Alfred Zimmerlin in der Freejazzgruppe "L". Ich stelle fest, dass er einer geblieben ist, der merkwürdig dunkel zu norumsen versteht, der zum vollmundigen Druten und Bleten des Artgenossen Stauss grollenden Donner mit blitzenden Schlägen durchzuckt. Man muss nicht aus Chicago oder Oslo kommen oder Perelman heißen, um am Tenorsax mit Herz aufzutrumpfen. Um am Soprano trosopisch zu quäken und zu schillern, zu einem Groove aus Basspumpern und klimmendem Bim. Oder um zu rauschendem Messing sopcymisch tutend Trübsal zu blasen. Wie schön vereint sich da umklimpertes Blechbeben mit pulsendem Staccato und rauzungigen Gesängen. Ich kenne wenige Trommler, die den Schwerpunkt derart tief legen. Widmer kann ins Rollen kommen wie einst Roach mit Shepp und beim Drums'n'Fifes von 'Ice-' und 'Bleflö' Han Bennink vergessen machen. Was für ein toller Woodblockblogger und Schwergewichtsswinger, der mit seinem Tamtam und Gedröhn auch die tiefsten Gefühle, die Stauss aus dem Horn wringt, brüderlich schultert. Die beiden hinken bei Hagelschlag vereint, sie teilen Herzeleid und vogelige Launen. Metronom oder Marsch, schrottig gekratzt oder delikat getupft, alles dabei. Endend als Spiritual, das trotz Blechschaden mit wehenden Haaren und trillernder Verve der Seligkeit entgegenstürmt. 44

45 XENOFOX Macondo (Farai-Records / Bandcamp, digital EP): Ihre fortgesetzte Zeitforschung, die Olaf Rupp & Rudi Fischerlehner 2016 in die Spannung zwischen 'Another End of Humanity' und 'Hundred Beginnings' führte, schlägt aus aktuellem Anlass in die gleiche Kerbe. Mit 'Macondo' als 'Square' aus dem realen Dorf im Osten von Angola, aus dem fiktiven Schauplatz von "Hundert Jahre Einsamkeit", aus dem Macondo-Ölfeld, Auslöser der Ölkatastrophe, die 2010 den Golf von Mexiko verheerte, und der größten und ältesten, von chilenischen Emigranten so getauften Flüchtlingssiedlung in Wien. Wobei man kein zum Stillhalten* verdammter Musiker sein muss (die Aufnahme entstand ja auch schon letztes Jahr), um darüber zu grübeln, dass postkoloniale Verwerfungen in Afrika, bizarre politische Verhältnisse in Südamerika, Umweltkatastrophen, ausgelöst durch Klimakiller, und Flüchtlingsmiseren, verursacht durch Menschenkiller, nicht aus der Welt zu schaffen sind und wenn sie noch so zusammenhängen und, chronisch geworden, zum Himmel stinken. Statt das aktuelle Primat des Politischen sinnvoll zu nutzen, treiben die in die Verantwortung Gewählten die Profite von Amazon, Alibaba, Alphabet Inc. & JD.com in die Höhe und auch noch den Letzten in ihre digitalen Klauen. Die covidiotisierte neue Normalität zementiert die alte, Böcke bleiben Gärtner, Problemursachen werden als Lösungen verkauft, die Globalisierungsschäden nach unten durchgereicht, Ausbeutung als 'systemrelevant' gefeiert. Was es notwendig macht, und wenn es noch so vergeblich ist, mit allen zehn Fingern am Beton zu kratzen wie Rupp mit seiner Popeye-Power an den Saiten, so Krach zu schlagen wie Fischerlehner auf allem möglichen Blech und auf Trommelfell. Zu krabbeln und zu picken, zu kratzen und zu ticken, in erregter Rhetorik, launiger Agilität. Klappriger, tröpfeliger Klingklang und trappeliges Auf und Ab sind verzahnt mit struppiger Ruppigkeit, schillernder Harmonik, ostinatem Nachdruck, banjoeskem Geschrappel. Ein 18 ½ min. Abenteuer über eine schrottige, drahtige, muschelige Lichtung - oder Durststrecke? - hinweg, mit flimmerndem, schartigem Tremolieren, blechernem Vibrato, klopfendem Pochen. Mit furioser Insistenz, gitarristischem Fieber- oder Lustschauer, Hals über Kopf holpernd, mit scheppernden Hieben. Bis Rupp zuletzt die stupende Verausgabung reduziert auf eine schmale Naht, und Fischerlehner den Ausklang alleine klappert. * exemplarisch für das erzwungene kulturelle Überlebenstraining -> MIA DYBERG TRIO w/ ASGER THOMSEN & RF Hamburg, Gängeviertel Münster, Cuba Copenhagen, Klub Primi JULIE SASSOON QUARTET w/ LOTHAR OHLMEIER, MEINRAD KNEER & RF Bielefeld, Bunker Ulmenwall Wuppertal, Oper Peitz, Stüler Kirche LOTHAR OHLMEIER / ISAMBARD KHROUSTALIOV / RF Berlin, Biegungen im Ausland Ulrichsberg, Kaleidophon LINA ALLEMANO / UWE OBERG / MATTHIAS BAUER / RF Berlin, Sowieso TOBIAS DELIUS / ELS VANDEWEYER / KLAUS KÜRVERS / RF Berlin, Au Topsi Pohl LA TOURETTE = TONIA REEH & RF Müncheberg, Gasthaus zur Ostbahn Berlin, Kantine am Berghain GORILLA MASK = PETER VAN HUFFEL, ROLAND FIDEZIUS & RF Berlin, Jazzkeller 69 Open Air MIA DYBERG / RUDI FISCHERLEHNER Copenhagen Jazz Festival Bedrohte Spezies Wo bleibt die Verschwörungs-'Theorie' darüber und der Protest dagegen, dass gerade die, die wir lieben und brauchen, als Lebensmittel und als diejenigen, denen der Homo sapiens sein menschliches Gesicht verdankt, auf der Roten Liste bedrohter Arten landen? 45

46 ZEITKRATZER The Shape Of Jazz To Come (Zeitkratzer Productions, zkr0025): Ein paradoxer Titel für ein Programm, das sich so tief in die Vergangenheit versenkt. Mit Oldies wie Lil Hardin Armstrongs 'Struttin' with Some Barbecue' und Sweet Emma Barretts Version des 'Jelly Roll Blues', mit Schmachtfetzen wie 'Cry Me a River' und 'My Funny Valentine'. Mit 'Strange Fruit', Billie Holidays schwärzestem und persönlichstem Song, den aber Abel Meeropol, ein Jude & Kommunist, geschrieben hat. 'Drummer Song' von der damals 29-jährigen Pianistin Geri Allen, 1986 gesungen von Shahita Nurallah, ist damit das mit Abstand jüngste Stück, denn den Auftakt macht 'Bird Song', das erstmals 1968 auf Muhal Richard Abrams' Debut "Levels and Degrees of Light" erklang, mit Poetry von Amus Mor. Reinhold Friedl hat es ausgewählt für "Celestial Birds", die Hommage an Abrams auf Karlrecords. Aber zudem hat er es 2018 beim Festival Sacrum Profanum in Krakow eigenhändig vergegenwärtigt, zu neunt im Zkr-Verbund mit Saxofonen, Klarinetten, Flöten und Kontrabässen, French Horn, Posaune, Geige, Piano und Drums. Als ob er Abrams' "Things To Come From Those Now Gone" wörtlich genommen und dabei dessen neutönerisch-orchestrale Ambitionen im Ohr hätte, wie sie auf "The Hearinga Suite" oder "Rejoicing With The Light" ausgeformt sind, letzteres sogar mit Cello und French Horn. Und der Vokalisation einer Sopranistin. In Krakow griff Mariam Wallentin vom Fire! Orchestra zum Mikrofon, unter den diskant zwitschernden Vögeln nicht als Moor-Mother, sondern wie inspiriert von Jeanne Lees 'Blasé'. Für Zeitkratzer ist das ein gefundenes Fressen, bei dem sie kristallin schillern und sich, mit Wallentin als kirrendem Feuervogel, schrill und tumultarisch austoben. Im irrwitzigen Kontrast dann Struttin with some barbecue, / Swingin with the band. / Like the happy people do, / Way down in Dixieland im alten Stil. Wobei der Spaß in kläglichem Katzenjammer endet, um durch Schlamm zu kriechen und ganze Bäche von Tränen zu vergießen. Und das eben noch dick Aufgetragene klingt plötzlich doch berührend. Aber gleich ist wieder Hully-Gully und der 'Jelly Roll'-Honkydonk dampft vor Sex, als gäb's keine Sorgen und kein Morgen, keinen Black Thursday und keine Sintflut. Was es dennoch gab, sind Tausende von Gelynchten, festgehalten als bitterste Seite im American Songbook und perverse Kehrseite des von Hollywood und vom Jazz gegaukelten Amerikanischen Traums. Wallentin intoniert es beklemmend lady-day-esk, doch der anfangs tieftristen Band juckt es dazu so teuflisch in den Fingern, dass sie sich zu kratzen anfängt und zu Wallentins Vibrato auf der Grenze zur Parodie kippelt. Der Allen-Song nimmt dann wieder Tempo auf, Wallentin scattet und krawallschachtelt zu den Purzelbäumen des völlig überkandidelten Kollektivs. Zuletzt stimmt Hilary Jeffery mit Posaunenwahwah die tragikomische Liebeserklärung an Valentin an, den lachhaften Loser, und Wallentin (!) verdreht es genüsslich in ein Selbstporträt und einen Ausdruck der Conditio humana. Ein Liederabend wie eine Fieberkurve, in dem über Ornette Coleman hinaus H. G. Wells den gemischten Ton angibt. Die Vergangenheit ein Plunder, um sarkastisch, kopflos überdreht oder bitter darin zu wühlen. Die Zukunft diktatorisch befriedet, ohne Religion und Opposition, ein Spiegel, aus dem Arthur Fleck [alias The Joker] feixt. Ich möchte wetten, dass es in 'the Year of Corona' nicht viele Statements geben wird, die derart spannend sind. 46

47 Bet, Kinder, bet, / Morgen kommt der Schwed Morgen kommt der Ochsenstern, / Der wird die Kinder beten lehr'n. Ein schwedischer Reichskanzler als deutscher Kinderschreck, wie das? Nun, wóhl verdient durch deren grewliches, grimmiges undt erschröckliches procedere mit hauen undt stechen. So der Würzburger Chronist, nachdem Gustav Adolfs Armee, Mitte Oktober 1631, ans Galgentor geklopft, die Stadt, um nicht 'magdeburgisiert' zu werden, kapituliert hatte und die Festung gestürmt worden war - ein Blutbad mit 700 Toten. Die Bibliothek verschwand nach Uppsala, Kriegsbeute bis heute. Die Schweden veraasten Bayern, zogen Verteidigern von Kronach bei lebendigem Leib die Haut ab, plünderten Würzburg beim Rückzug im Herbst 1634 erneut und brachten dafür Seuchen in die Stadt. Kaum ein Ort zwischen Bodensee und Pommern, der nicht in Grimmelshausen umgetauft wurde. Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!, konnte Gryphius da nur noch seufzen. Ein Schwede, Jöns Persson Lindahl, gestaltete in Würzburg den Ringpark und wurde dabei in den Selbstmord getrieben. So alte Geschichten halt. Ich halte mich schadlos mit schwedischen Geschichten. Ahhh, der tolle Strindberg, irres Zeug wie "Die Insel der Verdammten" (Stig Dagerman), Gunnar Ekelöf, Per Olov Enquist, Lars Gustafsson und Carl-Henning Wijkmark, so schöne Titel wie "Träume von Rosen und Feuer" (Eyvind Johnson), "Der Weg nach Glockenreich" (Harry Martinson), "Populärmusik aus Vittula" (Mikael Niemi), "Der Jukebox-Mann" (Åke Edwardson), "Kim Novak badete nie im See von Genezareth" (Håkan Nesser) - ja, einige der Krimi-Schweden können wirklich schreiben. Doch neben dem "Roman über ein Verbrechen", dem Kommissar Beck-Dekalog von Maj Sjöwall & Per Wahlöö, ist das meiste bloß sadistischer Dünnschiss bis runter zum reißerischen Schund von Stieg Larsson. Dennoch, die Wallander-Verfilmungen mit Rolf Lassgård und sogar die mit Kenneth Branagh lieferten mir mit ihren Schauplätzen um Ystad rum ein Schwedenbild, wie gemalt. Narrativ freilich ziehe ich sowas wie "Real Humans - Echte Menschen" oder "Der vierte Mann" (nach Leif G.W. Persson) dem Serienkiller-Thrill vor und Unsäglichkeiten, die die kalkuliert düstere Optik etwa von Edwardsons Göteborger Kommissar Winter nur halbwegs vergessen macht. Verstaubt, aber nicht auszulöschen, sind bei mir die durch die Ufa-Oldies in den 60ern eingeprägten Lieder von Zarah Leander: 'Ich steh' im Regen', 'Der Wind hat mir ein Lied erzählt', 'Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn'... Rührt nicht vielleicht sogar mein Faible für Altstimmen von der Schwedin her? Die blonde Kristina Söderbaum hat als 'arisches' Idealweib auf die Reichs-Tränendrüsen gedrückt (bis hin zu "Jud Süß" und "Kolberg"), nur landeten Veit Harlans Durchhalte-& Hetzfilme im Nachkriegsgiftschrank, so dass einem auch der amazonisch-melodramatische "Opfergang" anrüchig wurde. Dazwischen kamen die Filme von Ingmar Bergman, und Max von Sydow ( ) trug sein herbes Gesicht weiter als Der Exorzist, durch die Tartarenwüste, als Hamsun, bis ans Ende der Welt. Aber es dauerte Jahrzehnte, bevor mir wieder schwedische Filme die Augen öffneten: das außenseiterische Vampir-Poem "So finster die Nacht", das geniale "Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach" von Roy Andersson, zuletzt "The Square" von Ruben Östlund. Der kriegerische Auszug von Karl XII, von einer kaurismäki-tristen Bar aus beobachtet, und seine Rückkehr dorthin als Geschlagener, der mal pinkeln muss, zeigt schwedische Geschichte wie im Aquarium. Da hatte ich allerdings schon eine andere Geschichtslektion intus, durch das Göteborger Label ANCKARSTRÖM, das Bezug nahm auf Jacob Johan Anckarström und dessen 'Tyrannenmord' 1792 an Gustav III. - den Verdi zu "Un ballo in maschera" veropert hat erklang dagegen in Anckarströms Andenken Industrial Noise von Leif Elggren (*1950) und Kent Tankred als The Sons Of God, von Dror Feiler, von Carl Michael von Hausswolff (*1956) mit Phauss, von White Stains... Klangkunst, die in Schweden Urstände feiert, auf FYLKINGEN als Hochburg für Text-Sound Compositions und Electronic Music schon seit 1966, auf RADIUM ( ), FIREWORK EDITION RECORDS (1995-) und ideal RECORDINGS (1998-). Konzeptkunst, die gipfelt in Elggrens und von Hausswolffs Königreich Elgaland-Vargaland. 47

48 LEIF ELGGREN brachte gerade mit der Denkschrift The Most Powerful Woman in the World (Firework Edition No. 136, Book) einen weiteren Baustein seiner Gnosis. Die immer wieder kreist - kreißt! - um das unaufhörliche Where do we come from? Where are we going? Was war vor der Geburt? Was wird nach dem Tod sein? Zwei Blicke bringen dabei Licht ins Dunkel und Dunkles ans Licht: Der Graveur Claude Mellan ( ), über dessen aus einer einzigen Spirallinie gestochenes Jesus-Antlitz Elggren schon bei "The Sudarium of St Veronica" (2007) meditiert hat, warf 1634 ein Auge auf den Mond und zeichnete ihn so genau wie noch keiner zuvor. Doch das Geheimnis der Rückseite blieb. Wie sehr Mellan Verborgenes faszinierte, verriet er 20 Jahre später mit 'La Sourcière', indem er, während Baubo feixend ihre Maske abnimmt, als schwarze Putte (Mellan heißt schwarz) eines lüftet, dessen Gorgonenschrecken er nur indirekt im Spiegel zu schauen wagt - das Geheimnis der Mausefalle zwischen den Schenkeln der Frauen, zwischen satyrischem Kindermachen und saturnischem Kindesraub (Tod). Erst Gustave Courbet ist 1866 mit 'L'Origine du monde' ganz an das schwarze Loch des 'Woher' herangezoomt. Aber so voyeuristisch und pornografisch man das entmystifiziert, der Gedanke erblasst über die Einbahnstraße durch den 'meat curtain', wie Elggren es nennt. Doch der Penis als hirnloser Speläologe lässt nicht nach, den tödlichen Kreislauf in Gang zu setzen. Ist da je wieder einer, qui conceptus est de Spiritu Sancto? Neben Mellan und Courbet setzt Elggren Fotos einer merkwürdigen Ausflüglergruppe und eines blonden Jungen - er selbst? - mit seiner Mutter, dazu ein seltsam verschleiertess von einem Mädchen mit Katze. Natürlich ist die Mutter, einmal mit Cateye/Rockabilly-Brille typisch 50er Jahre, the most powerful woman. Das muss als vorläufige Antwort genügen. Alles weitere wird von Elggren mehr verhüllt als gelüftet: In Zeichnungen des auferstandenen Jesus, der Königin Christina von Schweden und eines barfüßigen Reisenden mit Hut und Koffer, den eine Geisterhand ins Nichts schickt, während eine andere KÖTT menetekelt - FLEISCH. Und in Bibliographical references - Blake, Dante, "Moby Dick", Zolas "Germinal", James Hiltons "Der verlorene Horizont", Meyrinks "Golem", Chestertons "Der Mann der Donnerstag war", Gedichte des schizophrenen Malers Ernst Josephson und homoerotische von Vilhelm Ekelund, Freuds "Moses", Susan Sontags "Krankheit als Metapher". Fachliteratur über Blasphemie, Ekel, Staub, Scheiße, über Jeanne d' Arc, Königin Christina, Karl XII., Descartes Knochen, Hölderlin, Freud, Lenins Mumie, den Zahn der Zeit (Midas Dekkers), alternative Zeitvorstellungen (J. W. Dunne), jüdische Mystik (Gershom Scholem), Babel und Bibel (F. Delitzsch), Das Teuflische und Groteske in der Kunst (Wilhelm Michel), extreme Passionen (A. J. Dunning), Totenstimmen (Jürgenson, Raudive, Tony Ortzen). Eine Bibliothek von Babel, die Bände spricht darüber, dass wir als Gotteskinder und Recken im Tigerfell umeinanderspringen, um doch allesamt als Muttersöhnchen, Vatermörder, Motherfucker, Teufelsbraten, Ekelgeiler in der Scheiße zu landen. Als Fleisch, das zeitweise der Worte mächtig ist: Mit eleven - elfte Stunde? - als Elggrens A und Erbarme dich, mein Gott als O. Saturn Satyr Mausefalle Baubo Spiegel 48

49 Über die schwedische SoundArt-Szene braucht es hier kein weiteres Anglerlatein, es genügt wenn ich von Åke Hodell ( ) und Rune Lindblad ( ) als Pionieren bis hin zu etwa Mikael Stavöstrand und Joachim Nordwall (The idealist, The Skull Defekts) einfach das Mordsdrum Leviathan andeute. Wobei Sound bei Roger Karmanik keine Kunst, sondern mehr sein wollte, für das er mit COLD MEAT INDUSTRY (1987-) eine Zornbank und ein Waffenlager anlegte, um als Lille Roger und Brighter Death Now auch selber zu hauen undt stechen. Wie der Skorpion gegenüber dem Frosch beruft er sich auf The Swedish Nature, wie sie auch zum Vorschein kommt bei In Slaughter Natives, bei Deutsch Nepal, Archon Satani, Inanna (zwei frühe Inkarnationen von Stavöstrand), Ordo Equilibrio und Henrik Nordvargr Björkk von Maschinenzimmer/Mz412. Dessen Verwandtschaft als schwarze Seele mit etwa Ace Forsberg alias Quorthon ( ) von BATHORY ist mit Händen zu greifen, und die parallele Schwärze, Kälte & Härte bei Entombed, Opeth oder Terra Tenebrosa in Stockholm, bei Meshuggah in Umeå, ist womöglich doch so was wie ein Symptom? Die schwedische Nigredo-Phase pendelte ab Mitte der 80er, zwischen Bleakness und moribundem Pomp, hin zum Schwärzer als Schwarz, zu Dark Desires, Nekrophilie, schwarzer Sonne, Wotans Raben, Vater Satan, Bruder Ork. Als ob da die Kehrseite hörbar würde des bis dahin dominanten sozialdemokratischen Paradigmas, das im Mord an Olof Palme ( ) endete und, symbolträchtig, im Fiasko, ihn nicht aufzuklären. Brüchig geworden war es freilich schon 1973 im Banküberfall, der das Stockholm-Syndrom auslöste, und in der blutigen Geiselnahme von Stockholm 1975 durch das Kommando Holger Meins. Sjöwall & Wahlöö hatten als Chronisten des 'schwedischen Modells' der 60er/70er schon dessen Hohlheit protokolliert und bereits 1975 in "Die Terroristen" (dem Finale ihres Dekalogs) den schwedischen Regierungschef ermorden lassen. Nicht von Kurden, Waffenhändlern oder Rechtsradikalen, einfach von einer entfremdeten jungen Frau. Leif G. W. Persson versuchte, so ernsthaft wie sarkastisch, mit seiner "Välfärdsstatens fall"-trilogie deren Zweifel und Verzweiflung am Wohlfahrtsstaat zu beerben, dem Gestalten dienen wie sein tumb-homophobes Ekel Evert Bäckström. Håkan Nessers Van Veeteren-Reihe, zwar auch als Dekalog angelegt, aber zeit- und ortlos verlegt in ein Land mit der Hauptstadt Maardam, macht Irrtümer von Polizei und Justiz, Vertuschung, Heimlichtuerei, Lügen und andere Unwahrheiten zu Handlangern eines Bösen, das, seinerseits zeit-, ort- und skrupellos, allgegenwärtig und allmächtig erscheint. Das macht Gesellschaftskritik zu Schauergeschichten mit Who-done-it- und Mabuse-Thrill, die sich Stockholm- Syndromisierte als Beruhigungspillen (Fall gelöst), aber eigentlich als Droge reinziehen. Dabei hatte die im 68er-Geist verwurzelte libertäre Hippie-Ära schon auch schöne Blüten getrieben wie den aus dem psychedelischen, mit Ho Chi Minh und LSD gedüngten Kraut von International Harvesters "Sov Gott Rose-Marie" (1968) und Harvesters "Hemåt" (1969) gezüchteten FolkJazzProgg auf SILENCE [ab 1970] und MUSIKNÄTET WAXHOLM [ab 1971]: Träd, Gräs och Stenar, Bo Hansson mit "Sagan om Ringen" & Fläsket Brinner, die Hoola Bandoola Band, Kebnekajse, Vargavinter (mit Christer Bothén und Marie Selander), Sånger Om Kvinnor feministisch-folkloresk, Arbete och Fritid und Archimedes Badkar als europäische Vaganten, letztere mit dem Drummer BENGT BERGER, der von der Bitter Funeral Beer Band [in den 80ern] bis Beches Brew [2018] nicht nachließ, vom schwedischen Topf den Deckel zu sprengen. Der Akkordeonist, Keyboarder & Sänger LARS HOLL- MER ( ) war der wohl bemerkenswerteste Träger dieses FolkRock-Virus, mit Samla Mammas Manna / Zamla Mammaz Manna, Schwedens Abordnung zum R.I.O.-Zirkel, in Von Zammla (mit dem Würzburger Wolfgang Salomon), dem Looping Home Orchestra und Accordion Tribe. Alles Weltmusik mit überschwedischer Sophistication, die genuinen 70er-Zeitgeist zu Goldfäden aus- und fortspann. Bei "Samla Mammas Manna" (1971), "Måltid" (1973) und "Klossa Knapitatet" (1974) prototypisch mit tänzerisch krummen Takten, synkopischen Kapriolen, als kleine Dialektik ('Liten Dialektik') aus Imaginärer Folklore, Kasperltheatralik, orgeligem Rock, Zirkusclownerie und jazzigem Pfiff. In bewusster Abkehr von der kulturellen US-Dominanz mit zugleich muttersprachlichem Wir-Gefühl und harlekingewitztem kosmopolitischem Flair. Als Ästhetik, die dann auch bei Myrbein nachhallte und ein wenig noch bei Dungen, psychedelisch, krautig und mit Flöte. Oder als symphonisierte Flowerpower bei The Flower Kings, mit Samla-Drummer Hans Bruniusson. 49

50 Dagegen war [ab 1980] bei der BAUTA RECORDS-Posse die R.I.O.-Avantness aufgemischt mit Postpunk-Spirit, durch den Orgler Johan Hedrén bei Kultivator, durch Labelmacher Lach'n Jonsson bei Zut Un Feu Rouge - Motto: "Kafka vs Chaplin" - und beide zusammen mit Ur Kaos. Hedrén, inzwischen grün-utopischer Forscher an der Uni. Linköping, und Ingemo Rylander entfalteten auch Jahrzehnte später noch als Nomads of Hope ihren kultivatorischen Zauber. Der blinde Keyboarder Mats Öberg & der Drummer Morgan Ågren, kurz Mats / Morgan, verbanden, schnell und hell, zappaeske Schnittigkeit mit Millenniums-Panik. Aus dem Windschatten der beiden tauchte Simon Steensland als univers_zeroesker, üppig orchestraler "Zombie Hunter" und 'Instant Jesus' und ließ Dostojewskis Idioten Schrödingers Katze streicheln. Gösta Berlings Saga konstruiert mit Fender Rhodes, Mellotron und Gitarre aus Prog-Artefakten einen Sound, der schwedische Herzen am heutigen Zeitton vorbei schlagen lässt. Beim Diablo Swing Orchestra klingen Beelzebub & Co. überkandidelt, in der Hölle gibts Wodka, die Teufelin heißt Annlouice und ist eine Diva, die Teufelchen schwingen Metal-Hämmer. Incipit parodia. Bei den Jüngeren wirkt, wie mir scheint, dann auch die geistige Wasserscheide in den 80ern nach: Anna von Hausswolff (*1986), Prinzessin von Vargaland, besingt und beorgelt, feierlich, düster und schwermütig, 'En ensam vandrare' vor einem bleiernen Horizont aus Doom und Gothic, mit Höllensturz ('...The Fall') und Auferstehung ('Källans Återuppståndelse'). Fever Ray betreibt Darkness-Ploitation. Aber zu hören ist das schon Anfang der 90er, als Enttäuschung und Verdüsterung, die den (Retro)-Progrock von Anekdoten in pathetischer "Vemod" melodramatisiert; bei Änglagård als Wandern im Nebel, Ohnmacht und Abkehr von "Hybris"; als Melancholie bei Landberk, mit dem gefühlsechten Timbre von Patric Helje bei "Riktigt Äkta" und der fragilen Gitarre von REINE FISKE, bei seinem Debut noch ganz im Schatten der Orgel. Morte Macabre, halb Landberk, halb Anekdoten, maskierten bei "Symphonic Holocaust" die Wirklichkeit mit romantischem Pathos. Paatos als weiterer Ableger von Landberk steigerte bei "Timeloss" Pathos und 'Misery', im Gesang von Petronella Nettermalm, im Georgel von Johan Wallén. Erst Dungen, Fiskes nächste Station, strebt dann über Stock und Stein der sonnigen Seite zu, steigt im Narrenkostüm in die Löwengrube und notfalls reiben sie Aladins Wunderlampe. Jazzige Einsprengsel und Jonas Kullhammar als Gast bei "Allas Sak" führen Fiske dann zu Svenska Kaputt, um mit Kullhammar und Johan Holmegard (dem Drummer von Dungen, aber auch beim Fire! Orchestra) 'Tröstlösa Tårar' zu jazzen und in einer Nussschale aufs 'Happy End?' zuzurudern. Gemeinsam stiegen sie bei Goran Kajfeš Subtropic Arkestra ein, während Fiske & Holmegard mit Christoffer Gunrup in The Amazing weiter melancholischen Psychedelic Rock schmachten. Und mit Jakob Sjöholm als Veteranen ließ Fiske, schon nostalgisch und retro in Träden, dann sogar Träd, Gräs & Stenar selbst auferstehen. 50

51 Leif Elggren Mats Gustafsson Auch Sten Sandell (*1958, Stockholm) war, solo und mit Så Vidare schon Bauta-fiziert, bevor er die schwedische Jazz-Szene mitprägte. Mitgerissen 1979 von Lokomotiv Konkret, dem eisernen Freejazz-Ross des israelischen Saxofonisten Dror Feiler, der, als 22-jähriger nach Stockholm gekommen, den schwedischen Jazzern zeigte, dass nur der Himmel das Limit ist. Er blieb ein Maß der wilden Dinge, mit The Too Much Too Soon Orchestra auf Radium , mit "The Celestial Fire" auf Anckarström, mit Tetsuo Furudate in Noise- Bruderschaft, wie auch, auf ideal, als Nash Kontroll mit Lasse Marhaug & MATS GUS- TAFSSON (*1964, Umeå). Ähnlich wie Sandell neun Jahre zuvor, erhielt Gustafsson seinen Kick durch Feiler im The Too Much Too Soon Orchestra. Der Rest ist, mit allem Schall & Wahn von expressiv exaltiert bis zu düsteren Noise- & Schmauchspuren, schwedische NowJazz-Geschichte: 1988 mit Sandell bei "Now or Never"; mit dem Drummer Kjell Nordeson im AALY Trio; ab 1990 mit Sandell & dem Drummer Raymond Strid als GUSH; ab 2000 mit The Thing, als Quintessenz aus heißem Action Jazz, Postrock und Punkrotz; 2001 mit Per-Åke Holmlander (Territory Band, Fish & Steel, Carliot It s Never Too Late Orchestra) an der Tuba und David Stackenäs (Tri-Dim, The New Songs) an der Gitarre bei DJustable; 2004 mit Nash Kontroll; 2005 mit Stackenäs, dem Bassisten Johan Berthling (Sten Sandell Trio, Tape, Tropiques und Angles) und dem Trompeter Magnus Broo (von Atomic, Angles) als Boots Brown; ab 2008 mit Holmlander & Nordeson als Swedish Azz; ab 2009 mit Berthling und dem Drummer Andreas Werliin (Wildbirds & Peacedrums, Tonbruket) als Fire!, expandiert zum Fire! Orchestra - mit Anna Högberg (Attack, Pan-Scan Ensemble), Fredrik Ljungkvist (Atomic, Territory Band, Yun Kan 10) und Jonas Kullhammar (Nicolai Dunger, Nacka Forum) an Saxofonen, Joachim Nordwall (ideal) an Electronics, Sören Runolf (Lokomotiv Konkret, The Too Much Too Soon Orchestra) an Gitarre, Sandell am Piano, Broo an der Trompete, Holmlander an der Tuba, Mats Äleklint (Angles, PNL Large Unit) an Posaune und Christer Bothén (*1941) an Bassklarinette, einem Veteranen, der das Fire! Orchestra über vier Jahrzehnte rückkoppelt an Don Cherry, Archimedes Badkar und die Bitter Funeral Beer Band, so wie der Gesang von Sofia Jernberg (The New Songs) und Mariam the Believer Wallentin (= Mrs. Werliin) anknüpft an die "Septober Energy" von Centipede und die 'Let's sing for him'-hymnik der John Stevens Big Band. Mehr Cross the border, close the gap! ist schwer vorstellbar. To say nothing of the Dog, nämlich Gustafssons weiteren Eskapaden vom Peter Brötzmann Chicago Tentet über das Diskaholics Anonymous Trio (mit Jim O'Rourke & Thurston Moore), Otomo Yoshihide's New Jazz Orchestra, das Barry Guy New Orchestra, Anguish (mit Dälek, Hans-Joachim Irmler & Werliin), Sonore (mit Brötzmann & Ken Vandermark), The End (mit Anders Hana, Kjetil Møster & Jernberg, die bei "Svårmod och vemod är värdesinnen" Zeilen von Harry Martinson anstimmt) oder all den krachigen Karambolagen mit Marclay, Marhaug, Merzbow, Nordwall, The Sons of God, ZU. Torturing the saxophone, aber kein Rumpelstilzchen, sondern demütig und dankbar: Mats plays Duke E,...plays Albert A,...plays Lars Gullin und mit "Bengt" verbeugte er sich vor Bengt Nordström. 51

52 Letztere hatten für die 1933 von Louis Armstrong missionierten Stockholmer den Jazz mit schwedischen Untertiteln versehen: der Baritonsaxofonist Lars Gullin ( ) mit "Jazz pa Svenska" (1963), Bengt Nordström ( ) indem er 1962 in Stockholm Albert Aylers Debut produzierte und 1963 mit Don Cherry saxte, der 1967 'Moki' Karlsson heiratete, lange in Schweden blieb und 1981/82 denkwürdig mit der Bitter Funeral Beer Band abhing. Andersrum hatte Sven-Åke Johansson (*1943) Schweden verlassen, um 1967 in Wuppertal im Peter Brötzmann Trio "For Adolphe Sax" zu trommeln, mit der Globe Unity in Donaueschingen, 1968 bei "Machine Gun", mit Alfred Harth & Nicole Van den Plas in E.M.T. Der Rest ist Free_Music-Geschichte, mit Schlippenbach, Bergisch- Brandenburgisches Quartett, Hudson Riv, dem Ol' Man Rebop Ensemble oder dem Cool Quartet. Der Pianist Bobo Stenson (*1944), als ECM-Samtpfote scheinbar am anderen Ende des Spektrums, war 1965 noch Johanssons Buddy im Gunnar Fors' Quintet gewesen, bevor er mit Jan Garbarek NorJazz klimperte, aber 1971 auch in Rena Rama die 'Weltmusik' miterfand, mit Bengt Berger, dem Saxofonisten Lennard Åberg und dem Bassisten Palle Danielsson (*1946), der seinerseits mit seinem feinen Pizzicato die ECM- Ästhetik mitprägte und damit Sound & Feeling der 70er & 80er Jahre. Anders Jormin (*1957) schlüpfte bei Rena Rama in die Samthandschuhe von Danielsson, spielte mit Gustafsson aber auch 'Apus Apus (for Allan Pettersson)', mit Ambitionen, die zuletzt in seinem "Poems for Orchestra" (2019) gipfelten. Der Pianist Per Henrik Wallin ( ), sophisticated genug für Peter Weiss und sowohl Johansson als auch Gustafsson, die Keyboarderin Susanna Lindeborg (*1952) seit Anfang der 80er mit Mwendo Dawa (mit Jormin, Ulf Wakenius an der Gitarre, Ove Johansson am Tenorsax), das Sextett Änglaspel, angeleitet von Stefan Forssén (*1943), ebenfalls Piano, oder das Trio von Esbjörn Svensson ( ), das läuft alles unter Modern Mainstream und Old School, mit Nils Landgren und Viktoria Tolstoy als Sahnehäubchen. Dagegen war das Zeug, das 2000 bis 2015 auf HÄPNA erschien, wenn nicht zeitlos wie die "Djungelmusik med Sång" von Johansson & Rüdiger Carl, dann New School: Stackenäs Magnus Granberg + Henrik Olsson (Gul 3, Muddersten) als Sheriff (mit Skogen machten die beiden dann Musik für Schneehühner) Eric Malmberg + Ulf Möller im Hammondduo Sagor & Swing Tomas Hallonsten + Andreas & Johan Berthling als Tape Hans Appelqvist mit heimelig/skurriler Folklore2.0 Nicolai Dunger als A Taste of Ra van-morrisonesk exaltiert und orchestral bei "Morning Of My Life" (2007). Teils ne Art Post-Jazz, minimal und cool, teils liedermacherisch ambitioniert oder wie Anna Järvinen nach Schlagersternen greifend, mit allerdings auch Reine Fiske und Johan Holmegard (von Dungen, Svenska Kaputt, Tropiques) an Gitarre und Drums. 'Free' ist was total anderes und klingt wie Iskras "Allemansrätt" (1977), meistens wie Gustafsson, manchmal wie Kullhammar, oder nochmal ganz anders, wie MARTIN KÜCHEN (*1966). Als Saxofonist, der mit Stackenäs als Agape, mit Nordeson und Hallonsten in Exploding Customer, mit Strid im Trespass Trio, mit Berthling bei Threnody, mit Äleklint, Berthling, Broo & Nordeson oder Werliin als Angles improvisiert. Als Sohn eines Deutschen, dem im Januar 1945 noch die Flucht über die von Panik und Untergang erschauerte Ostsee nach Schweden gelungen war, bei dem die Höllenstürme des 2. Weltkrieges, der Holocaust und das bolschewistische Grauen nachhallen. Eben nicht in der Identifikation mit den Aggressoren (als quasi konstantem Stockholm-Syndrom), sondern mit den Opfern (so etwas wie ein Wallenberg-Syndrom?). Er keuchte und hauchte, als Notturnos und Mementos, "Homo Sacer" (2007) für Giorgio Agamben, "Hellstorm (Man erkennt langsam das Elend, das über uns gekommen ist)" (2012) im Andenken an den Andra världskriget und "Lieber Heiland, laß uns sterben" (2017) über Vertreibungen, Massaker und Menschenschinderei. Er gibt Philomela wieder eine Stimme und entfaltet dabei ein Pathos, das ganz leise und aschfarben werden kann. Mit der Erkenntnis 'Today is better than tomorrow' reihte er sich - mit Michał Libera - ein in eine Bruderschaft von Melancholikern: Agamben, Michel Serres, W. G. Sebald, Max Ernst, Bedřich Smetana, Auguste Rodin, Georges Perec und Javier Marías, mit der Schleiereule und dem Andensolitaire, einem little brown something, als gefiederten Mitgliedern. 52

53 Um es mit Idiot Kid (Ann-Sofie Lundin & Linus Lutti) zu sagen, zu singen, zu seufzen: "Darkness in our House". Neben Johan Berthling & Tomas Hallonsten tappt da auch MAGNUS GRANBERG (*1974, Umeå) im Dunkeln. Um dann, mit Little Children dafür hellhörig geworden, nicht in den Graben zu fallen, wo ihn die Raben fressen, sondern, angehaucht vom Geist Morton Feldmans, "Ist gefallen in den Schnee" (2010) anzustimmen. Um mit Skogen und John Dowlands 'If my complaints could passions move' "Despairs had governed me too long" (2012) zu seufzen. Und um, mit Skuggorna Och Ljuset, "Would fall from the sky, would wither and die" zu reimen auf "How deep is the ocean, how high is the sky?" (2015), eines so wandelweiserisch wie das andere, auch wenn da das jazzige 'If I should lose you' bzw. Irving Berlin und barocke Klänge drinstecken. "Nattens skogar" (2016) pirscht sich - mit Percussions, Harmonica, Electronics, Tuned Objects, Prepared Piano & wieder der Violine von Anna Lindal - durch Djuna Barnes' Nightwood. Bei 'How vain are all our frail delights?' (2017) lässt Granberg das Ensemble Grizzana über Sir Philip Sidney & William Byrd schweben, ohne die Flügel des Humors, nichts als Zwischentöne im melancholischen Zwielicht aus Sadness & Lightness. Mit "Es schwindelt mir, es brennt mein Eingeweide" (2017) greift er, ohne Worte, Goethes Lied der Mignon auf, und das Wölfchen in uns heult dazu Nur wer die Sehnsucht kennt / Weiß, was ich leide! Wieder mit Skogen sieht sich Granberg bei "Nun, es wird nicht weit mehr gehen" (2017) mit Wilhelm Müllers Wanderer dann doch als Rabenfraß: Krähe, wunderliches Tier, / Willst mich nicht verlassen? / Meinst wohl, bald als Beute hier / Meinen Leib zu fassen? Wer Granbergs Skogen mit Joakim Svenssons Skogen in Växjö verwechselt, hielte Schneehasen für Wölfe, den Mond für eine schwarze Sonne, zerbrechliche Melancholie für nekrophiles Baden in Black-Metal-Lava. Det Nordiska Mörkret, zweierlei Weltanschauung, zweierlei Schwarzwald - Skogen heißt Wald. Mit der deutschen Romantik nicht genug, geistern durch "Als alle Vögel sangen mein Sehnen und Verlangen" (2018) Harry Heine und Robert Schumann, und selbst das Insub Meta Orchestra, in dem 28 Herzen schlagen, ist dabei für Granberg mehr Klanggespinst und Klanggespenst denn Klangkörper. Kaum zu fassen sind die Fäden, die zwei Schwestern spinnen, zwei Geigerinnen mit abenteuerlustig offenem Horizont: ANNA LINDAL, mit Jg und klassischem Spielbein, mit dem sie jedoch aus der Reihe tanzte über Cage, Wolf und Xenakis hinaus zu Chris Newman, Hanna Hartman und Tango Libre, bis hin zu Magnus Granberg & Skogen, dem 8- köpfigen Revoid Ensemble von Klas Nevrin (zuvor Keyboarder bei Fredrik Ljungkvist & Yun An), dem Ensemble Makadam aus vier gestandenen Damen und sogar dem Fire! Orchestra. EVA LINDAL fiedelt, ähnlich freisinnig, mit dem Keyboarder Magnus Andersson Lagerqvist, bei "Viva Black" (2015) & "Minsta Gemensamma Nämnare" (2016) kammerjazzig mit dem Bassisten Filip Augustson & Christopher Cantillo an den Drums, in REbaroque das, was der Name schon sagt, und am neutönerischen Ende als WE mit dem Gitarristen Mattias Windemo & dem Perkussionisten Jonny Axelsson. Wie Magnus Anderssons KATZEN KAPELL mit der singenden Akkordeonistin Catharina Backman und den Vibes von Kjell Nordeson da als missing link zwischen Zamla Mammaz Manna und Norwegens Farmers Market um Astor Piazzolla, Kurt Weill und Nino Rota herumschnurrt, das verzaubert Stockholm in eine Kulturhauptstadt von Welt. Eva Lindal schwingt bei "Alla Hatar Min Man" (1998), "Si Tu Veux" (2007) & "Maximalism" (2008) den Katzenellenbogen. Verpasst hat sie das wunderbare Debut (1994), wie schon das zappawinskieske, überkandidelte "The Story Of Agamon" (1989/91) mit Getrommel von Morgan Ågren, der fetzigen Gitarre von Peter Adolfsson und Wechselgesängen von Lagerqvist mit der Sopranistin Johanna Garpe. Doch sie fiedelt mit bei AGAMONs "Open Up Your Eyes" (1993) als missing link between Nirvana and Burt Bacharach, wo zwar bereits die souligen Untiefen von "On My Train" (2015) gelotet werden können, aber noch funky und überpoppig überpflügt wurden mit den Stimmen von Ulrica Gulz und auch schon Mats Öberg, Nordesons Klimbim und mit von Strings und fetzigen Gitarren geblähten Segeln. Auf "Illusion" (2015), mit Gastspielen von Per 'Texas' Johansson und von Backman, stimmt sie das melancholische 'Solitude' nur mit Andersson und 'Solaris' sogar alleine an, und Agamon ist da manchmal ganz nahe bei Cheer Accident, mit 'Song of Flesh' aus dem Mund von Ulrica Gulz als absolutem Highlight. 53

54 Ich fächere das so breit auf, weil mich die Vorstellung umtreibt, dass das aus lauter solchen Maschen geknüpfte, zur Zeit aber selbst im unhysterischen Schweden zerrissene Netz die Welt im Innersten zusammenhält, ja das Dasein und die Welt überhaupt nur rechtfertigt, mit Nietzsche gesagt. Die Geige ist den Lindals übrigens in die Wiege gelegt, als Enkelinnen des griechischen Geigers Nikos Skalkottas ( ) und der aus Riga stammenden Geigerin Matla Temko, die nach der Trennung 1931 mit der Tochter Artemis von Berlin nach Stockholm kam. Eva hat sich mit 'Katastrof i Djungeln' & 'Skalkottas, Berlin, Rembetiko' ganz in den Nachlass ihres Opas vertieft. Auf Bäver (disorder 08), ja, Bieber (oder auch Biber von Bibern), beschwören Artemis' Töchter als Ariadne und Arachne vereint den Geist ihres Großvaters mit dessen Geburtsort 'Chalkida' und den herzinnigsten Essenzen der Geigen, mit gefühlvollen Trillern und Flageoletts, aber nicht ohne Kratzer durch die Zeit gerettet. Col legno geklopfte Töne sind vereint mit zag zirpenden, elegisch schwebenden, diskant aufschrillende Laute kontrastieren mit con dolore althergebrachten, um sich hornissig schwirrend, flautando, forzanto zu verbinden. Jaulige Striche schlängeln sich um fiebrig wimmelnde und diskant schillernde, vigoroso und tempestoso gewellt und in glissandierenden Kurven. Wischend geschmierte, gesägte, perkussiv geklapperte, geklopfte, geknarzte Geräusche lassen bei 'Hjul' die romantische Eskapistik unter die Räder des Fortschritts geraten. Bei 'Skrubb' vermengen die Schwestern zuckende Kratzer tumultarisch mit krachig gepressten und kurios gescharrten, für spaßige Rumpelkammermusik, die zuletzt kammerjungferliche Fürzchen zwitschernd verwirbelt. 'Knüst' vertieft sogar noch den bruitistischen Eindruck mit violinwidrigsten Tricks, knorrigen Knarzern, launigem Picken, holzigem, drahtigem Handwerk. Mit wetzendem, dröhnendem, knarrend crescendierendem Finish, das die beiden Krawallschachteln mit einem Lachanfall besiegeln. Was für ein Bogen von einer Harmonia Artificioso-Ariosa, sprich kunstreich-melodiösem Wohlklang, zu solch liederlicher gselschaft von allerley Humor! Nicht bloß als lustvoll vergeigter Geigenunterricht, sondern als Lektion in musikalischem Maximalismus. Was Maximalismus made in Sweden angeht: Die Power-Metaller SABATON, bekannt für militante Konzepte, besangen 2012 Karl XII. als Carolus Rex und mit 'Lejonet från Norden' Gustav Adolf als den Löwen aus Mitternacht. 'En livstid i krig' erinnert an den 30- jährigen Krieg, 'Gott mit uns' an den Schlachtruf der Protestanten, '1648' an die letzte erbitterte Schlacht um Prag (und vielleicht auch ein wenig an den von Königin Christina verlangten Raub der Kunstschätze Kaiser Rudolfs und der Rosenberg-Bibliothek). Sag keiner, daß die Räuberei nicht das alleradeligste Exercitium ist. 'Ett slag färgat rött' erinnert an schwedische Kriegsgräuel nach der Schlacht bei Fraustadt 1706, 'Poltava' an die desaströse Niederlage 1709, 'Konungens likfärd' an den Leichenzug Karls XII. 1718, 'Ruina Imperii' an den Todesmarsch der Karoliner 1719, als beim Rückzug aus Norwegen 3700 Mann im Schneesturm erfroren sind. Sag keiner, der Große Nordische Krieg, die Verheerung Finnlands und Weißrusslands, die Russifizierung des Baltikums, der Realitätsund Machtverlust Schwedens, umgemünzt in einen Stolz des Gescheitert-Seins, seien Schnee von Vorvorgestern. NILS PATRIK JOHANSSON, Front- & Thinking Man von Astral Doors und bis 2016 beim Sabaton-Spin-off Civil War, hat gerade als Moritatensänger mit Freakshow-Tenorstimme auf The Great Conspiracy auch nochmal das Palme-Fiasko mit power-metalistischem Sarkasmus abgehandelt. Is this the great conspiracy? / A kill in the name of the industry / Of weapons and bribes in the land of peace / Up in the North... The lunacy must be / What drives this institution / Of clowns known as cops / In the madhouse of fraud and lies... Wenn Vergangenheit nicht vergehen will, dann muss man sie so lange drehen und wenden (in der Scheiße rühren), bis keiner mehr weiß, was Ursache, was Wirkung ist, wer Täter, wer Opfer, was moralisch, was notwendig ist. Nicht nur Schweden ist da zum 'Land der Zyklopen', der einäugigen Idioten geworden. Notwendig waren und sind laut Jan Myrdal, dem närrischen Alten der schwedischen Linken (dessen "Bekenntnisse eines unmutigen Europäers" 1968 für viele wegweisend gewesen waren): Mao, Pol Pot, die Taliban, die Hisbollah, der Vollzug des Volkswillens... Notwenig sind marxistische Kerle und libertäre Freigeister wie er. Nicht notwendig sind: Sozialdemokratische Eltern, Imperialismus, Zionismus, die Gegenwart... 54

55 Wenn von Hausswolff mit der Asche von Majdanek malt, ist das Leichenschändung oder ein Gedenken an die Opfer? Er hält sich da mit Rimbauds "Ich ist ein anderer" bedeckt und machte einfach den Sound zu "Jag är en annan" von Michael Azar. Doch während Azar in "Den ädla döden - Blodets politik och martyrens minne" die Blutpolitik mit Selbstmord-'Märtyrerinnen' verurteilt, streuten ihnen Dror Feiler & Gunilla Skoeld mit "Schneewittchen und der Irrsinn der Wahrheit" Rosen aufs Blutbad. Wohl kaum, um nur tatkräftige Frauen zu würdigen, im Gegenzug zu all den Opfern von Stieg Larssons Vergewaltigern und sadistischen Frauenmördern ("Män som hatar kvinnor"), bis aus Blut und Asche eine Lisbeth Salander aufsteht? Leif Elggren favorisiert die (zwar auch von Todesurteilen und Mordbefehlen besudelte) Königin Christina als Aussteigerin vor den Kriegerkönigen Gustav Adolf, der Deutschland verheerte, Karl X., der die 'Schwedische Sintflut' in Polen- Litauen auslöste, und Karl XII. als kriegerischem Bankrotteur. Besser Nachtmützen (nattmössor) als Kronen oder Hüte und all das, was schon Strindberg als 'Pharaonenkult' befehdet hat. Herausspringen aus der Totschlägerreihe, statt Dynamit. Ironie: Die sexistische Nobel-Jury kam zuletzt auf Bob Dylan, das skandalfreie Komitee verlieh den Preis gleich mal einem, der Kriegsverbrechen leugnet oder aufrechnet. Dann denke ich an Allan Pettersson ( ) und seine "Identifikation mit dem Kleinen, Unansehnlichen, Anonymen", in Gestalt von 17 kolossalen Sinfonien, die, Welle für Welle, auf den Abgrund zu rücken. Er verstand seine '10. Symphonie' als "Faustschlag ins Gesicht" derer, die "Messen für Aasgeier" feiern, wohl wissend, "daß kein einziger Mensch mit Musik besser wird." Aber manchen hilft ein Monstrum wie seine '13.' doch ein wenig, den Schrecken zu bannen, das Schweigen zu übertönen, den Sturz aufzuhalten. Oder zumindest den 'Trivialismus' auszuhalten, von dem Roy Andersson spricht. Schon Ragnar Grippe (*1951, Stockholm) hat ja bei "Sand" (1978) suggeriert, was der Fall ist - alles fällt. Auch das hat Roy Andersson, aus verwunderter Vogelperspektive, gezeigt wie kaum ein anderer zuvor: Kolonialsoldaten treiben afrikanische Gefangene in eine 'Kupferorgel', unter der sie Feuer anzünden. Eine weiße Gesellschaft trinkt Champagner und hört teilnahmslos, wie aus Horntrichtern des sich drehenden Kessels 'Musik' zum Himmel schreit, als Geburtstagsständchen für den Patriarchen erhielt Andersson den im querdenkerischen Geist Jan Myrdals verliehenen Leninpriset. Was ihn in eine Reihe stellt mit Mattias Gardell (der den politischen Islamismus für im Kern sozialdemokratisch erklärt und sich mit Dror Feiler bei Ship to Gaza engagiert), dem Kolonialismuskritiker Sven Lindqvist, Maj Sjöwall, Jan Guillou (Autor der Carl Hamilton-Thriller und des Jahrhundert-Dekalogs "Det stora århundradet"), dem Hoola_Bandoola_Banditen Mikael Wiehe, dem Van Veeteren- Darsteller Sven Wollter (als treuem Kommunisten), dem Soziologen Göran Therborn ("The Killing Fields of Inequality"), der Journalistin Kajsa Ekis Ekman... Derweilen treiben die Schwedendemokraten mit einem ganz anderen 'Volkswillen' die rot-grüne Minderheitsregierung und die kulturelle Elite als 'entartet' in die Enge. Alter Schwede. Sven-Åke Johansson Martin Küchen 55

56 Todays??? is female too! Als mir kürzlich ein Bekannter eine Handvoll Namen seiner derzeitigen Lieblingssirenen droppte, schaute ich erst bescheiden aus der Wäsche. Denn es waren keine 'meiner' Jazzerinnen, noch hießen sie Oona Kastner oder Darja Kazimira (die mir zuletzt bei "Death of The Bull" & "Theophage the Barbarian" im rituellen Verbund mit Dagmar Gertot wieder als lettische Diamanda Galas die Haare sträubte). Bis mir aufging, diese Laura, diese Bana, die haben doch auch meine Ohren schon klingeln lassen. Aber eben auf dem weiten Feld der Elektronik oder Elektroakustik: Laura Agnusdei mit "Laurisilva" auf The Wormhole, Bana Haffar mit "Genera" auf Touch. Denn so unbeleckt ist BA nicht, was Sounds & Scapes aus, nicht immer nur zarter, Frauenhand angeht: AKB [Anna-Karin Berglund] (mit "Marianergraven" auf Lamour Records), Lucrecia Dalt, Alessandra Eramo (auf Corvo Records), Jasmine Guffond (auf Karlrecords), Jana Irmert (auf Fabrique Records), Olivia Louvel (mit "Beauty Sleep", "Data Regina" & "SculptOr" auf Cat Werk Imprint), MME duo [Patricia Koellges & Tamara Lorenz] (auf Makiphon), Laura Steenberge (mit "Harmonica Fables" auf Nueni Recs.), Zavoloka (auf Kvitnu). Oder auch ganz taffe wie Himukalt [Ester Kärkkäinen] oder Relay For Death [Rachal & Roxann Spikula] (auf Helen Scarsdale Agency). Dazu konnte ich wiederentdeckte Pionierinnen vorstellen wie die dröhnminimalistische Catherine Christer Hennix (mit The Deontic Miracle), wie Michele Mercure oder Pauline Anna Strom (beide mit Retrospektiven auf Rvng Intl.). Ganz zu schweigen von der Galerie von Klangkünstlerinnen mit akademischem Knowhow: Manuela Blackburn, Sophie Delafontaine, Chantal Dumas, Monique Jean, Annie Mahtani (auf empreintes DIGITALes), Susanne Skog (auf Fylkingen), Jana Winderen (auf Touch) oder Alla Zagaykevych. Doch zwei Namen erwiesen sich als toller Tip für ein First Date: Einmal TEARS OV mit "A Hopeless Place" (The Wormhole, WHO#14, LP) als außerordentlichem Klangerlebnis, das Lori E Allen (vocals, samples, sequenced percussion, piano, synth, noise), Deborah Wale (vocals, percussion, tube, synth, noise, scratching and spoken word) und Katie Spafford (cello) miteinander, weitgehend improvisatorisch, fabriziert haben, um Kunst von Wolfgang Tillmans im Tate Modern zu beschallen. Allen stammt aus Saint Louis, macht aber in London ihren MSc in Psychology, Neuroscience & Music, Wale arbeitet als Illustratorin & Gefängnispsychotherapeutin, Spafford auch als Mixed-Media-Künstlerin. Sie thematisieren da Veränderung, Verwandlung, Verlust, die Versuchung, Tabus zu brechen, Süchtigsein, die sensationellen Reflexe der Schnappkieferameise. Ein tristes Piano und ein melancholisches, fröstelndes Cello werden von surrealen Viren befallen, die der Hoffnungslosigkeit einen Schnurrbart anmalen. Das rührt her von seltsamen Stimmsamples - einer sagt We are playing a game und erntet komisches Gelächter, während das Cello eine stramme Pace anschlägt. Durch einen James_Bond-Soundtrackkorridor in eine Endlosrille, mit immer noch einem dunkel verlangsamten Stimmloop. Aus Pizzicato werden bei 'All Else Is Bondage (For A.)' posaunendunkle Wellen zu Allens wehmütigem Gesang. 'Dancing Without' bringt, zu peitschenden, zuckenden Impulsen und kirrenden Schreien ein merkwürdiges Lachen, das eher ein Schluchzen ist. Der Ärmste wird von Stimmen gepeinigt, die sowas raunen wie The eye that cannot see itself. Bei 'Trapdoor Ant' kontrastieren perkussive, metallisch geschärfte Unruhe und wirre Stimmen mit feierlichem Gesang. 'Overstimulated Arcade Rat' beschleunigt mit kapriolendem und surrendem Synthiesound und wieder raunt eine Stimme. 'Family Feudal' ist, in zuckeligem Tempo, mit delirantem Marry me-mary memarry me-loop, eine Quizshow voller anzüglicher Pointen: Other than popcorn what is your favourite thing to nibble? - A bitch. Mit Satie als Notausgang, der aber nur an den hoffnungslosen Anfang zurückführt. Don't she know she is a hopeless case?, raunt Wale, zu wieder bebendem Cello und tristem Piano, und spricht dabei von Pandora. Tears Ovs Büchse enthält keine Laster, keine Würmer, eher ähnelt der bizarre, als Stream of Consciousness ausgeschüttete Inhalt dem einer von Negativeland, People Like Us und Ergo Phizmiz bestückten Wundertüte. Und wenn man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll, kann man ja einfach verwundert staunen. 56

57 Der andere Tip überrascht mich insofern, dass "L'Onde Souterraine" (Telegraph Harp, TH010LP) von LEA BERTUCCI + LEILA BORDREUIL sich als der improvisatorische Zusammenklang von Bassklarinette und Cello entpuppt. Mit Bertucci als Mitherausgeberin von "The Tonebook" (mit graphischen Partituren zeitgenössischer Komponisten), als Partnerin von Amirtha Kidambi (bei "Phase Eclipse") und Sounddesignerin mit Reeds, die ihren Schwerpunkt auf (Bio)-Feedback legt. Als Komponistin entwarf sie, ebenfalls graphisch, etwa "Our Collective Cynicism is a Product of Failed Revolution" for Trombone and Tape (2016), "Terminus" für Saxophone Quartet (2017), "Vertical Octet" for Brass Octet (2018) oder "Mass of Dissolution" for Percussion Trio (2019). Mit "Acoustic Shadows" gestaltete sie 2018 die "Brückenmusik 24" in der Deutzer Brücke in Köln (mittlerweile gepresst als LP auf SA Recordings). Bordreuil ist eine Französin, die sich in Brooklyn als Komponistin und Celloperformerin behauptet. Von ihren zahllosen Performances (darunter One-Night-Stands mit etwa Zeena Parkins oder Nate Wooley oder im Quintett von Weasel Walter) sind neben ihrem Solo "Headflush" noch die mit dem Kontrabassisten Zach Rowden oder das Streichtrio mit Sean Ali & Joanna Mattrey konserviert. Noch im Februar spielte sie mit Audrey Chen bzw. Biliana Voutchkova in Berlin. Der Zusammenklang mit Bertucci ist ein erstaunlicher Fächer aus rauzungigem, immer wieder auch zirkularbeatmetem Reedsound und reibungsstarken Bogenstrichen. Als Flow aus ploppenden Lauten und rührig geschlagenen Loops, mit beiderseits diskanten Spaltklängen, beiderseits surrenden und schnarrend grollenden. Dafür setzen beide Effekt- und Volumepedale ein. Meditative Passagen wechseln mit dramatischen, langgezogen brummendes und dröhnendes Legato mit pulsierender Perkussivität. Mit suggestiven Titeln wie 'Thunder Rolling Down the Mountain' oder 'Stag With Lightning in its Glare', mit 'Tagla Membar', dem Tigerdämon des Bön, als Tanzpartner mit triefenden Lefzen und in Feedback verhüllten oder raptorisch ausgefahrenen Krallen. Bertuccis Altissimo lässt auch 'She Who Walks' schillern, das Bordreuil noch spitzer zuschleift, in einem knurrigen und kirrenden Auftritt von Ayesha als She-Who-Must-Be-Obeyed. Der Beuys'sche 'Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch' spitzt noch einmal die von Ketten gerade so gebändigten Leila- Lea'schen Essenzen zu, zerrend, flötend, grollend, surrend und nochmal diskant schneidend. Discogs-Bewertung: 2.67 / 5? Man darf dem Web nichts glauben. 57

58 Ob mir MOOR MOTHER ein Begriff ist? Wenn Begriff meint, dass ich's ganz erfasse, dann Nein. Camae Ayewa, die 'Hardcore Poetin' & Rap Witch aus Philadelphia, hat mit Irreversible Entanglements, 700 Bliss, Mental Jewelry oder Roscoe Mitchell eine enorme Präsenz entfaltet. Mit dem Projekt Black Quantum Futurism (mit Rasheedah Phillips) und ihren 'Black Ghost Songs' wurde sie zur Galionsfigur der afrofuturistischen Strömungen der New Black Aesthetic und des Diskurses der Schwärzung with the dark matter of the deep, black allconsuming universe as its thread. Ayewa wurzelt ebenso im Rap wie in Black Beat Poetry. Amiri Barakas 'Black Dada Nihilism' und dessen Black scream and chant, scream, and dull, unearthly hollering sind ihr Zunder zur Fire Music von Irreversible Entanglements, deren Debut schaurig gipfelt im ächzenden 'Projects', den Höllensturz von Michelangelos 'Das Jüngste Gericht' vor Augen. Anders als dieser von Keir Neuringers Saxofon, Aquiles Navarros Trompete, Luke Stewarts Kontrabass & Tcheser Holmes' Drums befeuerte Rückgriff auf den furiosen ESP-Jazz der 60er, zuletzt bei "Who Send You?" (2020), ist Moor Mothers "Fetish Bones" (2016) ein powerelektronisches In-yer-face-Drama aus fräsendem, heulendem, rauschendem Noise, einem Overkill an Samples von Spirituals, Gospels, exaltierten Gesangsfetzen, Reden schwarzer Führer, Interviewausschnitten, zu verschleppten, vermulmten, verknurschten Beats und Loops und verzerrten Deklamationen. Ihre Mixtur aus 'Slaveship Punk' und Industrial Waste der 80er fusioniert auf "Wrecked" von Zonal unmittelbar mit Justin Broadrick (Godflesh) & Kevin Martin (The Bug). Sie reimt zu ihrer Bitches Brew aus Distortion und Disalienation What you waitin for? / For them to lynch our naked body live on Channel 4 / Burn the live remains left on the dance floor? - Kill Black girl kill, that's my dissertation ('KBGK'). Sie singt I'm bell hooks trained as a sniper / Sandra Bland returning from the dead with a hatchet ('By the Light'). Und hält bei allem Illbient-Horror voller Gespenster einer Vergangenheit, die nicht enden will, gegen Attack and disaster / The cycle the same before and after / They blood bath ya ('Parallel Nightmares'), gegen den Blueprint von A bleeding black body blowing in the wind / Tripping an ironic thickness of things never changing doch fest an A new type of happiness / A black happiness that's filled with grief ('Creation Myth'). Doch bohrt sie auch auf "Analog Fluids of Sonic Black Holes" (2019) weiter voller Schmerz und Groll in den Wunden der Vergangenheit: I hope you get what you've been giving out / I hope you choke on all the memories ('Repeater'). Remember me, fresh from the grave / Fresh from the blood and sweat of a slave / Machete I can rage ('After Images'). Vom seekranken Horror über den Schwarzen Atlantik bis heute sind die eingefleischten Verhältnisse zum Kotzen. Ein kollektives Enzephalogramm zeigt so viel Finsteres, dass sie es in 'Shadowgram' umtauft. Mit Matana Roberts geht das zusammen wie Malcolm X mit Toni Morrison. Der Sound ist dabei ein geisterhafter Chor von Stimmen in einem teerigen Magma, einem Low-fi-Brei, singend, rappend, zu Automatengehämmer, zu Stammestrommeln, zu schleppendem Klopfen, schmerzlicher Geige. Moor Mothers Stimme ist angedunkelt wie die von Annie Anxiety, bei 'Black Flight' gehetzt, nicht nur bei 'The Myth Hold Weight' die einer finsteren Sibylle in einem looping drama, einem Teufelskreis aus suicide, slaughterhouse und body counts. Selbst das It's so soft von 'Passing Of Time' nennt den Preis der kuscheligen Baumwolle: My mama, my grandmama, my great-great-great grandmama / picked so much cotton they saved the world / all by themselves. Moor Mother muss ein wenig aufpassen, nicht als Domina für verschämte Büßer verehrt zu werden. 58

59 sounds and scapes i n d i f f e r e n t s h a p e s attenuation circuit (Augsburg) ALEXEI BORISOV ist die treibende Kraft für Noise und Soundart made in Russia: In den 80ern mit Notchnoi Prospekt, in den 90ern mit F.R.U.I.T.S. und Volga, in den Nullern bis zum Tod von Ivan Sokolovsky 2005 im Gosplan Trio (mit Sergey Letov) oder mit Anton Nikkilä, in den 10ern mit dem Fake Cats Project und mit Olga Nosova oder, seit 2015, mit KATYA REKK, die zuvor in ByZero Jazzcore mit Typen von Syncopated Silence gespielt hatte. Für Tea Reworking (ACU 1020) gaben die beiden gemachtes und gefundenes Klangmaterial aus elektronischen, gitarristischen, stimmlichen und weltoffenen Ingredienzen in die Hände von YURA GORODEZKII. Es ist das, arg verkürzt gesagt, der Erzpope des Labels Church of Freedom, und bekannt durch Trips und Träume mit dem Harsh-Noise Macker Ivan Sandakov und durch ambiente Drones oder saure Drops mit Kirill Minaev. Er braut aus dem ihm gelieferten Sawarka ein anregendes Gebräu und verrührt darin Stimmund Geräuschfetzen in rhythmischen Wooshes und Wirbeln, mit quasi turntablistischem oder wie tonbandgeschlauftem Drehmoment, dumpf und beruhigend, schlurchend oder aufgedreht, dumpf und beunruhigend, klopfend oder schnurrend, brodelnd und berstend, unter Wasser, unter dem Radar von Ich und Über-Ich. Bis hin zu Babygeplärre und barbarischem Bum-Bum-Bumbumbum aus dem Reich der Samoware. Dass die 'Befreiung der Deutschen von sich selber', der heuer zum 75. Mal gedacht wurde, vielfach als Amputation oder Entfernung eines Hirntumors wider Willen empfunden wurde, ist eine leidige Tatsache. Mit Phantomschmerzen noch im zweiten und dritten Glied, die in Symptomen aufbrechen wie der bei jeder günstigen Gelegenheit entfesselten Hetze gegen alle, die als Ersatz für 'Untermenschen' und 'Parasiten' herhalten sollen, und irrem Gemunkel von der ewig 'jüdischen Weltverschwörung'. Wenn dabei der nie erflehten Vergebung durch das russische Volk, das mit am schlimmsten unter dem deutschen Tumor gelitten hat, ein grassierender Philo-Putinismus gegenübersteht, fügt sich das in die Symptomatik als Verehrung eines vom 'Volkswillen' getragenen autoritären Führertums mit unverschnittenen 'Gestaltungsmöglichkeiten'. Steps (ACU 1021) ist dagegen ein vorsichtig auftretendes Memorial, als Soundwalk von EMERGE in der KZ-Gedenkstätte Dachau, der am Gegenpol zur zynisch und reißerisch perversen Naziploitation des Industrial leise Töne anschlägt. Etwas Unheimliches, das nur durch den Kontext als Nachhall eines Grauens zu deuten ist und zum 'Stolperstein' wird. Wie "Gurs. Drancy. Gare de Bobigny. Auschwitz. Birkenau. Chelmno-Kulmhof. Majdanek. Sobibor. Treblinka" (Bruit Clair/Gruenrekorder) von Stéphane Garin & Sylvestre Gobart ist es eine bewusst jetzige Annäherung, die nur noch einfangen kann und einfangen will, was von jenen Tagen und Orten übrig blieb - ein Nicht-vergessen-wollen, ein Trauern, ein Sich-verpflichtet-fühlen, ein Es-anders-machenwollen. Nicht zuletzt im Schulterschluss mit Weggefährten wie Gildas Brugaro in Rennes, der seinerseits als SRVTR step für step durch den Betondschungel streift, um zu retten, was zu retten ist, mit autonomaton aus Bulgarien, Claus Poulsen aus Dänemark, Satori in Somerset, Dabit Vocem Austria aus Vorarlberg, Frans de Waard, Sofia Bertomeu in Murcia, Limited Liability Sounds in Łódź, Federico Dal Pozzo in Turin und Toni Dimitrov in Skopje. Ihren nachbarlichen Händen hat Emerge nämlich sein Klangmaterial anvertraut, um es mit ihrer Handschrift in den zweiten seiner drei Schritte rückfließen zu lassen. Schritte, die er mit anderen zusammen geht, in einem polyglott murmelnden, von Vögeln umzwitscherten und umflöteten Pulk. Zwischen ominösem Dröhnen und kiesigem Knirschen taucht man unter mit einem Taucher, der tief unten gegen eiserne Wände klopft. Während er dort den Kraken stört in seinem traumlosen Schlaf, lallen oben Stimmen, lärmen Vögel, rinseln Abflüsse, dröhnen Tore, läuten Glocken, rauschen die Baumkronen, mahlen die Mühlen des Vergessens und Verdrängens. Klacken da die Riegel trotziger Reflexe und Aversionen? Oder die mahnende Erinnerung an die Folgen? 59

60 Ihre "Sacra Dea"-Cantos auf Atemwerft haben die Diva DONATELLA BARTOLOMEI schon ein paarmal nach Augsburg geführt, etwa zum Re:Flexions Sound-Art Festival 2018 ins abraxas. Für Alchemia Nova (ACU1022) ließ sie sich, die sich sonst allein in ihre Loops hüllt, von ALESSANDRO CONEDERA mit Sternenstaub und Nebelstreifen verschleiern. Um in einer leichten Brise zu tanzen, ihrer Puppe Schauerlieder vorzusingen, aber vor allem, um sich zu empören über die Entzauberung und Entheiligung der Welt. Wobei sie sich für ihre rituellen Repetitionen weiterhin vervielfältigt in eine elfische, der Mondin dienende, aber auch hexende und sibyllinische Schwesternschaft, die feierlich vokalisiert, die keift oder Zaubersprüche raunt wie eine zweite Darja Kazimira. In einer Spannweite von atmosphärisch ambient und mystisch angedunkelt bis gothisch exaltiert, zu Synthiegewölk oder Glockenspiel. Oder auch lauthals und launig zu den rhythmischen Loops von 'Farara'. Sie haucht und keucht im Giallo-gelb beklimperten 'Nebula'. Zu monotonem Beat führt sie theatralisch einen feierlichen Umzug an, doch das Sakrale gibt es nur noch als verzerrtes Als-ob, was nicht ausschließt, bei 'Distorsione sacra' andächtig zu schlucken, oder bei 'Spazio profondo' in Lisa_Gerrard'schem Pathos zu schwelgen. Nach 'Warning' als geklopftem, gepochtem Tänzchen und Synthiepop-Instrumental lässt einen Bartolomei zuletzt a capellaaaaaa uuuuuuuuuu ins Weiße Licht kaskadieren. Vom Auftritt von FEZAYAFIRAR beim Re:Flexions Sound-Art Festival 2019 landete 'Magdur' auf Birkaç Parsek (ACU 1023). Das nach Berlin und Zürich ausgeschwärmte Brüderpaar aus Istanbul strebt da gleich noch einige Parallax-Sekündchen weiter ins Überall, inspiriert in ihrem Hin-zu durch Science Fiction, in ihrem Weg-von aber wohl eher davon, dass die von türkischer Science Fiction beschriebenen Zustände nur eine Armlänge entfernt sind, wie Ömer Türkeş konstatiert hat (in "Sich die Zukunft vorstellen"). Das Raumschiff von FezayaFirar (Feza = Weltraum, Firar = Ausbruch, Flucht), dessen Route sich vor angedüstertem Hintergrund abzeichnet, ist nicht von der neuesten Bauart, macht das aber wie alle geliebten Schrottkisten im Weltall - Han Solos 'Millennium Falke', Ijon Tichys 'Rakete' - wett durch launige und trappelige Tüpfelmuster, metalloid zirpenden Klingklang und oszillatorische Pulsschläge. R2-D2eskes Gepixel und Gezwitscher mischen sich mit schrottiger Flickschusterei, sprachgestörter Computerkommunikation, knarrigem Gefurze, suppig stampfendem Geblubber, roulettekugligem und holzigem Geklapper, eskalierendem Glissando, motorischer Arrhythmie und stagnierendem, dumpfem Beinahestillstand. Als wären die nur eine Armlänge entfernten Zustände wie das Alien mit an Bord. ASTRO stammt selber aus dem "Black Bloody Cosmos". Als "Cosmic Cannibal", als "Cosmic Radiation", als Alien. Seit 30 Jahren spielt Hiroshi Hasegawa mit dem kosmischen Vektor, mit Cosmic Coincidence Control Center (C.C.C.C.), Astral Travelling Unity, South Saturn Delta, Galax, Astromero und seit zehn Jahren im Verbund mit Hiroko 'Rohco' Hasegawa, er mit Modularsynthie, Feldaufnahmen und Samplings, sie mit E-Violine und Electronics. So jedenfalls bei Vermillion Gate (ACRS 1015), in dessen Zinnober Die tausend Träume von Stellavista von J. G. Ballard mitschwingen, als 'Asynchronous Waveform'. Fragt mich nicht, wie die 'True Seals', die Hundsrobben, auch Earless Seals genannt, ins Spiel kommen. Wegen dem 'earless'? Das können nur Spötter vermuten und die sollten sich besser um ihre Sterblichkeit sorgen. Andererseits braucht es tatsächlich robuste Trommelfelle, um dem eisernen Kladderadatsch und rauschenden Tsunami standzuhalten, der da auf einen einstürzt. Als würde da wieder einmal Godzilla ein paar Metropolen kurz und klein trampeln bei einer Rauferei mit Mothra, King Ghidorah oder Kong, und ihr Hauen, Stechen und Fauchen das Meer zum Kochen bringen. Was für ein verstrahltes, zerblitztes Stahlgewitter und ätzendes, zischendes, überschäumendes Säurebad im großen King of the Monsters -Stil. Das absolute Endgegner-Armageddon!!! Nur dass Astro da statt dem schwülstigen Bombast von Bear McCreary die kakophonen Schleußen aufreißt und alle sieben Siegel öffnet. So dass der achte Engel der ganzen Erde sein Rauchfass um die Ohren schlägt, und die sieben dröhnenden Posaunenengel pusten die Brösel derart in die Auferstehung, dass Windstärke 17 daneben wie ein hingehauchtes Küsschen erscheint. Wenn der Krach schließlich abreißt, schlägt die Stille zu wie eine Guillotine. 60

61 Crónica (Porto) Boa-Língua (Crónica 155~2020, Cass) bringt ein Wiederhören mit Diana Combo, die sich dabei, wie schon bei "Cuspo" (2018), SÍRIA nennt. Mit dem Gegenteil von Tratsch, nämlich wieder Versionen von Volksliedern wie 'Canção do Gato', das der Dokufilmer Tiago Pereira bei seinem Projekt "A Música Portuguesa a Gostar Dela Própria" gesammelt hat, seinem Versuch, das gesamte Erbe der mündlichen Überlieferung und des kollektiven Gedächtnisses Portugals zu sammeln, aufzuzeichnen und zu verbreiten. Zu einem kratzigen Loop und pochendem Gong singt Combo mit sich selber den Blues vom verliebten Kater, der im Freiereifer vom Dach fiel. Ebenfalls aus dem Volksvermögen stammt das von Catarina Chitas überlieferte 'Senhora dos Remédios', ähnlich begongt und elektronisch begrillt: Senhora dos Remédios / Tem o remédio na mão / Para curar o meu mal / Que trago no coração. Das melancholisch gesummte 'Nos Montes' erklingt dazwischen im lärmigen Remix Es folgt ein dumpf dröhnender, sanft vokalisierender Remix von Rui P. Andrades '(She Strikes As A) Belgian Shepherd'. 'Yarın' ist ein türkisches Liebeslied, das auf Morgen vertröstet. Denn Heute geh ich noch allein nach Haus, ess abends Fisch, trink ein Glas Wein für mich und das andere für uns und geh alleine schlafen. Mit 'Ay Işığında' stimmt Síria in einer betropften und beklickten Dröhnosphäre ein azerbaijanischen Volkslied ein, wie es Nəәrminəә Məәmməәdova gesungen hat. Nicht das paukend bepochte Summen, Röcheln, Dröhnen und lang gezogene iiii des 'Danse Macabre' ist angereichert mit Samples von Los Niños Muertos, sondern 'For Ghédalia', ihre Verbeugung vor Tazartes, mit einem Bukett von Drones, Zeitlupenbeat und Obertongesang. Und ebenso das quasi sakrale, von spitzem Dröhnfaden durchstoßene, litaneihaft wiederholte Titelstück als ihr zweiter orginaler Song, der den Geschmack der Liebe von Mund zu Mund trägt, wie es seit Jahrhunderten geschieht. Eine Tradition, so elementar wie Wasser und Feuer. -> BRUNO DUPLANT & RUTGER ZUYDERVELT schufen für L'incertitude (Crónica 157~2020, Cass) zusammen das zweifelnde 'Le doute' und das hoffende 'L'espoir'. Der eine ist bekannt als Machinefabriek in Rotterdam. Der andere als rauschebärtiger Sound Enthusiast, Phonographer, autodidaktischer Komponist diskreter Kammermusiken & Labelkurator von Rhizome.s in Nordfrankreich, mit Affinitäten zu Ästhetiken, wie sie bei Another Timbre, Wandelweiser oder elsewhere gesucht und gefunden werden. Als ein librarian teacher von Beruf, der durch Francis Ponges Poesie, Gaston Bachelards Philosophie, Georges Perec oder Antoine Volodine ebenso sensibilisiert ist für das Vage und Mysteriöse von kulturellen Räumen, Nicht-Orten (non-place urban fields) oder Geisterstätten wie durch Cage, Ferraris "Presque rien" oder Rolf Julius. Die Nacht ist eine gute Zeit, um zu lauschen, draußen oder in den Inner Fields der Träume, um als diskreter Zeuge Souveniers einzufangen, zu entführen, zu verwandeln in etwas, das Duplant '(self)-fiction' nennt. Schon mit "Quelques Instants D'incertitude (Pour L'orgue)" (2019) gab er einmal mehr dem Ungewissen Raum - where we no longer know where we are (inside, outside, here, there, elsewhere) und ob etwas naturwüchsig ist oder gemacht. Aus rauschender Meeresbrandung schält sich ein melancholisches Piano (vor dem inneren Auge wird ein Nashorn vorbeigerudert), surrende Elektronik pulst und dröhnt zu schillerndem Orgelsound und metalloidem Schimmer. Die Stimmung ist gedämpft und diffus, Vögel zwitschern, weit entfernt von jeder Melodramatik. Das Piano kehrt wieder mit wenigen Noten, zu einem sonoren Brummen und verhuschten elektronischen Flöten, umrauscht von Meer und Wind oder Nicht-Wind und der eisernen Anmutung von einem Wrack vielleicht, einem quengelnden Kind (?), fernen Detonationen, einem surrend fluktuierenden V-Effekt. Dann - B-Seite - ein Plätschern, leise bedröhnt. Schritte, ein Kind singt, wie für sich, jetzt ganz nahe, von Impulsen gestört, ebenso die Frauenstimme und etwas Musik - aus dem Radio? Glissandos kurven und kurven abwärts, einer spricht englisch zu schlappem Beat. Diskante Orgeltöne lösen eine lange Dröhnwelle aus, dazu zittert eine verzerrte Stimme (?). Das Dröhnen schwillt sausend und wässrig surrend an, steinig beklickt... Große Hoffnungen macht das nicht gerade. 61

62 E-klageto - Psych.KG (Euskirchen) In IKURO TAKAHASHI hat man einen der zu wenig besungenen Helden des japanischen PsychRock vor sich. In Hokkaido geboren, mittlerweile in Sapporo zuhause, finden sich schon Mitte der 70er seine ersten Spuren als Drummer, der so gut wie mit allen gespielt hat: Mit High-Rise bei deren Meilenstein "Psychedelic Speed Freaks" (1984), mit Kousokuya, Maher Shalal Hash Baz und Ché-SHIZU, mit Keiji Haino in Fushitsusha und Aihiyo, mit Overhang Party, mit Shinsuke Michishita in LSD March und im Kasumi Trio, mit Green- AppleQuickStep, Chi To Shizuku oder, cinephil und - The Magus &...Don Rigoberto deuten es an -, belesen, mit Suzuki Junzo. Dazu immer wieder auch solo, mit Drums & Cymbals, oder auch mit Electronics. Psych.KG zeigte seine elektronische Seite mit "Sabi No Kugi" (2012). Und nun mit We Were There (Exklageto 23 / Klageto 1, in 7" PVC-Hülle) seine psychedelische, live in Gent, mit MICHEL HENRITZI an Lapsteelgitarre. Der ist als PsychRock- Noiser mit Dustbreeders oder fataler Blueser mit Howlin' Ghost Proletarians und O'Death Jug ebenfalls ein alter, letztes Jahr 60 gewordener Hase. Mit Ohren, die zwischen dem 'Blues for Samuel Beckett' und "Dark Carnival" offen blieben für zugleich Townes Van Zandt & Taku Sugimoto. Und mit der Sophistication für Sprüche wie "Keith Rowe Serves Imperialism". Vor allem aber ist er ein Inbegriff französischer Japanophilie. Als Macher von A Bruit Secret sogar mit einem Faible für Tokyos Onkyo-Reduktionismus, aber in Têteà-têtes mit der Noise-Furie Junko und/oder Fukuoka Rinji (von Overhang Party und The Mickey Guitar Band) bis über beide Ohren trüffelnd in Sex, Noise & Rock'n'Roll made in Japan. Hier hört man die beiden Altmeister 48 Min. am Stück. Mit ethnorituellem Geklingel wie von regenüberschauerten Becken, dazu Schlägen auf die Saiten, die Henritzi dann auch eindringlich tremolieren lässt. Für ein schillerndes Heulen, das Takahashi mit Basstrommelkicks und Beckencrashes berumpelt. Während Henritzi bohrt, fräst und flimmert als Seelenbruder von gitarristischen Japsych-Heroen wie Munehiro Narita, Jutok Kaneko, Haino, Fukuoka, Michishita, Junzo, Makoto Kawabata, Ken Matsutani, trommelt Takahashi in bockiger Art-Brut-Manier, in alle Richtungen auskeilend, Felle gerbend, ostinat auf Blech dreschend. Die Gitarre wabert und wimmert, er aber setzt dazu bewusst linkische Hiebe, und zu infernalischen Blitzen und verhallenden Kaskaden beginnt er auch wieder zu crashen und als unaufhaltsamer Steinschlag zu poltern. Bis zu wieder rauschend und flimmernd bewegter Statik, die er klingelnd überschauert, wobei Henritzi sein Klangbeben mit Hendrix' scher Verve jaulen und schwanken lässt. Hin zu fahnenverbrennendem Furor und lang gezogenen Protuberanzen in wabernden Wellen, mit peitschenden Detonationen und brachialen Schraffuren. Und zuletzt psychedelisch gerifften Wallungen, die in einem feinen Diminuendo ausklingen. Ist dieser Lapsteeltrip nicht zum Daumen nuckeln, selig hingebreitet auf Mama Godzillas Schoß? Drum sei es als Freakmilch in die Ohren der treuen Alchemysten geträufelt. 62

63 Gruenrekorder (Hanau/Frankfurt/M.) Der venezianische Soundscaper ENRICO CONIGLIO hätte mir auf Crónica, Dronarivm, Psychonavigation, Silentes oder Touch begegnen können, bei Aqua Dorsa (w/oophoi), Herion (w/emanuele Errante & Elisa Marzorati) oder Lemures (w/giovanni Lami) oder als My Home, Sinking. Aber es geschah erst mit Open To The Sea (w/matteo Uggeri) auf Midira. Teredo Navalis (Gruen 188) ist anders als seine Topographien "Areavirus" und "Salicornie" keine dröhnmelancholische Kammermusik auf den Spuren von Ravel und Tarkowski, sondern vor Ort in den Lagunen von Venedig erlauscht. Auf den Sandbänken von Murano, Burano und Sant'Erasmo, in Nächten, still genug, um den Gesang der Fische zu hören. In den Fanggründen der letzten Krabbenfischer, da wo schrille Möven und Seeschwalben ihre Fastfoodschnäppchen machen, umkreuzt von Motorbooten, deren Surren und Wummern Coniglio noch verstärkt. Die ganze Lagune ist gefährtet durch den üblichen Nach-uns-die-Sintflut-Geist, der Lebensraum aus den Fugen zwischen Verlandung, Erosion, ausgebaggerten Fahrrinnen, Fäkalien, Industrieabfällen, der Venusmuschelmafia. Conoglio horcht da mit Kontakt- und Hydrophonen an Herz und Nieren und fühlt den dumpfen Puls der motorölversifften Lebensadern. Namensgeber ist mit dem Schiffsbohrwurm eine Muschelart, die jedes Holz zerbohrt. 'Fraìma' meint den venezianischen Herbst, die Hauptzeit fürs Reusenfischen, 'Zenzìva' sowas wie Gaumen oder Zahnfleisch. Hier nagt Wasser an Stein und das Nichtmehrsein an der Gegenwart. MICHAEL LIGHTBORNE kam schon mal ins Bild mit "Sounds of the Projection Box" (Gruen 177). Für Ring Road Ring (Gruen 195, LP) hat er nun den Stadtring von Coventry belauscht, eine Ausgeburt des brutalistischen Zeitgeists und Kopfgeburt zukunftsorientierter Stadtarchitekten, denen die Zerstörungen durch die Luftwaffe die Gelegenheit bot, sie zwischen den späten 1950ern und 1974 zu realisieren. Heute gilt dieser vierspurige Umgehungskreisel, der den Stadtkern eigentlich schützen wollte, als doch nur fahrtüchtigter Spaltpilz und Würgegriff, der das innerstädtische Leben beschränkt. Lightborne fing nun den Gesang dieser Asphalt- und Betonpython ein und war überrascht, dabei ein melancholisches Lamento zu vernehmen. Konsonant mit Überlegungen, die die performative Essayistin und Klangkünstlerin Salomé Voegelin als Sirene eines It-aint-necessarily-so in "Listening to Noise and Silence", "Sonic Possible Worlds" & "The Political Possibility of Sound" entfaltet hat, hört er darin den unerhörten Klang des Möglichen und jenseits von just bad or good eine naive Unschuld. Und ummantelt dabei die nur allzu manifest betonierte Monströsität mitsamt ihrem uneingelösten Versprechen mir etwas zu sublim mit psychoanalytischem und elektromagnetischem Flitter. Wenn das Mögliche, das in allen Dingen schlummert, sich jeweils in der Begegnung (our encounter) mit ihnen entzündet und offenbart, dann ist jedes Phänomen nur vorläufig und unvollständig, doch mit entsprechend kritischem, spekulativ-stereoskopischem und kreativem Blick schon auch der Torso und Vorschein eines Besseren? Oder, wie hier, dessen Anklang, in der - mit Voegelin gesagt - ephemeral invisibility, mobile intensity und inexhaustibility des Tönens - selbst einer Stadtautobahn. Als Härtetest (oder leichte Übung?) für ein Bewusstsein, das die Dinge des Lebens im Status quo als fragmentarisch, essayistisch und kontingent ansieht und jenseits eines Entweder- Oder/Pro-Anti als transformativ. Mit der Vision, dass sich die Coventry Ring Road einmal von einem Monster in einen Ringpark verwandeln könnte. Bis dahin kann man es halten wie die Dichterin Leanne Bridgewater ( ), die Coventry mit dem Fahrrad umkreist hat: I enjoy standing underneath the ring road, listening to the cars... This is Coventry s version of listening to the sea. Ich höre da eher einen mit eisernem Griffel bespielten brobdingnagschen Turntable, eine klackende und dongende Klangskulptur, dröhnende, dumpf hallende Vibrationen, rhythmisch bemühte, monoton mahlende (Locked)-Grooves. Der Klang von Autoverkehr ist, schwer zu glauben, nicht vorhanden oder von Lighborne zu einem sausenden oder surrenden Rauschen mit metalloiden Spitzen oder granularer Körnung verdichtet = poetisiert und metaphorisiert als 'Moebius Loop' und 'Gordian Knot'. 63

64 Next City Sounds: Interfaces (Gruen 192) präsentiert die in der 20. Karlsruher Museumsnacht am stattgefundene Vernetzung einer klanglandschaftlichen Live-Collage von (1) Lasse-Marc Riek (von Gruenrekorder) im Projektraum ßpace mit Live-Electronica des (2) Duos Lintu + Røyk (aus Tallinn) aus dem Oddspace Halo ARS, einer partizipativen Sprechperformance der (3) Gruppe KITeratur in der Fußgängerzone der Kaiserstraße und einer improvisierten Klangperformance (4) des 5-köpfigen No Input Ensembles (von der HSfM Karlsruhe) im Subraum des ZKM. Aus diesen vier Quellen gestalteten raumübergreifend im ZKM sechs dort verankerte, tonmeisterlich versierte Hertz-Laboranten (darunter Sebastian Schott und Dan "Robotcowboy" Wilcox) eine Audiosphäre, die die naturalistisch-ambienten (1), synthetisierten (2), stimmlich-kindsköpfischen (3) und feedback-geräuschhaften (4) Zuflüsse klangchoreographisch kaleidoskopierte. Was da mit kaskadierenden Baby- und Vogelstimmen, hingeworfenen Wörtern, heulenden Wellen, hingeknufften Beats und ätherischen Klängen anhebt, ist keine Compilation, sondern eine schizoide Klang-Raum-Collage, die Karlsruhe als ein surreales, dschungelig tönendes Biotop zeigt. Von einem Spielen-wie-Trantüte-leer kann keine Rede sein, plärrende Windelfüller zählen nicht als Kritiker von Klangschwaden, Taugenichtsen, Jesuslatschen, Dünnschiss, Kokolores oder Loops, und wenn sie noch so eiern oder die Kurve kratzen. Auf un sounding the self - a portrait (Gruen 196, DVD + Booklet) dokufilmisch verschränkt (Regie: Christoph Collenberg) sind die Geister von H. D. Thoreau und John Cage mit der Präsenz von Christopher Shultis, einem durch "Silencing the Sounded Self" und "64 Statements re and not re Child of Tree" ausgewiesenen Cageianer, der mit "Lost in the Woods" auch eine Thoreau-Oper komponiert hat, und von Craig Shepard als einem Fußgänger auf Wandelweiser-Pfaden, wiedergetauft im Spirit von Antoine Beuger und Manfred Werder. Und zwar 2017 im tschechischen Olomouc (Olmütz) bei Bernd Herzogenraths Intensivkurs 'Theory into Practice' mit Studenten der dortigen Universität, wobei Shultis im dunklen Licht von Thoreaus 200. Geburtstag seinen 60. feiern konnte. Herzogenrath, ein Amerikanist an der Uni. Frankfurt, der in Olmütz das Geburtshaus von Edgar G. Ulmer entdeckt hat, dem King of the B's und kein Geringer in seinem ABC neben Paul Auster, Tod Browning, Cronenberg und Deleuze, ist übrigens mit 'in human rhythms' auch vertreten in -> "Ultrablack of Music" und spricht da von der tyranny of meter, die es zu brechen gilt. Doch hier geht es darum, das Ego zuhause zu lassen, sich ins Offene zu bewegen und still zu lauschen. No time with silence is wasted time, schreibt David Rothenberg als Introduktion zu reflektiven Statements der Beteiligten, die zu Collenbergs Lichtspiel mit Klang und Stille hinführen. Um darin zu driften, zu Shultis' Performances von Cages 'Child of Tree' (for 'amplified plant materials & cactus (!)', entworfen Shepards Geburtsjahr) und seiner schamanisch gerasselten Resonanz darauf, und zu Shepards 'Dornach, den 2. August 2005' für Trompete, Cello, Stille und Glocken. Durch Antworten, zu denen die beiden Komponisten durch Stichwörter angeregt wurden, entsteht dabei ein Doppelporträt. Und man begleitet das Team bei einem Silent Walk mit Shepard, einem stummen 'Soundwalk', wie Hildegard Westerkamp es nannte. Mit Vor-Läufern wie dem situationistischen Dérive, dem Dichter Wallace Stevens, dem Land-Art-Künstler Richard Long. Geleitet von Cages 4:33, als wäre das, wie Deep Thoughts 42, der durch Deep Listening erfahrene Schlüssel zum Leben, das Universum und den ganzen Rest. Dahin, where the one becomes the many, where mourning can be morning, wie Shultis raunt, wo the sun is but a morning star - Thoreaus letztes Wort in "Walden". Herzogenrath fragt, was das 'Wetter von Musik' ist und zeigt Charles Ives als Sackgasse zwischen Thoreau und Cage. Indem er den Paradigmenwechsel aufzeigt von Ives' emersonianisch-idealistisch-dualistischer Repräsentation von Natur zu ihrer avancierteren Reproduktion. Erst Cage hätte Thoreaus erlaufene und erlauschte und daher sinnliche, materialistische und ganzheitliche Welterfahrung ganz begriffen. Statt die Natur von außen wahrzunehmen und als Metapher der Welt zu interpretieren, soll bewusst werden, dass wir, in human, in der Welt sind, Teil von ihrem Fleisch, ihrem Geist, ihren Rhythmen. Damit lösen random processes die Illusion subjektiver Kontrolle ab und aus gemessenem Pulsieren wird das Floating einer meteorologischen, topographischen Musik von und für 'weise Wanderer'... Ich liebe dummerweise Ives. 64

65 Non Toxique Lost : Hic Rhodos - Hic Salta (Berlin) Wenn es sonst keiner tut, dann erinnere eben ich an Sea Wanton, als zuverlässigen Fellow Traveller, unermüdlichen Mahner, Trauerarbeiter, Bußprediger, Frühlingsboten... Deutschland trauert nur um sich, er trauert um andere und anderes. In Buchenwald wächst das Kraut des Vergessens, er vergisst nicht. Mögen andere Party feiern, bei ihm folgt dem Spaß der Aschermittwoch und winkt mit dem Aschekreuz. Er erinnert an Amon Göth, den Kommandanten von Płaszów, an "Das siebte Kreuz" von Anna Seghers, daran, dass man doch viel mehr sei / als der Dreck dieser Erde / in die man fällt zum Schluss. Wohin geht die Reise, was wurde aus unseren Träumen? Er murmelt Merseburger Zaubersprüche und singt ein 'neues Deutschland Lied', mit viel Rot. Auch in Palästina sind die Rosen rot, die man in Gräber streut und dabei Hass sät, der für weitere tausend Jahre reicht. Das Geschäft mit dem Hass, das Geschäft mit den Waffen. 'Pourquoi les canons'? Naive Frage. Dass wenigstens Maggie tot ist, die eiserne Hex', ist kein Trost. Denn ihr Geist hat den Boden unter den Füßen weggezogen, hat die andern zur Hölle gemacht, zu Konkurrenten, zu Opfern. Nun ist keiner mehr da, der uns auffängt. Aber das Traumschiff fährt weiter und keiner will wissen wohin ("parbleu! 1 + 2") ist mit T.poem ein alter Weggefährte gestorben. Zu viel erträumt / kann nicht mal trauern / I had too much to dream last night... too much to dream. Zu viel von nichts. "hyst" ist mit technoid rhythmisiertem Brainstorming seinem Andenken gewidmet und den powerelektronischen Spuren, die er hinterlassen hat. Ich vergesse nichts. Schon gar nicht das hysterische Gebrüll der Hexenjagden mit vollgepissten Jogginghosen und kackbraunen Giftzwergparolen. Sea Wantons NEIN dazu ist ein JA zu Liebesliedern - 'Das Gewissen dieser Welt ist die Liebe'. "n" -> means 'no' and there are many words, which start with this letter... Oder die damit enden, wie "Im Westen nichts Neues", wie Wilfred Owen. Wanton stirbt mit ihm, verflucht süß und ehrenhaft, in Schlamm und Gas. Gas! GAS! Quick, boys! Doch das Senfgas lässt sie Gesichter schneiden, wie Teufel, denen vor sich selber kotzübel ist. Das Ganze ein gewaltiges 'Pot pourri' mit stolperndem Kopf, stolperndem Herzen, durch Grauzonen und Schützengräben, mit Owens Stimme als Text to Speech. Gebettet auf Jammin' Units Restgeraeusch-Sounds für Mille Plateaux. Mit 'Ultrablack of Music: Feindliche Übernahme' als Kopfkissen, Achim Szepanskis & Andrzej Steinbachs Kampfschrift gegen die Politik der Frequenz, der Vermessung und digitalen Standardisierung. Kirre Köpfe sträuben sich gegen vorprogrammierte Komplexität als Köder, gegen die Diktatur der Uhr: Tic - toc - fuck the clock. 65

66 Wanton unterschreibt das, verlässt sich in seiner eigenen, durch die Drummachine als 'Sprengmaschine' oder mit Gitarrennoise forcierten 'Rhythmusmacht' aber nicht auf A- Signifikanz, sondern verbindet die dissymmetrisch-monotone Repetition, die seine spiraligen Soundschweife und transversalen Beatpattern stimuliert, mit der emphatischen Eindringlichkeit seines heiseren Sprech- & Schreigesangs. Oder sieht er sich dabei selbst als Automaten und Maschinisten in der Emphase einer (Kleistschen) Puppe, schreiend und tanzend in einem Beat-Regen spastischer Pulse der n-ten Dimension? Zuletzt steht Wanton mit Gary Gilmore vor dem Erschießungskommando: Let's do it. Macht Göttinnen zu Turnschuhen. Just do it. Detournement. Diktatur der Kunst, Non Toxique Lost gegen das Lommel/Steinkopf'sche Lost. "S.o.t.a." (Klanggalerie, gg323) ist NTL pur, Wanton & Jammin' Unit in einer Studioversion ihres Sets beim 'KLANG25' Festival 2018 in Wien. Mit 'Dulce et Decorum est' nach Owens in einer komprimierten Version - Obscene as cancer bitter as the cud of vile, incurable sores on innocent tongues. My friend, you would not tell with such high zest to children ardent for some desperate glory the old lie: it is sweet and right to die... Mit den emphatischen Frühlingsgefühlen und den wirbelnden Breakbeats von 'i.n.t.a.s.b.t.l.a.s.s.', dem unverwüstlichen 'Schwarze Mamba' - schwarzes Fieber / ahhhhhh / neue Wege? / ahhhhhhh. Ob mit dem vehement verkündeten Enden der Träume aus dem Dunkeln in 'Untergang', ob über das Krraut des Verrgessens in 'Buchenwald', mit Rammstein-R sagt, singt, schreit Wanton die Antwort und die Wahrheit auf alle Frragen, und der Beat hämmert, pocht, tackert und stampft sie in die grauen Zellen. Doch - 'Ich bin nicht Sysiphos': ich rolle keine Steine, ich bin der Stein. Und unbedingt: Jetzt ist an der Zeit für einen neuen - Frühling! Tanzt, ihr Affen, mit Affenzahn zum Jammin'-Groove. Bei "Monos en libertad" ["Affen auf freiem Fuß"] hat Sea Wanton 'keine Zeit für Jesus' / keine Zeit für Nichts. Die Spur verliert sich am griechischen Strand ('Valti'). Um wieder aufzutauchen als Hobo, mit Ausweichmanövern vor Prügeln und scharfen Hunden ('good place to catch a train'). Er gehört zu den Namen- und den Obdachlosen ('so viele sind ohne Namen'). Andere können alles nehmen oder liegenlassen, glauben oder vergessen oder verschenken ('und alles'). Freilich nie widerspruchsfrei - so manchen, der entspannt einen 'humanen Krieg' verfolgte, den trifft der Schlag ins steinerne Herz ('bewegungslos'). Denn unterhalb der vorwärts strebenden Klangebene und der Hobo_sapiens-Schicht gibt es die Alpha-Männchen und die Narren, die ihnen, keineswegs nur Milgram zuliebe, zu Willen sind. Und mittendrin, zweistimmig, Erik Mälzners bescheidener 'Wunschzettel' im Falle des Ablebens:...bitte keine Orgelmusik / bitte keine hohlen Gebete / bitte kein schräger Gesang / bitte kein Öffnen des Himmels / bitte kein Glöckchen / nur Erde auf die Reste. Stimmt natürlich - The whole thing recks of pretension... Und All in all it's very German stimmt auch. Doch genau das soll bitte gern so bleiben. 66

67 Unsigned (Budapest) Neue Post von Rovar17=Kálmán Pongrácz, nicht aus Orbanistant, aus Europa! Und dennoch so ungarisch wie etwas nur sein kann, an dem ein Attila VlaD mitmischt. RibaStuka (US065, CDr) bringt, von VlaD konzipiert, einen Soundtrack von den Royal Hungarian Noisemakers als Ganzes oder in seinen Teilen MaN, Rovar17 und VlaD, von László Kiss als Xpidnglke oder L*mbik, sowie von Fixateur Externe, dem Verbund von Rovar17 mit dem Dichter, Fotografen & Performer Zopán Nagy. Als roter Faden hält er - ich denke, dass er es ist - als Xabi N mit seinen Worten und meist auch seiner Stimme die 49 ½ Minuten zusammen, als ein Hörspiel in 10 Szenen, als Cinema pour l'oreille. Eine magyarische Stimme knarrt da jedenfalls Monologe wie die Protagonisten von Béla Tarr, eingebettet in Nebelhornstöße und Gedröhn, Schritte, das Hecheln eines Hundes, elektronische Kolorierungen und Wellenformen. Die Stimme changiert in ihrem knarrigen Selbstgespräch bei 'Fehér Öltony', 'George' und der Litanei 'Krisztián' ins Dämonische oder Blecherne, wird bei '3 Kívánság' dann noch theatralischer, aufgemischt mit klopfenden Beats und bocksfüßigem Tritt. Die Sounds von A Flock of Seagulls in Denmark bei 'Frances Part2' muss man wörtlich nehmen, als Geschrei von Möven zu düster-dramatischem Noise von VlaD. Xabi N performt seine Texte so gekonnt, als wären das Filmausschnitte, und der Dialog mit einem Jungen, das Gelächter, das Stimmengewirr sind es wohl auch. 'Eldobható Eldorádó' bringt zu Tarr'schem Regen sublim verwehten Chorgesang mit dröhnenden und surrenden Ausläufern. 'Mézes Alezredes' [Colonel Honey] führt mit Geflüster einer Frauenstimme und dem Kriminalermittler Andor Fóti in die Vergangenheit, das surrende 'Gerry' dreht einen schwindlig. Bei 'Utórengés' kaskadiert ein Tenorsaxofon zur knarrenden oder blechernen Stimme (die in der videografischen Version mit Dornenkrone und Kreuzigung pathetisiert ist). Die Szene wird, mit tiefenerinnerten Fetzen einer Musikapelle, surreal, bevor 'Rámköhögi' mit von feinem Noise besprühtem und mit Pianogespinsten von Terry Riley umsponnenem Gelächter sarkastisch den Schlusspunkt setzt. Dieser literarischen Ausrichtung, die trotz ihrer für Unsereins sprachlichen Unverständlichkeit beeindruckt, stellen die ROYAL HUNGARIAN NOISEMAKERS Le Roi Est Mort (US 069) an die Seite. Als postindustriale Art Brut mit einer Spannweite von tüpfeliger oder schleppender Monotonie mit oder ohne metalloidem Klingklang bis hin zu surrend pulsender und in sich rotierender Unruhe. Mit 'Die Katze' und 'Der Hund' auf Deutsch, mit der verhackstückten und giftig umrauschten Stimme von János Kádár, dem Namensgeber der kommunistischen Ära Kádár von 1957 bis 1989, bei 'Csermanek'. 'Calamity Jane' steckt mit eintönig gedrehtem Nanana Nanana in krachigen Kalamitäten. Bei 'Pnygyhouse' und 'From Panyiga' ist der Lyriker Sándor Weöres ( ), ich weiß nicht wie, mit im Spiel. In seinen Gedichten geistern, so sagt man, Nicht-Personen und Ur-Personen, hier streift er selber so durchs Bild. Auf den Hund kommen, heißt danach von ominöser Soundbrühe beleckt zu werden, zu dunkel verhuschten Stimmfetzen von wieder Zopán Nagy [nɒɟ]. Rudernd im Trüben, eingetaucht in suppige Pfützen des Unterbewussten, mit knurrigem und rau kaskadierendem Crescendo und dabei mitgeschwemmtem exaltiertem Geschrei. Bei 'Ráááz' hebt Nagy dann von vorneweg dadaistisch exaltiert an, krähend und schreiend mit lautgedichtlichem Maulwerk zu scratchendem und mulmigem Noise. Die Krachmacher werden da ganz ihrer erwählten Profession gerecht. Wie die Poesie von Weöres [vørøʃ] changiert diese Art Brut zwischen Kunst- und Barbarensprache, als Kunst, die das Barbarische aufschlürft wie eine Bad Bank faule Kredite. Foto Zopán Nagy 67

68 Zarek - Ignaz Schick (Berlin) Zarek - da klingeln, da perlonexen mir die Ohren, wobei da neben Perlonex noch andere schöne Sachen erschienen sind, etwa von Margareth Kammerer. Und natürlich vom Ober- Zangi selber - Ignaz Schicks Decollage 3 und Electroacoustic Sextet. So verging die Zeit, 20 geschlagene Jahre im freien Fall, und geben Grund zum Feiern und den Anstoß zu Rückgriffen ins Schicksche Archiv. Das fördert die ethnologisch-schamanisch visualisierte CDR/FLAC-Reihe ZORA zutage, mit Performances von IGNAZ SCHICK allein oder zu zwein. Schick ist unter den Köchen & Teufeln der Berliner Echtzeit einer, der sie mit eigenem Senf und besonderem Dreh bereichert hat, doch mit Limpe Fuchs in Bunte Truppe auch in eine ganz andere, freakische Suppe spuckt. Denn nachdem er in jungen Jahren Altosax geblasen hat, gestaltet(e) er den speziellen Sound von Perlonex, in jüngerer Zeit von Sestetto Internazionale und alles auf ZORA mit Turntables & Electronics. Rotary Perceptions (ZORA01) zeigt ihn, wie er bei seinen turntablistischen Drehungen und tachistischen Wendungen 2011 im Vivaldisaal Berlin auch noch Looper, Motörchen, Krimskrams, Musical Bow und Gongs einsetzt. Aber keine Schallplatten! Er bespielt direkt die rotierende Drehscheibe, mit Plastikgabel, Polystyrol, Blechen, dürren Blättern etc. Für krachige Drehmomente, rhythmisch akzentuierte, dumpf schlurchende. Rieselnde Sounds changieren mit sprühenden, klickende mit jauligen oder stapfenden. Rumpelige Scratches kollidieren mit kratzigem Rumpeln, impulsivem Gefurzel, garstigem Zischen, stöhnendem Schleifen, wupprigem Beben, körnigem Prasseln. Dedicated to Charles Mingus? Sollen denn selbst die Toten rotieren? Bei Lost Between Two Airports (ZORA02) begegnet Schick 2009 mit TOSHIMARU NAKA- MURA dem so kryptischen wie maßgebenden Vertreter von Tokyos Onkyo-Ästhetik. Wie oft hat der mir mit seinem No-Input Mixing Board die Ohren verzwergt oder zu Satellitenschüsseln geweitet. Und auch im Genfer Cave12 weiß ich nach dem ersten Noiseschub nicht mehr, ob die Nadelstiche das Trommelfell perforieren oder in ominöse Luftlöcher stoßen, um einen mit zirpenden und spitz quietschenden Impulsen zu piesacken und zu scheuchen. Es ist bloß gepresste Luft? Die einen da mit Skorpionen geißeln, wollen bloß spielen? Lecke Ventile bepusten das Trommelfell, Mineralwasserbläschen beprickeln es, koboldige Schlittschuhläufer ziehen ihre Figuren darauf. Zischende Speedlines enden in wupprig gefurchten Bremsspuren, verzerrte Stimmen wechseln mit furzenden Wooshes und schrillendem, brodelndem Tumult, mit Teekesselpfiffen, Tinnitustests, Schweigeterror. Schicks Kakodämonen lieben Nadelspitzen als Dancefloor. TASOS STAMOU hat mit Ilan Manouach, Adam Bohman und dem unerschrockenen Alan Wilkinson gespielt, neben Alleingängen wie "Caveman" (2018, Moving Furniture) oder dem urigen Kreta-Trip "Musique con Crète" (2019, Discrepant). White Dog White Magic (ZORA 03) geht 10 Jahre zurück, nach Athen und Berlin, zum Zusammenklang von Stamous Zither, Krimskrams, Loops & Voice mit Schicks turntablistischen Loopings. Als meditatives Setting aus euphonem Dröhnen, drahtig getickten Lauten, Sitarwellen, Bogenstrichen, Gewummer, fein angeschlagenem Kling- und Gongklang, ritueller Vokalisation. Zweimal rühren die beiden in sich kreisend, zirpend, scharrend, in Ursuppe, ganz orphisch und sublim, aber mit einer Endlosrille und stöhnenden Bogenstrichen als finalem V-Effekt. 68

69 Der Dreamscape The Blind Eye Tales (ZORA04) entstand 2014 im Alten Finanzamt Neukölln aus Schicks Turn Turn Turn und Sounds und Samples, die PEDRO ANDRÉ, ein Klangkunstaktivist im Spagat zwischen Berlin und Porto, per Laptop um die Finger wickelt. Für einen pulsenden Flow und geräuschhafte, ab und an aufrauschende Reibung mit körnigen Einschlüssen, die ihre Vinylbasis verraten, manchmal sogar eine musikalische Quelle. Als vage Anmutung in schleifender Monotonie, die für Art Brut zu sophisticated daherkommt, aber jederzeit als Arte Povera durchginge. Als würde eine Roulettekugel kreisen, ohne jemals in einer Nummer zu landen. Metalloides Sirren oder Klingeln kreuzt angeraute Wellen, knacksende Spuren gehen unter in Gewummer und schäbigen Loops. 'Jungle' ist dafür ein großes Wort, 'Hallucination' trifft schon eher, was da rasselig und monoton ploppend oder 'atmend' die mit allerhand kuriosen Impulsen bespaßten Sinne umspinnt. Schicks Miteinander mit Marcel Türkowsky, der sich mit Das Zuckende Vakuum, F.S. Blumm und Kinn profiliert hatte und parallel mit Cones und Uuhuu agierte, war so intensiv, dass sie sich SNAKE FIGURES ARKESTRA nannten. In letzter Zeit fällt der Name des Ostberliners meist mit dem von Elise Florenty. Damals jedoch wühlte er mit Walkman, Objects & Looper zusammen mit Schicks Klangspiralen in der Natterngrube der Eight Pieces For Turntables & Tape (ZORA05). Als zwei in der Kunst des Asklepios Bewanderte heilen sie taube Ohren mit Otterngift und pulverisiertem Spatzenhirn, sie spritzen Gorgonenblut, um aus Zombies wieder Menschen zu machen. Mit dröhnendem, knurschendem, sausendem, sogar orchestralem Vinyl-Geringel, mit rauschenden, berstenden, würgenden Tape-Schlingen, zischelnden Spaltklängen, obskuren Machenschaften einer hermetischen Wissenschaft, die aus Unendlichkeitsschlaufen Belebendes destilliert. Scratches und Schleifspuren interagieren mit ostinaten Injektionen von Noise. Spucke spielt ebenso eine heilsame Rolle wie gewürfelte Knöchelchen, Vogelgezwitscher, Geklapper und Geduld, viel Geduld. Radio Control (ZORA06) vereinte 2011 in den Nur/Nicht/Nur-Studios in Kleve mit Schick und CLAUS VAN BEBBER zwei vinylistische Genossen von Christian Marclay, Martin Tétreault, Otomo Yoshihide, Philip Jeck, erikm, Dieb13. Van Bebber hat nicht immer dazugehört, als Halbes Hähnchen Im Park spielte er anfangs noch Drums, bevor er, angeregt durch Milan Knizak, mit Paul Hubweber Vinyl + Blech verdrehte und in HüBeBlo Hübsch & Blonk verbebberte. Mit Schick ist er sich einig im abstrakt-bruitistischen Niveau ihrer Scheibenwelt, auf der auch Töne nur flach ausfallen können und selbst die Himmelsleiter sich nur horizontal um ein Schwarzes Loch krümmen kann. Da schleicht sich ins beknisterte Dröhn- und Mahlwerk eine leichte Melancholie, ein sich hinziehender Celloton, eine wie mit rostigem Nagel gezogene Furche. Oder in launig knarrende und kurios surrende Blasenkammerspuren etwas Stripsodistisches, wenn wummriges Grummeln wooshend bezwitschert, eisern beharkt, basstief bemurrt, spitz überzirpt wird. Geräuschpartikel karambolieren als klopfende Tropfen, zuckende Kratzer, in stottrigen Ketten, mit plötzlich musikalischem Ohrenzupfer. Gedreht und gewellt sausen Vinylgeister, metalloid, intonarumorisch, in sirrenden Spritzern, in markierten Loops und sogar mit etwas Getrommel und Georgel. PS: Den Perkussionisten Chris Cogburn und den Kontrabassisten Juan Garcia vereinte schon mal Jandek 2006 in Austin. Und dann wieder Ignaz Schick 2016 in Mexico City, zu hören als Anáhuac (MF186/AS082), bei Astral Spirits in - Austin. Kein Zufall, denn Cogburn organisiert dort seit 2003 das Festival No Idea. Und an Garcia blieb er in Fear of the Object ebenso hängen wie die beiden mit Schick als ANÁHUAC. Für bruitistische Improvisation, mit Garcias Plonking und Bowing als sonorem Kontrast zu Schicks schlurchenden, knackenden, surrenden Loops und Cogburns perkussiver Gestik metallener Klänge. Kirrende und miauende Schreie oder eine läutende Glocke lassen einen suchend aufblicken, spieluhrartige Drehungen und amorphes Rumoren richten den Blick aber wieder nach Innen, auf ikonoklastische Mantras an grauer Zellenwand, auf das Knistern im eigenen Gebälk. Vinyl knackt, Blech bebt, Möven schreien, Kessel pauken, Bogenstriche daxophonen, zu Tamtam und tappender Percussion, zu feierlichem Gesang. Drehungen und Tönungen werden interpunktiert von perkussiver Aktion und brummiger Repetition, eine Turmuhr schlägt, der Bogen fiebert, eine Blaskapelle spielt, eine Diva singt - wo das Überich schläft, beginnt die Phantasie zu streunen. 69

70 ... sounds and scapes i n d i f f e r e n t s h a p e s... BESTATTUNGSINSTITUT Glandular Formations (Verlag System, VS020, LP): Siegmar Fricke hätte sich wohl nicht von den Wilhelmshavener Anfängen als postindustrialer Kassettenteenager Anfang der 80er bis heute einer eigentümlichen Spielart jener Youdon't-have-to-call-it-Music gewidmet, wenn er nicht von deren individualpsychologischen Notwendigkeit und einer untergründigen therapeutischen Bedeutsamkeit für das kollektive Bewusstsein überzeugt wäre. Dafür spricht zumindest sein Nom de plume Pharmakustik. Dass er damit nicht allein steht, zeigen seine Verbindungen mit Giancarlo Toniutti, Mathias Grassow und insbesondere Maurizio Bianchi und die jahrzehntelangen mit Miguel A. Ruiz (in Ambulatorio Segreto und als Efficient Refineries) oder Dieter Mauson (als Delta-Sleep- Inducing Peptide). Diese LP ist ein Rückblick auf seinen Kassetten-Dekalog als Bestattungsinstitut Wühlarbeiten im exquisiten Greyroom künftiger Kadaver, halluzinogene Vivisektionen und Schädelspaltereien, compiliert und prächtig restauriert mit eigenhändiger Collagenkunst. Mit nochmal der Hommage an Andreas Vesal ( ), den Begründer der neuzeitlichen Anatomie. Mit klinischer Kälte und 'Schnee für die Adern' hält Fricke Distanz zu vitalistischeren Formen des (Post)-Industrial. Dennoch senden schleifende Loops rhythmisch klopfende Lebenszeichen aus dunklem Gewölk. Metalloid sausende und pfeifende Spuren schneiden durch mulmiges Raunen. Ein Dämon im Ohr, oder 'ne innere Stimme in Zeitlupe? Befreiung durch Hören im Zwischenzustand, tümpelnd im Tschönyi-Bardo? Zu Einzelheiten fragen sie Philip K. Dick oder Antoine Volodine. Trotz Daueralarm kriegt der Totenführer sein Werkzeug nicht sortiert, Folge: Ein Betriebsunfall mit dem Fleischwolf. Ein Akkordeon endlosrillt in kleinen Wellen, eine Stimme drehspießt beim Egyptian Rhythm Barbecue. Der Puls gabbert, Balsamierflüssigkeit gluckert, komisch genug, um Gelächter auszulösen. Fricke hat einen Ruf als ironischer Thanatopraktiker und Robomatiker, sein hippokratischer Eid schließt phobokratischen Mummelputz aus. Aus noch so vagen Klopf- & Lebenszeichen dreht er. PASCAL COMELADE & MARC HURTADO Larme Secrete (Klanggalerie, gg334): Hurtado, Jg. 1962, hat mir zuletzt mit Z'EV und dem rituellen "Sang" (2015) das Blut in Wallung gebracht, Comelade, Jg. 1955, kitzelte einen zuletzt bei "In Praise of Nothing" von Boris Mitić, als Bärenfell für die nackte Stimme von Iggy Pop. Hier dient er mit psychotronem Puls, Drummachinebeat, Orgel & Synthiesound in monotonen Loops dem jüngeren der beiden Étant_Donnés-Brüder, der emphatisch flüsternd und schreiend (wie Sea Wanton von NTL) das Leben feiert, die Liebe, die Sonne, das Meer, die Sterne, den Wind, das Licht ('Eclair'). Bei 'Infini' geht Hurtado in der Liebe unter wie die Sonne, mit den Ringen des Saturn um die Pupillen erschaut er das X im Unendlichen, auf das das Sein in zärtlichen Spiralen hinfließt ('Eté'). 'Or' ist eine Litanei mit goldenem Schnitt, durch den Himmel, das eigene Herz, mit repetiertem Dans le, Dans la, Sur ma, Sur mon, mit einem Ritornell von 'Eclair' und rituellem Je te chante silence / Je te chante lumière / Je te chante amour... Je t'adore / Je t'aime... Ich brenne Ich fliege Ich denke Ich strahle Ich bin... Und ebenso feierlich flüstert und keucht er C'est le son, C'est le son, C'est le son... der Klang einer Tür, die sich öffnet, einer Tür, die sich schließt, eines Spiegels, der zerbricht, eines Schreis im Feuer, der Stille auf Erden ('Cri'). Die Träne ist eine heimliche Träne, das Weiß ein heimliches Weiß, die Sprache eine geheime, die Seele verborgen, 'Larme' ein Kriegstanz mit Klopfbeat und Tamtam. Was flüstern die Sterne ('Etoiles'), die so leisen und faulen, über dem Dach? Was liegt da - oder Wer liegt da? - zwischen den weißen Eichenblättern, dessen Flügel wie eine 'Spirale' von Sternen fliehen, während der Finger meine Stirn berührt, wie ein geigenzarter Hauch deinen Mund? Nur scheinbar ist die Poesie so seriell wie bei Anne- James Chaton - wie dieser konkret und gegenwärtig ist, ist Hurtado mystisch und wie aus den uralten Zeiten von Carnac. Und doch... Comelade transportiert das - anders als Z'EVs rituelle Archaik - mit einer gegenwärtigen maschinellen Synthetik, wie auch mit Richard Pinhas oder mit Liebezeit & Berrocal, im Zeitgeist der «nouvelle SF» und des Cold Wave. 70

71 DORNINGER Too Much Home (base ): Pascal hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass sein Gedanke "alles Unglück der Menschen kommt davon her, daß sie nicht verstehn sich ruhig in einer Stube zu halten" mal zum coronarischen Imperativ werden würde. Wolfgang "Fadi" Dorninger variiert das Thema der Stunde mit dem Motto: Not sick at home, but home sick! Den kurz-gehaltenen Linzer treffen als dynamischen Radler und Weltreisenden die Maßnahmen ganz anders als eine sozial eh schon distanzierte, ja fast der Welt abhanden gekommene Couchpotato wie mich. Nun hat der "Fadi" in der Zwickmühle zwischen Covid-19 und den Rosskuren dagegen, seinen Gedanken und Gefühlen über die 'neue Realität' eine Form gegeben. Während geschlossene Lieblingslokale als Geisterstätten verkümmern und Kultur als 'volksschädlich' auf Eis liegt, sucht er die Isolation zu überbrücken, per Bandcamp oder Lieferung ins Haus. Gegen Hysterie rät er, cool zu bleiben und sich aufs Wesentliche zu besinnen ('Calm Down'), gegen die Lähmung von Kopf und Beinen macht er mobil mit Ravin' in Your Mind. Rituell pingende, dongende und hallende tibetanische Glöckchen und Glocken helfen (nicht ohne bitteren chinesischen Beigeschmack), sich zu sammeln. Denn in Wuhan fiel ein Schmetterling um und ging in Ischgl als Lawine ab über halb Europa. Da schlagen nun knarzig rhythmisierte Kuhglocken Almalarm. Keine Gaudi und kein Geldregen mehr in Tirol ('No Rain'). Aus knarrigem Pulverschnee wurde Sand im Getriebe. Was hilft die Samba in Gedanken, der Karneval endete in alle Tage Aschermittwoch, nur die eintönigsten Masken bleiben. Der Alltag nichts Halbes und nichts Ganzes, das Leben ein Torso, die Freiheit in Splittern ('Fragments'). Man möchte weg und weiß nicht wohin, man schaut sich um und sieht zu monoton pochendem Herzschlagbeat, melancholisch raunendem Singsang und schnarrenden Impulsen schwarz ('Dystopian Daydreams') - Herden, die schärfere Zwangsmaßnahmen gegen sich fordern, Politiker im Krisentaumel, die jeden Widerspruch sowas von zuscheißen mit wie Spielgeld gedruckten Milliarden. Während in Peking das Herz der OrwellHuxleyWelt immer höher schlägt, kochen überall kleine Big Brothers ihr Fledermaussüppchen. Wo bleiben des Teufels Advokaten, wo die Denkverbrecher gegen die merkwürdige Obsession, dass man an allem sterben darf, nur nicht an Covid-19, dass Grundrechte und Kultur, wenn es drauf ankommt, nur hinderlich sind? "Antigone" - wegen Corona abgesagt? Dorninger operiert mit teuflischen Breakbeats, mit ominös zischender, pochender, röhrender Betriebsamkeit ('Aqua Fields'), mit surrenden, von heftig quarrender, rau stampfender Rhythmik durchgeschüttelten Impulsen ('Inherited Cat'), mit metalloid staksendem Klingklang und launig interpunktiertem, harmonisch umschweiftem, ochsenfroschig quarrendem Drive ('In-Groove'), mit stapfenden Schritten, zuckelnden Beats und auf breiter Front quarrenden Impulsen ('Shutdown Breakkz'). Was sagt die Stimme: This is the feel of Vendetta? Mit dem halbstündigen 'Innen - Außen', live at Ars Electronica 2019, entfaltet er dazu einen wehmütigen Soundscape aus melancholischen Drones, die von klagenden Stimmen wie von Seevögeln und von heulenden Seehundwelpen und Bläsern wie bei Mahler ausgehen. Dorninger lässt das dunkle Ambiente in schweifenden Wooshes grollend anschwellen, das ozeanische Pathos bekommt sakral orgelnde Züge. Einem rituellen Schlag folgen tibetanische Trompetenstöße zu weiterhin dröhnenden Orgelpfeifen. Weht da ein heiliger Geist, während das Bewusstsein wie in einem knarrenden Ausguck lauscht und späht? Luren röhren wie Nebelhörner, Finger laufen über dunkle Keys, der Ungrund grummelt. Ein pianistisches Motiv wird schillernd und wie von himmlischem Gesang umspielt. Ein Triphopgroove setzt sich in Marsch, hält aber granular bebendem, dunkel aufstöhnendem Andrang nicht Stand, der sich auftürmt zur Wall of Sound. Wem wäre da nicht zum Heulen zumute? Dem Verlassenen antworten ebenso Verlassene, sie bilden einen Wolfskind-Chor, sie machen Musik, immer noch kläglich, aber nicht mehr allein. Seltsam visionär, klingt da schon das inzwischen Eingetretene an: multiple Deprivation. Draußen ist feindlich? Schließ dich ein mit mir / Dahoam sind wir sicher, mon cher (lispelt das Smartphone mir zu). O welcher Friede, welche Ruhe, wenn die Menschheit existierte ohne Leib, Steiß, Arm und Bein! 71

72 DITTERICH VON EULER-DONNERSPERG & FELIX KUBIN NNOI#1 (90% Wasser, WVINYL 026, Klappalbum mit primitivistischer Grafik von Frank Diersch): Das NNOI als Festival für 12,756 Tonmusik, Obskure Lehren & Organ der Weltbauchrednerloge fand 2016 als erstes seiner Art auf dem Gut Zernikow bei Großwoltersdorf im Ruppiner Land statt. Dem Report von awk im Nonpop zufolge, der sich furchtlos der dortigen Abendkühle ausgesetzt und watschende Weibs- und wichsende Mannsbilder klaglos ertragen hat, wurden da die Exhibition "Waise Laien" (mit Dadaeskem von Tom Platt, Robert Schalinski und Jürgen Eckloff, dem Initiator & Gastgeber) sowie untergründige Kunstfilmchen aufgemischt mit Musiken von Rashad Becker und einer Hamburger Abordnung aus Asmus Tietchens, Uli Rehberg und Felix Kubin. Letzterer ist bekannt als antigravitatorischer Neuwerker und Hörspieler intellektueller Idiotenmusik, Rehberg als Werkmeister und Abräumer des Werkbundes und Macher verklopstockter Pelzwurstlieder, Ditterich von... genannt. Er füllt die bequakte, besummte und bezwitscherte A-Seite '[m]it geknickten Dichterschwingen' und doch als 'Ein letzter großer Seher', der im 'Verlangen, den Regenbogen zu fangen' mit 'Trommelfeuerchen Blind' einen 'Krebs im Schlafrock' aufs 'Verknauserte Korn' nimmt. Hörbar als quasi turntablistisch kreisendes, schlurchendes, prasseliges, knattrig und wummrig durchgerütteltes Noise-Drama aus abrupten, krachigen Verwerfungen und mitgerissenen Stimmfetzen, Klangsplittern, Dröhnwellen, darunter solchen, die, als ob ihm da ein 'Kleiner Irrtum' unterliefe, ganz harmonisch tönen. Danach ist er 'Angenehm müde', und wer wäre das nicht? Von Kubin erklingt, ebenfalls mit einem Obulus an den faunischen Genius loci, die Zernikower Beschallung von René Clairs surrealem Stummfilm "Entr'acte" (1924). Auch er arbeitet mit Vinyl-Drehmomenten, verschleppten, zerflatterten und monotonen, mit dem verhallenden Klingklang purzelnder Engel, mit perkussiven und pianistischen Phantömchen, stehenden, impulsiv gerempelten Haltetönen, wiederkehrendem Rumpeln, Synthie- Andrang, rhythmischer Interpunktion, metalloider und quarrender. Mit pfeifendem Postludium, im Zweifel, ob überhaupt noch jemand da ist. Fortsetzung folgt. GARY HUSBAND & MARKUS REUTER Music of our Times (MoonJune Records, MJR101): Der Pianist Gary Husband gestaltete zuletzt mit Mark Wingfield "Tor & Vale", pathetisch, elegisch und mit literweise Herzblut, während Reuter, Asaf Sirkis & ex-le_orme-bassist Fabio Trentini mit "Truce" MoonJunes # 100 markierten. Hier überrascht seine Touch-Guitar als zartester Touch im mit Dave Askren, Gordon Grdina, Matt Hollenberg, Julian Lage, Joe Raimond, Henry Robinett, Sonar & David Torn, Alex Ward und Artie Zaitz diesmal besonders schillernden Gitarrenspektrum. Fast schlägt allein schon der Titel mehr Saiten an: Von Barry Mc- Guires 'Child of Our Times' als B-Seite von 'Eve of Destruction' und 'Man of Our Times' von Genesis bis "The Truth in Our Times". Geboren ist das als Plan B, als die Japan-Tour von Stick Men wegen Corona abgebrochen wurde. Statt dessen tauchten sie, live im Studio und nur zu zweit, ein in Blau als 'Colour of Sorrow', aber auch ins Blaue vom Himmel: 'Across the Azure Blue'. Husband mit nachdenklichem Moll, das zugleich dunkel verschwimmt und kristallin aufscheint, die Gitarre kaum mehr als ein transparentes Fluidum und fragiles Flimmern. Die handgefertigte, so quellklar beflügelte Fazioli-Fidelity zieht elektronische Schleier mit sich, saitige Schwebklänge mit langem Hall, intuitiv ertastet, tagträumerisch, von Tristesse überhaucht. Glasperlenspielerisches Arpeggio mischt sich mit schimmernden Gespinsten, in die Husband aber dunkle Töne schlägt - sonst wären es nicht 'our Times'. Wer will auf 'A Veiled Path' auf Sicht fahren, wo man nur wie blind tasten und pingend echoloten kann, zu so ätherischem Reuter-Sound, dass die Gitarre, so ganz anders als bei Husbands Begegnung mit Wingfield, verschleiert bleibt. Selbst bei 'White Horses (for Allan)' als elegische Hommage an Allan Holdsworth rührt Reuter an die "Velvet Darkness" nur mit spitzen Fingern und feinsten Saitengespinsten. Goodbye Allan, six white horses come to take you home. Im Schein von 'Illuminated Heart' erscheint Husband lyrisch und beherzt, die Gitarre aber bis zuletzt als ein sublimer Glanz in zarter Fluktuation. 72

73 MR. CONCEPT Time (Klappstuhl Records, SP 026, CDr): Mr. Concept? War der nicht Mitte der 80er mit "November" und zwischen Rimarimba, The Jung Analysts und The Deep Freeze Mice mit "Neuron Music" auf Cordelia Records? Als nerdiger Kassetten-Joker von Concept City in Leicester, UK, den 1980 Punk- & DIY-Spirit zu "The Amazing World of Mr. Concept" animiert hatte? Mit Popappeal und Stinkefinger. Nach sechs Jahren wurde es still um Rob Grant, der auch der Kopf von Sticky Bob and the Klingons gewesen ist, wie sich John Barrow von The Swinging Laurels in "How NOT to make it in the Pop world" erinnert. Bis Klappstuhl 2017 mit "XXXVII" zeigte, dass Mr. Concept hinter dem Rücken von Frau und Kindern seinem Spleen treu blieb, wobei die Stimme von Mrs. Thatcher verrät, wer & was diesen Spleen einst entzündet hat. Auf conceptcity.bandcamp.com liefert Rob Grant mit "The Aquarium" weiteren hausgemachten Balsam für alte und neue Erregungen und als kauziger Sunngifu Tonevibe "Profund", als Reiki-Spende und als klingelnde, klimprige, dröhnende Einschlafhilfe. "Time" (as in tock tock) bringt im Märchenton eine Retrospektive auf die Zeit als junger Furz vor 40 Jahren, ausgestrahlt vom Rundfunk der Peoples Republic of Concept City. Ein Zwitter aus Nostalgie und Ironie, rockend oder driftend auf Synthiepopwellen - one continued rapid stream of delight - mit Grant als Zeitreiseleiter, ungeniertem 4/4- Stomp, dudeligem Aaa und Ooo, Mr. Love Muscle, den Däleks, orchestralen Loops, Zeitansagen, Fürzen, Cut-ups aus Werbung und Radiostimmen und sonstigen Albernheiten zweiter Ordnung. Autsch. Upps. One pill makes you slower, and another makes you stomp. Saxofon, Kontrabass, Käseorgelchen und im Sammelsurium quatschender Stimmen welche, die erklären, dass alles schrumpft, dass alles vorbeigeht, sogar die Erinnerung. Auf Exotica-Flöte, groovige Bläser und animierende Trommel folgt melancholisches Piano. But don t worry there is always tomorrow (and of course yesterday!). Und jede Menge Dreams, Inspirations und Delights, die durch die Zeit reisen. PAN SONIC Oksastus (Kvitnu, KVITNU 33, 2LP/CD): Finnen, cool wie die Gestalten bei Kaurismäki? Da denken bis heute die einen automatisch an Jussi Lehtisalo und die Mannen von Circle in Pori, die andern an Mika Vainio & Ilpo Väisänen aus Turku. Parallelwelten, 2009 abgerissen mit dem Split von Pan Sonic. Väisänen fand eine neue Partnerschaft mit Dirk Dresselhaus als die Angel, fand als I-LP-O in Dub zu Editions Mego und mit "Syntetisaattori Musiikkia Kuopiosta" zu Kvitnu. Dort erschien 2014 auch der nun wiederveröffentlichte Mitschnitt des Pan_Sonic-Sets am im Cinema Club in Kiew, der damaligen Homebase der inzwischen in Berlin angekommenen Kvitnu-Macher Dmytro Fedorenko & Zavoloka. Prä-Maidan und prä-cxema (die ab 2014 die Raveszene wiederbelebten), aber das Nachtleben schon "Bomba" = bombig, 2007 bis 13 im Xlіб / Хлеб (= Brot) Club oder mit Woo York als Techno-Knaller. Als ästhetischen Horizont der beiden Finnen kann man sich dagegen den Stoff von "Gravitoni" vorstellen, Schädelöffnungen, um die Imagination ins tadschikische Qurghonteppa schwärmen oder mit Väinämöinen träumen zu lassen, dem mythischen Magier, der aus dem Kieferknochen eines Hechts die Kantele schuf und sich zuletzt ein Boot aus Kupfer sang (!), das ihn vom Reich der Sterblichen forttrug. Ein hoher Ton für Pan Sonics Farewell - Vainio starb Zusammen mit dem organischen 'Okastus' (= das Pflanzen veredelnde Pfropfen) gibt das dem rauen Rauschen und Kratzen, dem dunklen Wummern und scheinbar industrialen Pochen in Kiew trotz der Abstraktion einen archaisierenden Beigeschmack. Da klopft halt doch ein Zweig einen schamanischen Beat zum Tanz der erdfarbenen elektronischen Klänge und in Trance versenkenden Rhythmen. Und wird da nicht die Zaubermühle Sampo, die Getreide, Salz und Geld mahlt, sausend gekurbelt? Als akzelerierender Puls für einen Stampftanz, dem ratternde Beat- Salven folgen. Erinnert nicht auch die Knospe auf dem Cover an ein Geschoss (und auf der Rückseite an den abgerissen Schädel eines Urzeitmonsters oder Aliens)? Dazu schwingen die bloßen Zeitangaben als Tracks und die unerbittlich klopfende Rhythmik die Geißel der brausenden Zeit. Nur stoischer Herzschlag und automatisierte Routine halten dem stand, und wenn es noch so schabt, tickt, ächzt und lärmimpulsiv stört. 73

74 RENAUD GABRIEL PION HINTERWELT In Silico (Audiotrauma, trauma060): Der Franzose ist mir erst spät ins Hörfeld geraten, mit "Spiritus" auf Signature als Fächer von Barock über Minimal bis zur Simplicity von Moondog (BA 104). Dabei zog er seit Anfang der 90er schon eine beachtliche Spur von Hector Zazou über Dead Can Dance oder Lightwave bis Jun Miyake. Bot er bei "Spiritus" das Ensemble 1529 auf, so setzt er hier Sampler, Electronics, EWI 1000, Klarinetten, Flöten und Trompete ein, Alex Foster trägt seinen Teil mit Programming, Percussions & Keyboards bei. Pion sieht den Zeitgeist in silico, also in computisierten Simulakren (statt in vivo) Wunscherfüllung finden, so wie Nietzsches 'Hinterweltler' in einem himmlischen Nichts Götter und Gespenster zu finden glaubten. Und kommendiert das mit dem leisen Spott pulsender Bassklarinetten- und brummender Synthiewellen zu jazzigen Beat. 'Russian' ist in slawische Wehmut getaucht, mit Klarinettenmelancholie und zwitscherndem EWI. Lisa Papineau singt bei 'Radiance' von zu grellem Licht, von Funken, die in der Dämmerung aufblühen, von winzigen Regenbögen. Alles Feeling verdichtet sich im Gesang der Bassklarinette oder voller Tristesse gedrückten Keys. Könnte das im Voigt-Kampff-Test simuliert werden? Oder sind wir schon zu sehr silikonisierte Cyborgs? 'Tala' ist tänzerisch rhythmisiert und lässt einen zappeln als Marionette des 'hinterweltlerischen' Wunschs, eine Maschine zu sein - kein Schmerz, kein Gedanke. Welches Schwert schlüge dem Wahn, es gäbe ein Jenseits zur Melancholie, das Gorgonenhaupt ab? Zitterwellen durchqueren Loops und Kaskaden, es dominiert in dieser Elektroakustik die artifizielle Hälfte, als Automatenbeat, als fragiles Fake von Spinett oder Dulcimer, als Clone einer Jon_Hassell-Trompete. Nur die brütende Bassklarinette ist noch kein Produkt von 'Neo-Tokyo'. Und, Gipfel der Ironie, selbst 'Artificial' ist zuletzt ein Tamtam, das Foster betont rituell 'von Hand' gestaltet. PAUL SCHÜTZE Without Thought (Auf Abwegen, aatp77): Der Australier war mal ein Großer für mich, bei Extreme und mit Phantom City. Bis es um die Millenniumswende stiller um ihn wurde und er mir nach zuletzt 'Vermilion Sands' mit Lol Coxhills spektralem Soprano abhanden kam. Nun also ein Wiederhören, mit dem Soundtrack zu einer Video-Installation. Im Fokus der Blick von einer Klippe auf das griechische Meer. Thalassa polymorph, sinnlich genug, dass es nach Land schnuppert und nach See. Die flimmernde Wasseroberfläche reflektiert ein Anti- Narrativ, denn sie schüttelt als Haut des Leviathans, der sich unruhig im Schlaf wälzt, doch alle Festschreibungen ab. Schütze selbst an Electronics, Ko Ishikawa an Shō, Daniel Pennie an Gitarre und der alte Weggefährte Raoul Björkenheim an Electric Cello bringen eine grafische Partitur zum Erklingen, dreamscape-sublim, dröhnend und schimmernd. Von Shō, Gitarre, Cello kaum mehr als ein Duft, der die Electronics imprägniert. Für ein langsames Driften und Morphen sanfter Dröhnwellen, als ein zirpiges Fluidum, das ab und an von einem Sonnenstrahl zu einem liquiden kleinen Laut gekitzelt wird. Changierend in helldunklen Nuancen, mit unterschwelligen Subwoofimpulsen, hauchfeiner Oberflächenspannung, eine Phonosphäre, die sich wie in Trance ereignet, ohne dass jemand eine Hand zu rühren scheint. Die milde Luft und das stille Wasser empfänglich für eine paar einzelne Klangfunken, ein einziges Klirren, Träger träger Bewegungen, leichter Verschiebungen. 'L'après-midi d'un faune' ist im Vergleich dazu Walkürenritt und Götterdämmerung. Hier kaut man wirklich zeit-, selbstund weltvergessen am Grashalm, Mittag schläft auf Raum und Zeit, um es mit Nietzsche zu sagen, und die Amsel vor meinem Fenster macht den Nachmittag vollkommen. Fort, fort, Musik! Lass erst die Schatten dunkeln / Und wachsen bis zur braunen lauen Nacht! 74

75 Ultrablack of Music Es ist fast nicht möglich, sich zurechtzufinden in dieser Textsammlung (Ed. Achim Szepanski, Mille Plateaux/NON, 266 p, engl.) des einstigen Force_Inc.- & Mille_Plateaux-Labelmachers und Autors von "Non-Marxism" und "Imperialism, State-Fascism and the War Machines of Capital", ohne zu reflektieren auf das Kopernikanische Prinzip (H. Bondi) als Hintergrundrauschen, auf die kosmologischen Kränkung (Freud), dass sich die Sonne nicht um die Erde und die Welt nicht um den Menschen dreht. Nein. Der große Koitus mit der himmlischen Atmosphäre wird bestimmt durch die Laufbahn der Erde um die Sonne, um den Anus der Sonne, der Licht & Leben scheißenden Mutter der Verschwendung und Verausgabung (Georges Bataille). Dagegen konnte auch Kants ptolemäische Konterrevolution wenig ausrichten. Seine anthropozentrischen und humanistischen Positionen sind dennoch das Angriffsziel der für alle zwanzig Texte bestimmenden Philosophie. Die nämlich als weitere kopernikanische Mobilmachung (P. Sloterdijk) und bei allen (post)-strukturalistisch-dekonstruktivistischen Differenzen [Barthes, Derrida, Lacan, Foucault, Althusser, Deleuze&Guattari] ihren gemeinsamen Nenner als kontra-kantianischer Antihumanismus hat, d. h. dass sie (die inspirierenden, aber auch spekulativ und innovativ zu überbietenden Denker) anstelle von Subjekten Strukturen am Werk sehen, Prozesse, Kräfte, Potenziale, die Sprache, Erzählungen, Mythen, das Symbolische, das Imaginäre... Was ist dein Ziel in der Philosophie? Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen. So Ludwig Wittgenstein. Und ähnlich George Batailles: Der Mensch entkommt seinem Kopf, wie ein Verurteilter seinem Gefängnis. L'acéphale überwindet die Widersprüche zwischen Mensch und Nicht-Mensch, als verräterisches Herz der Gesellschaft. Wobei diese jakobinische Rosskur etwas von ihrem französischen Charme einbüßt angesichts dschihadistischer Ikonografien im Propagandakrieg mit der Obszönität der '1000 Schnitte'. Die - ob Fliegenglas oder Kopf - eskapistischen Bestrebungen nennen sich Object-Oriented Ontology [OOO] (Graham Harman, Levi Bryant) und SPEKULATIVER REALISMUS (Ray Brassier, Ian Hamilton Grant, Quentin Meillassoux). Sie sind dezidiert anthropofugal und antikorrelationistisch, d. h. sie halten es anders als Kant für möglich und für notwendig, sich Realität spekulativ als vom Denken unabhängig vorzustellen, als etwas, das sich außer- und übersinnlich, algorithmisch und astrophysikalisch abzeichnet. Gipfelnd in der NON-PHILOSOPHIE von François Laruelle (die Szepanski namentlich und begrifflich aufgreift), die sich definiert als radikal de-anthropozentriert, immanent (no thing or thought transcends the rest), nicht-binär, nicht-hierarchisch und performativ (wir sind nicht, sondern wir tun nur so, sprachspielerisch, sinnfeldverhaftet, okkasionell, was wir sagen, ist in Anführungszeichen gesetzt, was wir tun, ist Pose). Bei Laruelle ist das emphatisch aufgeladen: They [the non-philosophers / the spiritual type] are the great destroyers of the forces of philosophy and the state, which band together in the name of order and conformity. The spiritual haunt the margins of philosophy, Gnosticism, Mysticism, and even of institutional religion and politics. The spiritual are not just abstract, quietist mystics; they are for the world. Thus, non-philosophy is also related to Gnosticism and Science-Fiction; it answers their fundamental question which is not at all philosophy's primary concern Should humanity be saved? And how? And it is also close to spiritual revolutionaries such as Thomas Müntzer and certain mystics who skirted heresy. When all is said and done, is non-philosophy anything other than the chance for an effective utopia? Bei Ray Brassier, dem Autor von "Nihil Unbound: Enlightenment and Extinction", besteht die fundamentale Aufgabe der Philosophie darin, Dummheit aufzuhalten. Was irgendwie, statt to spread joy up to the maximum / bring gloom down to the minimum, zum Transcendental Nihilism führt (push nihilism to its ultimate conclusion: the universe is founded on the nothing, das Nicht-Sein bestimmt das Bewusstsein). Diesen COSMIC PESSIMISM, auch Stoic Fatalism genannt, vertritt auch Eugene Thacker in "In the Dust of This Planet", wo er die "world-for-us" unterscheidet von der (undenkbaren und grauenhaften) "world-in-itself". Über letztere lässt sich nur spekulieren, dämonologisch, okkult, mystisch, nicht ohne Horror vor dem 'subharmonischen Gemurmel der Black Tentacular Voids'. 75

76 Denn die Welt-an-sich schert sich einen Dreck um uns 'Gräßel-Wüteriche', die ihr am Arsch vorbei gehen. Was dennoch tun? Thacker, der ja kein Finsterling ist, sondern ein stoischer Melancholiker, Metal- und Lovecraft-Fan, rät zu 'Bioart' (politisch bewussten, kritischen und ethisch bewussten Eingriffen). Um den Anthropos zum Abdanken zu überreden oder um ihm sein Abgedanktsein bewusst zu machen, bewirft man ihn (und sich gegenseitig) mit durchgestrichenen NONismen, einer 'music of science & philosophie', dichterphilosophischen Paradoxien und wortspielerischen Portmanteaus wie Afrofuturism, Alienozän, Biopolitik, Blödmaschinen, Chthuluzän, CyberGothic, EconoFiction, Kapitalozän, Mathmagick, Misanthropozän, Necropolitics, Non-Frequency-Politic, Psytrance, RetroDada, Rhythmight, Sonocculture, Technomads, TechGnosis... Und bezichtigt sich im philosophischen Eifer des Gefechtes wechselseitig der Stupidität. Kein kleines Schlachtfeld ist dabei der ACCELERATIONISM (der, technofit & futurophil, den Kapitalismus kybernetisch überbieten oder notfalls auch barbarisch und kannibalisch überdrehen will, damit er zusammenbricht). Vom Spaltpilz zerrissen, gibt es ihn (den Akzelerationismus) in einer linken (Nick Srnicek, Armen Avanessian) und einer rechten Spielart (Nick Land, Curtis Yarvin), die sich als Dark Enlightenment und neo-futuristisches Ritornell geriert. Als der härtere, nämlich neo-faschistische Gegner des Kapitalismus, als der konsequentere, nämlich elitär misanthrope Pessimismus, entschlossener zum kollektiven Meltdown. Beide Spielarten stellt Benjamin Noys (in "Malign Velocities") in Frage als immersiv und replikativ, als (sado)- masochistisch oder betört durch die Vorstellung: kein Schmerz, kein Gedanke. Neben ebenso emanzipatorischen Plädoyers für Notbremsung (W. Benjamin), Entschleunigung und Deepness gibt es auch noch die HAUNTOLOGY (Derrida, Simon Reynolds, Mark Fisher) mit ihren (non)-marxistischen Gespenstern. Unerfüllte Wünsche, enttäuschte Hoffnungen, gebrochene Versprechen, die umgehen als kopfloser Reiter, als unheimlicher Geist, der "the time is out of joint" raunt, der 'counter futures' anmahnt und "lost futures" betrauert. Was vielen den retromanischen Vorwand liefert für ein Vorwärts in eine nostalgie-verklärte, sepia-sentimentale Vergangenheit. BLACK ist daran vieles: Die Kants 'reine Vernunft' konterkarierende "Kritik der schwarzen Vernunft" (Achille Mbembe); der Black Atlantic (Paul Gilroy, Kodwo Eshun); Black Metal als Deep Ecology (Wolves in the Throne Room), als Satanismus (Emperor, Mayhem), als Cosmic Pessimism (SunnO))), Wold, Keiji Haino); die Schwarze Romantik als Kehrseite der Aufklärung; die Nigredo/Putredo-Phase (Schwärzung/Fäulnis) der Alchemie; der Abfluss der Psycho-Dusche und die Kloschüssel in "The Conversation" als schwarzes Auge des Realen (Slavoj Žižek); das Schwarze Loch im Zentrum der Galaxie, um das sich alles dreht; das Black des 'Ungrunds' (Böhme), des 'Abgrunds in Gott selbst' (Schelling). Es offenbart sich auf dem 'dritten Tisch' (Harman), man kann es nicht sehen, nicht greifen, nur lieben. Oder ist Black nur ein Code für Kommunismus, den alten Tintenfisch? Kurz, dieses intellektuelle Rhizom ist elsterhaft gesponnen aus Zwiespältigkeiten, Ambiguitäten und Kon-fusion (die Denken & Tönen fusioniert). Viele der übergescheiten Diskutanten verstehen sich dabei als Mischwesen aus Philosoph und Künstler und das, was sie machen, als PhiloFiction und MetaPolitik. So dass sich Szepanskis Textkaleidoskop als Glossolalie eines schwarmgeisthaft verbundenen Kollektivs lesen lässt, als polyrhythmischer Gedanken-Groove mit musikalischer Metaphorik. "Music 'demonically' combines living and thinking into a Work or destiny", heißt es bei Adkins & Weissman. Als Spektralismus (Gérard Grisey) aus Sound und aus Denk/Sprach-Bildern, ausgespannt zwischen dem Schwarzen Loch da draußen und der Ökosphäre als von der Holocene=Anthropocene=6th_Mass_Extinction verschattetes, ja verfinstertes Dark Ambiente. Tja, der Mensch erschien im Holozän. Gedanklich und musikalisch ausgespannt in der 'psych(a)osmischen' Spannung zwischen diesen öko/geologischen und kosmologischen Polen, und dennoch überzeugt, dass das Universale nicht digital, sondern analog verfasst sei. In einem Spektrum von hochfrequentem Puls (im Bild galoppierender Pferde) bis zu langwelligem (Walgesang, Halleyscher Komet, Roger Caillois' träumende Steine). Mit einer Präferenz der Entschleunigung und Rotverschiebung, des Refrains / Ritornells ( Wiederkehr ), der 'Longue durée', vor dem Galopp, dem Presto, dem 'Ereignis' (Braudel). 76

77 Musik erscheint so als spirituelle Matrix eines Werdens, begleitet von einer 'Dream Philosophy', die sich minoritärer, mystischer und okkulter (verborgener) Reserven bedient, so wie die Musik sich, laut B. Herzogenrath, geohistorischer 'Longue durée' (John Luther Adams), vogeliger und insektoider Rhythmen (Olivier Messiaen, David Dunn) oder Herzschlag und Atemzügen bedient (Richard Reed Parry von Arcade Fire). Hohe Wertschätzung genießen Dissymmetrie, Irregularität, Devianz/Abweichung, Malfunction und Pannen (Glitch) als des Teufels Beitrag zum Werk, als Sabotage von Homogenität, als Tropfen Artaud-Blut im Alpha-Plus der Schönen Neuen Welt. Ebenso Field Recordings als deterritorialisierende Schizophonien. But is there an escape from numbers, or an escape from noise? Hat nicht Günter Anders sich schon 'Negative Musik' gewünscht, Stille - shut the fuck up, music! Szepanski selbst expliziert all das, als Exeget von Laruelle, als immanentistische rhythmologische NON-Musicology. Als, mit Deleuze/Guattari, ein Klang-Werden, das, gegen das Eiapopeia des Nada Brahma, strikt voraussetzt, dass die Welt nicht schon dieser Klang ist und NON-Musik daher nicht mimetisch. Dass die Macht der Rhythmik und der damit verbundenen Non-Frequency-Politik im, nur von Maschinen zu leistenden, Zer-Klicken und Zerschneiden der Zeit liegt: tic toc fuck the clock. Das philosophisch Befreiende daran wäre, der 'Tyrannei des Taktes' zu entkommen. NON-Musik generiert sich als "flow an sich", als "a new radical ecology of rhythm", durch Sampling-in-the-last-instance, ohne dabei technophil oder digital zu sein, ohne nach der akzelerierenden Pfeife des Kapitals zu tanzen und den Schwindel gar zu genießen. Der globale Neoliberalismus, die retromanisch gewordene Kulturindustrie und deren Homogenisierungstendenzen bleiben der Weiße Hai, un-zeit-gemäß bleiben ist oberstes -, nein, Gebote gibt es nicht, ist... Ehrensache? Auch bei den Laruelleianern gibt es "irreducible duality", vieles, zu dem die Nein-Sager Nein sagen. Schwarz, "radically black", ist es als Denken jenseits von Licht und Farbe, als Denken von 'Uchromia' her, vom Utopia eines ontisch obszönen Schwarzen Universums. Als Klang aus der Black JukeBox. Als unaufhörliche Suche nach dem Ultrablack jenseits von Black. Inwiefern dieses Being-in-the-music widerstandsfähig macht gegen die Herrschaft der Blödmaschinen und Psychopathen, habe ich allerdings nicht verstanden. Szepanski sieht ja auch keinen Ausweg aus der Welt. "All possibilities of Exodus seem to be closed." Doch obwohl er das Subjekt (wie Foucaults 'Gesicht im Sand') durch die stumme und unsichtbare Software der Technoculture - Bytes bite Geist - zunehmend ausgelöscht sieht, beharrt er auf dem Nein zur Welt-wie-sie-heute-ist. "Sonic Thanaticism" ist die panakustische Waffe des 'thanatizistischen Kapitalismus', der als Erbe und Profiteur des kolonialen 'Nekrokapitalismus' selbst davon noch profitiert, dass er, wie der KAPITALISTISCHE REALISMUS (M. Fisher) diagnostiziert, immer nur enttäuscht. Statt als Ideologie am Kopf und an Ressentiments, setzt er als 'Sensologie' an allen Sinnen an, um die Menschen und die Verhältnisse so zuzurichten, wie sie sind. Dabei trifft der Kapitalismus auf mikro-faschistisch konditionierte Empfänger, die die makro-faschistischen Zwänge der disziplinargesellschaftlichen Stufe kontrollgesellschaftlich verinnerlicht haben. Mit bereits einer nano-faschistischen Steigerung zum Neanderthal- Kapitalismus, prototypisch in der Türkei, der im despotisch-islamischen Klammergriff die Konsumenten mit dem Cotard-Syndrom infiziert, d. h. sie kollektiv in Zombies verwandelt. Andere warnen davor, sich immersiven Umarmungen zu unterwerfen. Shintaro Miyazaki sieht das optimistischer und empfiehlt 'Counter-Raving' als kritischen Umgang mit der Technokratie. Die Frage "Gibt es ein richtiges Leben im Falschen" kehrt wieder als "How to create autonomous spaces of happy survival in this hell?" Antworten auf die Frage "What can a Black body do?" zeichnen sich dunkel ab im Mäandern um Ortega y Gasset, Kraftwerk, J Dilla, Ilya Prigogine, Kanye West, Eric B. & Rakim, Spinoza, Solange Knowles, Theo Parrish, Sun Ra (in einem Text). Ein "Once Upon a Time in Detroit"-Panorama zeigt die einstige Techno-Metropole dystopisch entkernt und Technoculture als globale Rhythmachine entzaubert. Eine weitere Retrospektive zeigt neben Jeff Mills als mit Techno Art etablierten Nachfolger von Jean-Michel Jarre Techno ebenfalls als abgesunkene, kulturindustriell entkernte Illusion von Subversion, mit Drexciya und Underground Resistence als bereits zu Lebzeiten geisterhaft gewordener Guerrilla in einem aufgeklärt zynischen Business. Fazit: "Escape is necessary, but also impossible." 77

78 Dem widerspricht auch der Pseudonymus Bill B. Wintermute nicht, der immerhin abseits des NON-Jargons im plunderphonischen Sampling von Adorno, Benjamin, Bataille, Burroughs, Debord, D. Diederichsen et. al. Klartext redet. Statt mit kryptischer Wortklauberei in 'heiligen' Texten richtet er die Kritik summarisch gegen das, was trotz vieler Namen - Kontrollgesellschaft, Kulturindustrie, affirmative Kultur, Zeitalter der mechanischen Reproduzierbarkeit, Gesellschaft des Spektakels, Pop - nur die eine Hydra ist: der ersatzreligiöse Kult des Kapitalismus/Konsumismus als mit dem Babyfläschchen aufgesaugte Heilslehre. Nicht dass es immer so weiter geht und schon gar nicht Hamlets 'Gewissen', nein, die Angst, dass das nicht immer so weiter geht, macht Sklaven aus uns allen, lautet die Diagnose. Aus der Utopie eines freien Marktes, der wirklich alles regelt, der der Menschheit [...] immerwährenden Fortschritt bringt, wurde ein apokalyptisches Desaster, in dem das Weitermachen sich nicht mehr durch Hoffnungen, sondern nur noch durch Ängste erklärt. Es macht uns alle zu 'kapitalistischen Realisten' ohne Alternative und lässt Kritik als 'reflektive Impotenz' erscheinen. Nur das 'Reale' kann uns noch retten - der Klimawandel, ein Virus? - vor der moralischen Verelendung unten, der Obszönität des Reichtums oben und der allgemein grassierenden Beliebigkeit des in die aufgeklärt zynische Phase fortgeschrittenen neoliberalistischen Nihilismus. Die Erzählweise des kapitalistischen Surrealismus ist noir. Sie handelt, wie der Hardboiled-Krimi oder der Film noir, von autonomen, sarkastischen und verletzten Menschen in einer unrettbaren Welt, in einer Welt, die, genauer gesagt, nur die Hölle sein kann... Wenn wir alle in der Hölle sind, ist es nicht verkehrt, mit den Teufeln zu paktieren (M. Metz / G. Seeßlen). Nein, Buzz wird uns nicht retten und auch kein 'Vade Retro'. Was bleibt, ist - wie die durch den aus dem Netzwerk selbst entstandenen Puppetmaster kontrollierten Cyborgs in "Ghost in the Shell" - festzuhalten an seinem menschlichen Rest. Wobei - ist das nicht bloß ein SF-Klischee, dass künstliche Intelligenz sentimental ist und menschelt? Was bleibt, sind Illusionen, Tänzchen auf dem Vulkan, ein sarkastisches They're coming to take me away, Ha-Haaa!, der Ruf nach Cthulhu und letzte Seufzer, bevor wir ewig verstummen. PS: Der schönste Text ist der von Thomas Brinkmann, der schwärzeste der von Thomas Köner. Wintermute trägt mit seinem von einem gedämpften Song durchgeisterten 'Calling all. This is our last cry before our eternal silence.' auch bei zu Ultrablack of Music II (Mille Plateaux, 34xfile), dem teils technoiden, teils ambienten Dancing in Your Mind zum NON-Text-Kaleidoskop. Ebenso wie auch Zafer Aracagök (der als Sifir 'Desonance'=resonance+dissonance+distance expliziert), Thomas Brinkmann (mit phasenverschobenem Pianogehämmer), Thomas Köner (der zu den ' ' existierenden aaaaas ein paar mehr wellt), Stefan Paulus, Schmickler & Rohrhuber (demonstrativ mit 'Politiken der Frequenz') und Gerriet K. Sharma (mikroelementar mit Stein- & Dröhnklängen) ihre Texte schallend illustrieren. Neben A Solar Debris, The Allegorist, Bienoise oder Stine M (mit hauntologischem Singsang) u. v. a. m. als weniger bekannten Praktikanten eines 'tic - toc - fuck the clock' und etwa Automatisme, Khem One (Kim Cascone), Marcel Daemgen (von Arbeit, der um Zapfenstreichtrompete und Weihnachtsgrüße von deutschen Soldaten in US-Kriegsgefangenschaft herumzittert), Mijk van Dijk (Microglobe), Echonaut, Siegfried Kärcher (der, bekannt mit "Nocturnal Hippie" auf Attenuation Circuit, hier ein computerisch gequäktes 'Let it snow!' zum Erdmittelpunkt klopft), Dr. Walker (alias Black One, von Air Liquide), Zoy Winterstein und Woulg (mit Breakcore à la Venetian Snares...) als ziemlich oder sehr bekannten. Mit 'Paysage Mélodique avec Artaud' füttert NicoNote (Nicoletta Magalotti), anknüpfend an Sylvano Bussottis 'Piano Piece for David Tudor 4', die Tausend Plateaus mit dem Mark und dem Fleisch des Dichters der 'Position de la chair'. "Wer Fleisch sagt, sagt aus meiner Sicht zuerst Angst, gesträubtes Haar..." Insgesamt aber machen mir der neuroszientistisch pochende, knatternde, loopende, surrende, glitchende, vibrierende oder psychotron dröhnende Klingklang, die Stimmfetzen und die monoton repetitiven, polyrhythmisch verwirbelten oder dissymmetrisch komplexen Pattern nicht den Eindruck, dass ich mit den versäumten Updates der Mille_Plateaux-Ästhetik einen akuten Aufruhr des Fleisches oder des Geistes verpasst hätte. Auch wollen mir Schwarz-Sehen und Warten-biswir-(ultra)schwarz-Werden nicht als Fluchthilfe aus dem Fliegenglas einleuchten. Doch es bleibt der Trost der Leidensgenossenschaft und den nehme ich dankbar an. 78

79 jenseits des horizonts Fancymusic (Moskau) Moskau - drittes Rom, hörig einem Zwerg, der auf den Schultern von Zaren reitet, blutigen und als blutrünstig gestürzten. Für ihre grandiose, 2017 in Amsterdam uraufgeführte Oper Octavia. Trepanation (FANCY 139, digital) brachten DMITRI KOURLIAND- SKI und der Regisseur Boris Yukhananov Nero (Tenor), Seneca (Bariton), den Geist der Agrippina (Mezzosopran) und den Präfekten (Bass) aus dem römischen Drama "Octavia" vor Lenins offenem Riesenschädel mit Trotzki zusammen. Das achtzungige Frauenensemble Questa Musica gibt der verstoßenen Octavia ihre Stimme, das Volk mischt sich chorisch als kopflose Terracotta Army ein. Die elektronische Musik und das vokale Pathos sind ein extrem verlangsamtes Derivat der revolutionären Blutopferhymne «Varshavyanka», deutschen Ohren vertraut als "Auf, auf nun zum blutigen, heiligen Kampfe... Tod und Verderben allen Bedrückern... Kämpfende Jugend erschreckt nicht der Tod." Der sonore oder exaltierte russische Zungenschlag, in dramatischen Kontroversen über Revolution, Cäsarenwahn und Nachleben, ist gebettet auf raunende und dröhnende Vokalisation. Als ein Faszinosum weit über die Verständlichkeit hinaus. ALEXANDER MANOTSKOV fügt der Reihe seiner beeindruckenden Werke - "Passion According to Nicodemus" (FANCY022), "Boye" (FANCY043), "XXV" (FANCY074) und "La Folia. Seven Days of Tetragrammaton Variations" (FANCY131) - mit 52 (FANCY141, digital) ein weiteres hinzu. Eine Kammer- Oper für das Bolshoi Drama Theater in St. Petersburg, basierend auf Immer weiter und weiter, einem»stimmenorchester«aus der großen Kartothek von Lew Rubinstein. 52 Nummern, zweistimmig und mehrsprachig gesungen von Victoria Artyukhova & Anna Vishnyakova, instrumentiert lediglich mit Flöte, Klarinette, Akkordeon und Geige, entwickeln sich von Guido von Arezzos Johannes-Hymnus "Ut queant Laxis" und Gregorianischen Chorälen über französische Spätromantik zu modernistischen Anklängen an Pärt oder Schönberg. Stupent! 79

80 Mit Хлебников [Chlebnikow] (FANCY142, digital) feiert IGOR YAKOVENKO den futuristischen Sonnenüberwinder, Poeten, Denker, Wanderer, Derwisch und Vorsitzenden der Erdkugel Welimir Chlebnikow ( ), der als Miterfinder der Universalsprache 'Zaum' und mit seiner 'Schicksalswissenschaft' bereits die Heterologie und Nomadologie von Deleuze & Guattari vorweggenommen hat. Mit Electronics, aber zuvorderst Yakovenko selber am Piano, wie zuvor schon bei "24 Preludes" (FANCY094), "Subtle States" (FANCY 105) und "Troika" (FANCY123). Dazu singen Savva Rozanov & Alexey Kokhanov, Kourliandskis Seneca und in Berlin TonTanz-Performer bei Jule Flierl oder Gast bei Maulwerker. Chlebnikows Diktum "The language of man, the structure of the meat of his body, the turn of generations, the structure of the crowds, the lattice of many of his affairs, the very space where he lives, the alternation of land and sea - all obeys the same oscillating law: 365 ± 48" und seiner Spur folgend, streifen einen Mädchen, die ihre Lanzen schleudern, Gelächter, sterbende Pferde, himmelblaue Bären. Wenn sie am Sterben sind - singen die Menschen. High Water (FANCY143, CD) bringt ein Wiederhören mit dem LIVE PEOPLE ENSEMBLE, einem Quintett, das, angeführt von der 1974 in Moskau geborenen Pianistin Natalia Skvortsova, bei "Planes" (FANCY070) schon Ebenen zu Plateaus deleuzet hat. Hier knüpft die Leaderin der Independent Researchers Society, mit Yury Sevastyanov am Tenor-, Pavel Skornyakov an Alto- & Sopranosax, Daria Chernakova am Kontrabass und Petr Ivshin an den Drums, mit 'Gold' und 'Black' an das im Live People Quartet mit Piotr Talalay an den Drums angestimmte 'Black and Gold' ihres Fancy-Albums "The New Cities" an. Das Flaggschiff des aktuellen Modern Jazz made in Russia zieht dabei, imaginativ und träumerisch, auf ECM-sensitiv gehobener Strömung wie ein Dampfer auf der Wolga dahin. DMITRI KOURLIANDSKI begegnet gleich noch einmal mit Decomposing Cities (FANCY 144, digital), mit vier 'dekompozitorischen' Derives aus seiner Reihe 'Maps of Non-existent Cities', woraus 2017 als Kompositionsauftrag des SWR eine Version für 14 Streicher und Video auch in Donaueschingen erklungen ist. Vier computerisierte, je 27-min. psychogeographische Streifzüge führen noch einmal durch die einst durchstreiften Straßen von Paris, Sankt Petersburg und Nischni Nowgorod, mit Berlin als Rework von 'prepositions' für Violine solo, das er 2008 dort komponiert hat. Durch das Drehen, Dehnen und Stauchen von bereits extraordinär glisandierendem, prickelndem, knarzigem und kratzigem Geigensound, den Vladislav Pesin erzeugt hat (FANCY063), durch das Schichten und Wenden des Akkordeon- & Kontrabassklarinettenklangs, der Paris evoziert hat (FANCY 058), sowie des 9-stimmigen Klangfächers aus Gorki, wie Nischni Nowgorod jahrzehntelang hieß, dekonstruiert Kourliandski, wenn nicht Raum und Zeit, so doch die Wahrnehmung davon. YURI VINOGRADOV nippt in Reutov an 'Philip's Glass', wenn er seine abstrakt-impressionistische 'Music in White Shades' und neoklassischen "Pseudoragas" klimpert oder 'Quiet Echoes' von Debussy, Satie, Scriabin lauscht. Wobei er mit Kirchenorgel auch "Le Soleil Noir" huldigt oder als Pure Violet in 'Mist and dust' eintaucht. Snow in Europe (FANCY145, digital) ist, parallel zu den elektroakustischen Elegien von "The Sun Does Not Rise Here", ein Dreamscape, ohne Worte durchwirkt mit der metaphysischen Poesie von David Gascoyne ( ), von 'Lachrymae (Slow are the years of light)' bis 'Snow in Europe'. Zuerst nur Piano, öffnen Keys, Electronics, Kontrabass und Percussion im intuitiven Fusion-Duktus - EllektraJazz war mal Vinogradovs zweiter Vorname - mehr und mehr Falltüren in ein schattiges, nächtliches, eisiges Ambiente. Bis hin zur im Kalten Krieg eingefrorenen Antagonie: The warring flags hang colourless a while; / Now midnight's icy zero feigns a truce / Between the signs and seasons, and fades out / All shots and cries. But when the great thaw comes, / How red shall be the melting snow, how loud the drums!

81 Made in 1993: The Art of Sampling (FANCY146, digital) von ANTON BATAGOV ist wörtlich gemeint. Tatsächlich entstanden 'Prepared Piano Factory' als perkussiv hämmerndes und hackendes Automaten-Allegro im Geist von Mosolov, die 'Music for Voice and Breathing' als Adagio und 'Orchestra Rehearsal' wieder als Allegro in der Zeit ( ), als Batagov künstlerischer Leiter des Moskauer Festivals für Neue Musik "Alternativa" war und als gefeierter Pianist auch eigenhändig das russische Publikum mit Cage, Feldman, Messiaen, Reich und Glass vertraut machte. Die Pianosamples, das ist sein Klang, und auch die Stimme ist seine. Der Eindruck ist jedoch ein anderer als etwa bei seinen Piano-Zyklen "The Battell" (FANCY053) und "Alle Menschen müssen sterben" (FANCY071) im so dramatischen wie melancholischen Rückgriff auf William Byrd und Johann Pachelbel. Ganz zu schweigen vom symphonischen Rock-Pathos seiner John-Donne-Songs "I Fear No More" (FANCY062) oder den von Alexander Manotskov postrock-noir geraunten Buddhist Prayers "The One Thus Gone" (FANCY087). Nur mit Glass streift sein aktuelles Programm mit englischen Volksliedern, Bach, Purcell, Schubert, Debussy, Pachelbel und Batagov,»Du bist die Ruh«überschrieben und im Januar 2020 in der Elbphilharmonie dargeboten, noch das 20. Jhdt., im Streben nach 'Invisible Lands' far away. Weißt du wohin / die Träume all' entflieh'n? 4/3 (ohne, digital) bringt in kompromisslosem Freispiel, neben Dmitry Kakhovsky am Bass und Pasha Chuma am Altosax, ein Wiederhören mit der von Brom her bekannten Trommlerin Oksana Grigorieva. Und dazu teils noch KONSTANTIN RYABINOV ( ) an der Gitarre, einer Legende durch Kommunizm und Grazhdanskaya Oborona aka GrOb, zusammen mit Yegor Letov (+2008), und danach im Spiel mit dessen Bruder Sergey Letov, mit Kuzma & VirtUOzy oder mit Kakhovsky als Jeffrey. Ganz unerwartet wurde dieses Stelldichein zu seinem Nachruf. Was für ASYA SORSHNEVA spricht, sind nicht die schulterfreien Posen, mit der sie sich als Klassikdarling vermarkten lässt, seit sie bei Udo Jürgens' Abschiedstour mit im Rampenlicht stand. Sondern dass sie bei Anton Batagovs "I Fear No More" ihren Geigenbogen schwang. Bei Crysalis (FANCY150, digital) entpuppt sie sich nun als Komponistin, die ihre Kreationen 'Itzpapalotl' und 'First Rain in Atacama' auch eigenhändig darbietet, genau genommen als vielhändiger Plural. Erst als aztekischer Obsidianschmetterling mit flatterndem Pizzicato, bebendem Tremolo, klackenden Bogenschlägen und melodisch gezupften, verführerisch gestrichenen Tonfolgen. Dann mit dem schönen Wahn von dicken Regentropfen in der Wüste, die, mit Loops, Delay und wieder spitzfingrigem Pizzicato, surreale Blumen und Insekten hervorgaukeln. Beides absolut phantastisch. Bei Round One (FANCY151, digital) von DERVISH TAXI kurvt der schon bei "Daybreak in the Roughland" (FANCY140) begegnete Dmitriy Peitsch, ein mit Motherfathers, Ninja Glam, Udar und als Prince of Dispersia anarchistisch-elektronischer und sogar rappender schlimmer Finger mit Gitarre, Bass & Loops, zusammen mit dem Drummer & Utopia_Records-Macher Yan Yamin um haiverseuchte Strände, einen interplanetaren Regenwald oder den obskuren Schauplatz eines Verbrechens. Und haben damit noch lange nicht genug im freigeistigen, meist hitzig intensiven oder auch psychedelisch verklärten Mäandern um freakrockige Hotspots. Als Zhivushchiye v khobote [LIVING IN A TRUNK], benannt nach einer grotesken Bildserie von Leonid Tishkov über einen Mann, der in einem Elefantenrüssel lebt, haben sich bei Dvorets pochtal'ona [Der Palast des Postboten] (FANCY152, digital) Sergey Zaroslov mit präp. Gitarre & Bass und Anton Garkin an Klavier, Tenorsax & Bass vereint mit dem Alt- & Tenorsaxer Alexander Timofeev und dem Schlagzeuger Ilya Varfolomeev von den hippen St. Petersburger Jazzfreaks Kubikmaggi. Für eine rotzjazzig raue Hommage an Ferdinand Cheval ( ), den Briefträger, der den Palais idéal gebaut hat, und ein akustisches Äquivalent zur Art-Brut-Anarchitektur der Watts Towers (Sabato «Simon» Rodia) oder des Jardin de nous deux (Charles & Pauline Billy), das sich in seiner wild wuchernden blühenden Phantasie selber befeuert. Als Architektur, die tanzt und Fratzen schneidet. 81

82 Kontrans (Arnhem) Wo Kontrans draufsteht, ist Jaap Blonk drin. Zuletzt mit Frank Rosaly's Todos de Pie! puertoricanisch und auch im Rentneralter als einer, den der Hafer sticht. Konsequenz: Mit JAAP BLONK'S RETIREMENT OVERDUE nach ewigen Zeiten wieder eine Band, wie einst Baba-Oemf in den 80ern oder das Trio Braaxtaal. Resultat: New Start (Kontrans 1066, 2xCD). Frische Ideen, aber unter den neuen Gesichtern durchaus vertraute, nämlich Rosaly an den Drums und neben Miguel Petruccelli (vom Native Aliens Ensemble) noch unser verfreakter Jasper Stadhouders (von Cactus Truck, Made To Break, Spinifex), beide mit Gitarren & Bassgitarren. Eine unbeschreiblichere, dadaeskere Band ist schwer vorstellbar. 'Wop Hape', 'Pook Naw', 'Kown Sah' & 'Nem Boha' sind narrenfrei improvisiert, und Blonk hält ausnahmsweise den Schnabel, um mit Electronics zu irrwischen, sausend und jaulig, unheimlich oder knurrig. Alles andere sind Blonkositionen, doch deswegen nicht weniger unförmig. 'Songs' mit Blonk'scher Poesie wechseln, engl., dt., span., onderlandisch, mit zungenrednerischen, schlabbergoschigen Eskapaden, barbarischen ebenso wie übergescheiten. Die Zupfer zupfen und krabbeln wie aufgescheuchte Ameisen, sind aber noch verstörender, wenn sie kleine Melodiechen fingern. 'What the President will say and do' blörrt und rülpst Scheiße wie in echt. Bei 'Kterg' steht Blonk mit dicker Zunge in Kuhmist, bei 'My First Nightmare' kommen ihm swingend die Sünden seiner reformierten Kindheit hoch. 'So wie damals'? Brrr. Selbst einem, der jazzig aufgekratzt keine 'No Go Area' scheut, werden die Jahre kürzer, die Nächte länger, mit den Besen an den Fersen, die ihn zum alten Eisen kehren. Der Gitarrist beginnt als Django Reinhardt und endet als Eugen Chadbourne. Blonk lässt die Band sprachrythmisch hoppeln und Haken im Dreidimensionalen schlagen, prickelnde Kapriolen kollidieren mit stumpfen tautologischen Schubsern, and or, either or, true or false. Hinkende Loops, ruckende Repetitionen, und drüber ein Regenbogen, someday, somewhere, a new way of living. Wenn das Heute zum Schreien ist, bringt das Morgen / doch immer wieder / etwas Schönes. O Maria, mit Karacho, rápido. Elektrospatzen tschilpen, ein 'Wobbzag' wird gesichtet, in the middle of the square, knietief in Blues, bis zum Bauch in Noise, Blonk als Screamin' Jaap. Aber gut erholt für die Do You know-tirade von 'How to be', mit surrenden und knatternden Electronics, Rumpelei von Rosaly und Blonk als delirantem Schamanen, der verkündet, dass er endlich bei allem durchblickt: I do know... I do know, hähähä. Kré kré, pek, kré puc te puk te kruk - Allein und ernsthaft performt JAAP BLONK 'Pour en Finir avec le Judgement de Dieu' [Schluss mit dem Gottesgericht], ANTONIN ARTAUDs berüchtigte 'radiophonische Demonstration', auf englisch als To Have Done With the Judgement of God (Kontrans 666) für Radiodiffusion française aufgenommen, aber die Austrahlung abgesagt. Trotz Maria Casarès, damals schon berühmt durch "Kinder des Olymp", die das visionäre 'The dance of the Tutuguri' dramatisiert, und dem aufstrebenden Roger Blin, der 'La recherche de la fécalité' deklamiert. Eingebettet in Xylophonklingklang sowie Schreie & Trommelschläge von Artaud, halb Tarahumara-Schamanin auf Peyote, halb Brians keifende Mutter. Taborsta / radaborsta / santa pan / wir wissen nichts über das leben... There where it smells of shit / it smells of being. Zensiert als zu brutistisch, skatologisch, blasphemisch, obszön, als blutiger Haufen von Knochen und Scheiße. Dazu kritisiert er auch noch den Bellizismus der USA. Und jeden Idealismus, an dessen Stelle er nackte Animalität inthronisiert, unconscious human animality, a body without organs, true freedom. Blonk, der Artaud als großen Mutmacher für die eigene Performer-Madness feiert, bettet die Tirade auf eine feine elektronische Folie, das Rrrr Rrrr Rrrritual des schwarzen Sonnen-Rosses der Tutuguri aber auf insektoid-tumultarischen Noise. Blonk schreit und zischt, er scheißt Sprache, er brüllt CACA. Wenn Gott existiert, dann als Leere, die Filzläuse gebiert. Blonk erinnert da an Leif Elggren. Nieder mit dem Gottesgericht, dem Filzlausgott! Grrr. Es zwitschert und ballert videospielerisch, bewusstseinsrelativierend. Vor dem Lebenshunger ist es ein eingebildetes Nichts. Artaud verneint dieses vergötterte Nichts, bejaht need und body und to dance wrong side out. Blonk schleudert Artaud-Viren, kongenial und hochinfektiös. 82

83 No Edition (Alpen-Veen) Der unermüdliche ERIK MÄLZNER hat DIE LEGENDÄREN 3 MAXI SINGLES (NO EDITION # 126, DL/USB) wieder mit Midi-Keyboard und Computer bespielt, mit und ohne Samples, 'Shared Secret' mit auch noch akustischer Gitarre und bengalischer Tug Drum. Eher exklusiv als interaktiv und eher 'Weites Feld' als hitverdächtig. Aber mit kantigen Keys, Schrummbass und unrunder Rhythmik kommentiert er so wieder, knurrig und sperrig, die Lage der Dinge, mit klagend eingestreutem Oh. Auch kommt das dann doch als Marsch in Schwung und ins Rollen. Oder wellig ins Wabern, mit krachigen Schlägen, einem wehmütig dröhnenden Akkordeon, koboldigen Impulsen und launiger Aufbruchsstimmung. Surrendes Vibrato, Synthiestrings und dröhnende Orgel machen, zu drahtig gepicktem Pizzicato und dunkler Klarinette, den Himmel hoch und weit das Feld. Dem sakralen Adagio folgen brodelige Brandung und nochmal Akkordeon und Pizzicato in erregten, bassbeplonkten Schüben mit Strichen von Saiten und von Tasten, holprig, aber groovy, ungelogen, groovy. Reißverschlussglissando, eine krass gerupfte Gitarre und vereinzelte Twangs und Beats tasten sich schleppend, aber alles andere als sang- & klanglos durch komisch kakophone Mysterien. Dräuender Synthiethrill und wieder Akkordeon, dazu quarrende Brasstöne und Drahtharfe raffen sich von einer Barcarole auf zum Bolero - allegro non troppo vom Blob zum Gorilla. Nur wenige gehn da überhaupt ran und selbst die 'Nur mit Handschuh'. Wieso eigentlich? Mälzner ist zu alt und zu gut für einen ewigen Geheimtip. Zu wundern braucht es also nicht, dass Mälzner sich als Kinderschreck vorkommt. Zumindest singt er von einem, als ob er wüsste, wie sich das anfühlt:...vertreibt ihn / auch wenn er noch so schön spielt / gebt keinen Applaus / verstopft eure Ohren / auch wenn er noch so schön singt / gebt kein Geld / haltet die Nase zu / er stinkt. Das klingt, gelinde gesagt, sarkastisch und ist Teil von DES KNACKERS KLEINES LIEDERBUCH (NO EDITION # 127, DL/USB), dessen lyrisches Ich - N.N. ward ich getauft / doch bin ich unbekannt / nirgendwo ist mein Heimatland - 55 Jahre nach Franz Josef Degenhardts "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" keinen entscheidenden Schritt weiter ist. Zu wenig wurde anders, wir wurden nur alt. Aus frechen Gören wurden Katzenomas und Schneckenopas (im Blumengarten / wo die Schnecken auf mich warten). Alte Knacker, verkrachte Existenzen, an denen die Zeit die Zähne wetzt: knusper knusper knäuschen / wer knuspert an meinem Heu / die Zeit die Zeit / weit und breit nur Leid. Andererseits: leere Räume haben es in sich / noch ist Leben drin ('Augenschein'). Doch wieder andererseits wird selbst das Meer, einst Quelle des Lebens, zur Müllkippe der Welt, die zum Himmel stinkt ('Meer'). Dieser Opa ist keinesfalls eine Umweltsau. Und erst recht kein peinlicher Tourist, der sich im Hotel mit Heu und Gras verwöhnen lässt - durch die Blume somit als Vieh beschimpft ('Hotel'). Aber wie sollte es anders sein im Kreislauf, der Plastikmenschen end- & ausweglos nur falsche Inhalte in falschen Formen bietet ('Runde für Runde'). Als Trost bleibt dem Einsamen gerade mal ne Wärmflasche, my sweatheart ('Du Flasche'). Und eine süße 'To Do Liste': die Reichen bestehlen / die Dummen vergiften... 83

84 Gegen Langeweile hilft Musizieren singen, z. B. eine trübsinnige, aber dadurch auch eigene Version von 'It Was a Very Good Year': als er fünfzehn war / war es ein freudloses Jahr... als er zwanzig war / war es ein eisiges Jahr... als er dreißig war / war es ein schlechtes Jahr... ('Die Jahre'). Gescheiterte Existenz letztlich, aber dennoch ein gutes Lied. Und insgeheim denkt man ja doch: sei es drum... als kleiner König angefangen / aufgehört als..gott ('Jubiläum'). Allerdings als Gott außer Dienst, kein Götze, kein Popanz - das ist bloß eine Phantasie - und entsprechend hilflos: ich kann keinen Trost spenden / und keine Einsamkeit lindern... das ist die Realität. Also: haut endlich ab. Ich bin kein Star, lasst mich in Ruh. Das Ich hat sich 'Sommersonntagabend'-Friede verdient: schaue aus dem Fenster / Schwalben fliegen... Krähen sitzen im Baum... Radler strampeln... Nachbarn grillen im Hof. Auf die Frage "Was warn heud los?" antworten können: Midm hund schbazifiziern / nachbarn von hindn jesehn... Und schließlich als 'Der Hinterbliebene': aufräumen / und saubermachen / am besten desinfizieren / die Lichter löschen / Fassung wiederfinden... und im Wartezimmer zum Jenseits eins aufrücken. Erbaulich ist das nicht, was Mälzner da bietet, aber verdammt ehrlich in seiner alterswerklichen Neusachlichkeit. Die Beobachtungsgabe und das poetische Auf-den-Punkt-Kommen ist wie immer bemerkenswert, der Identifikationsfaktor erschreckend hoch. Des alten Knaben Wunderhorn mischt, drahtharfig, trompetenelegisch und mit Sprechgesängen, kindliches 'Fangerles' mit der Hatz auf Außenseiter. Mälzner pickt Gitarre wie Bill Orcutt, er singt wie HAL auf Valium und knarrt wie ein Steinbeißer, er beklagt mit Charles Trenet zu Zweifingerpiano das malträtierte Meer und beobachtet den Lauf der Zeit mit Frank Sinatras Augen. Einhandkeys und simpel getupfter, lasch geklopfter Beat unterstreichen den meist bassigen Sprechgesang, der sich gelegentlich verjüngt oder animiert zum Bariton aufschwingt, so wie auch die Musik pseudoorchestral anschwillt, als Reklame für aufgeblasene Sensationen. Während andere, 60 Jahre präsent, mit ihren Hunderten von Arbeiten nicht mal ein Steckenpferd satteln oder sich den sauren Mund mit Gänsedaunen abwischen können, auf dem langen N.N.-Marsch - Nichts Niemand Nirgends Nie. Also lieber bloß zukukken und mit dem Akkordeon seufzen. Keine Kirschen am Baum, aber 'n Erhängter an der Decke. Aus die Maus, Leichenschmaus. Wenn Erik Mälzner & Jürgen Richter BRAINGRAINHOTSPOT sind, dann kann WUTBEATZ nur Yannic Richter sein, der auf KO GEN (NO EDITION # 128, DL/USB) den Generation Gap mit Computer überbrückt. Alt, oder besser, jung genug, um das Ganze mit 'Grimeshit'- Beatz aufzumischen. Auch EM spielt Computer, aber dazu auch Midi-Keyboard und gezielt Banjo, Geige oder Samples, JR setzt meist E-Gitarre ein, alternativ Midi-Keyboard, Sampler, Synthie oder Steel Guitar. Dass Gen für Generation steht, verraten sein dissonant gekrümmter 'Old Gen Blues' und Mälzners Liste: Gen Y / Gen Me / Gen Why / Gen Chips / Gen Maybe / Gen What / Gen D / Gen Crisis / ja wie denn nun / ja was denn nun ('Kinder'). Der singt zuvor auch schon allein zu Katzenpfotenkeys und im kindsköpfischen Knacker- Modus ihren Erkennungs-Hit 'Gerangel': Ringelrangelreihen / wir sind der Kinder dreien / wir sitzen unterm Küchentisch / und singen alle unrhythmisch. Oder kratzt sich mit erneutem ja wie denn nun / ja was denn nun am Kopf beim Trau,_schau,_wem-Spiel der Freund/Feind meines Feindes/Freundes ist mein Feind/Freund ('Urteile'). Und beim Fick mich/leck mich/fick dich-spiel da wo's juckt ('Zyklische Schleife'). Dazwischen schräg twangende Westernmusik und noch ein banjobezupfter, erratisch rhythmisierter und kaskadierender 'Pluhs', mit Klarinette 'Von der Leine', neben 'Keine Kekule-Nummer', das Ahnen nummeriert und in dumpf-repetitivem Wallen mit Synthiehornstößen und Akkordeon Generationen verknotet. Die knattrige und technoid klopfende Rhythmik algorithmisch, aleatorisch oder alkoholisch, der jeweilige Duktus wackelig, zuckend, das Verhältnis von Staccato und Legato disharmonisch, die Gitarre prä- oder postrockig und perkussiv unter Druck. Gen Techno vs. Gen Rock, bei 'Autopoiesis und Resilienz' mit verschachteltem Wechselspiel knattriger und jauliger Impulse, bei 'The Evolution of Contrary Pairs of Active Ingredients' im löchrigen Kladderadatsch von Horn und Klarinette, Geige und Drummachine. Und zuletzt spielt EM zu Keys und Spoons mit Bauklötzen, Legosteinen, Plastikfiguren und Spielzeugtieren einen Schöpfergott in kurzer Büx, der eine kleine Welt erschafft, aber mit einem Handstreich alles wieder wegwischt. 84

85 ... jenseits des horizonts... VINCENT GLANZMANN - GERRY HEMINGWAY Composition 0 (Fundacja Słuchaj!, FSR ): Künstler sind so etwas wie die Avantgarde und das schöne Gesicht der Globalisierung, als freischaffende Luftmenschen, grenzenlos mobile Monaden, überall kompatibel, verstanden, willkommen. Corona schrumpft ihren Aktionsradius auf Null, ihre Existenz wird virtuell, um nicht viral zu sein. Wohl dem, der da wie Hemingway Professor in Luzern ist oder wie Glanzmann 2017 mit dem "Werkjahr" der Stadt Zürich ausgezeichnet wird, immerhin dotiert mit Fr In jenem glücklichen Jahr realisierten die beiden "0" als 'Drum Dancing' für vier Hände und kontrollierte Verstärkung. In der Annäherung ihrer künstlerischen Vorstellungen bis ins Mikroakustische wird ihr Alters- und Erfahrungsabstand von 38 Jahren komplett aufgehoben. Statt zweier Egos spielen Cymbals und Floor Tom die Hauptrollen, akribische Spieltechnik und Mikrophonierung. Für ein Werk, dem man durch die imaginäre Fusion von Glanzmanns "Z/Rzw-Shiiiiiii" mit Hemingways "kernelings" nur halbwegs nahe kommt, selbst wenn man noch Schallfolien von Jason Kahn drumrum wickelt. Zudem ist hier nur eine Gestalt von "0" als evolutionärem Shapeshifter fixiert. In plastischer Stereophonie kontrastiert eine Folge dezenter Schläge mit raumgreifend dongendem, gongendem, silbrig bepicktem Cymbalsound. Es entfaltet sich eine dunkel gewellte, wie von Z'EV'scher Aura durchhallte Sphäre, in die man mit geschlossenen Lidern eintaucht. Um zu anschwellend crashenden Schlägen und rhythmischer Wallung mit in Wallung versetzt zu werden, metallisch überschauert und umflimmert, nadelfein befunkelt und 'flötend' angehaucht. In sublimem Pianissimo und als wie mit Pinsel auf der Cymbal aufgetragene Lackierung zu rubbelig schnarrenden und wieder flötenden Lauten. Tremolierende Tom-Klänge beleben sich in klappernder, polternder, ratschender Action, mit Übersprung zu wieder cymbalistischer Berauschung. Die abgedämpft wird zu zeitvergessenen Drones und Hemingways feinem Singsang durch eine Mundharmonika hindurch, bis zartes Touchieren der Cymbal die Bronze aufscheinen lässt, wobei raue Reibung und rhythmische Beats den Glanz verschleiern. Dröhnend morpht und klirrt der 6. und letzte Part, der mit zweierlei verlangsamt gesetzten Schlägen seltsam unabgeschlossen wirkt. Soll man der Spur folgen? Wo mag sie hinführen? ANGELINA YERSHOVA Piano Mirage (AY Records, AY001): Die kasachische Cyberpianistin hat mit "CosmoTengri" zuletzt, in Sorge um den Alatau Nationalpark, die Hochzeit von Yer, der Mutter Erde, und Khan Tengri, dem Khan des Himmels, beschworen. Der tengristische Spirit aus ihrem Mutterland hallt auch in Rom wider, ihrer zweiten Heimat, denn Ayy heißen die guten Geister in der jakutischen Mythologie. Ihre Sonic Paintings, motiviert durch Covid-19 als neuer Sorge, visionieren eine nicht entzauberte 'heilere' Welt am Ende des Regenbogens ('Fluid Rainbow'). 'Miss Green' fliegt als heliotrope Schwester des 'Icarus' von Mirage zu Mirage, durch Blau ('Bluvis Blue') und Purpur ('Purple Passion'), dem Licht ('Light Mirage'), den Sternen ('Stellar Sky'), der Sonne entgegen ('Towards the Sun'). Als 'Mysterious Bride' sehnt sie sich nach Idyllen ('Idyllic Mirage') jenseits von Wüsten ('Desert Mirage') und Schatten ('Shadow'). Doch sind Miragen nicht gefährliche Illusionen und Selbsttäuschungen? Yershova stürzt sich dennoch ins Blaue mit verschleierten Augen wie Psyche ('Dusha') in die Arme ihres unbekannten Liebhabers. Ob Dämon oder Amor, das ist Vertrauens- und Glückssache wie so vieles in Zeiten, in denen ein Virus Millionen in todesähnlichen Schlaf versetzt. Yershova gibt der Sehnsucht den Vorzug vor der Angst, mit allen schmachtenden Registern romantischer Pianistik und schwelgerischer Geige. Nicht ohne zage Passagen, in denen sie mit energischen Griffen den dräuend pochenden Schatten trotzt. Nicht ohne besinnliche und sinnliche Momente mit elektronischen Drones und gehauchter Vokalisation, die nicht weniger trotzig auf der Sphärenharmonie bestehen, die sie auch bei ihren Astroconcerts evoziert, und auf romantischen Schönheitssinn als überzeitlicher Konstante. Mit zuletzt dem von elektronischer Aurora und Himmelsgeigen überschauerten, orgasmisch aufrauschenden Triumph des kosmischen Eros. 85

86 i n h a l t moers festival arte concert 3 - aksakmaboulipsis cum figuris 7 biohazard biolizard biowizard: chemtrailerpark 8 noonward ho! 9 joseph b. raimond : doc wör mirran 11 nowjazz, plink & plonk: jazz is not dead - it just smells british: moses boyd & theon cross 16 evil rabbit 17 - for tune 18 - the mark harvey group 20 - hubro 21 - intakt 23 - leo 25 - multikulti project 27 - pnl 29 - rarenoise 30 - trouble in the east 31 - umland 32 - wide ear 34 - john zorn absolutely sweet marie 37 - xenofox 45 - zeitkratzer bet, kinder, bet / morgen kommt der schwed' 47 todays??? is female too!: tears ov 56 - lea bertucci & leila bordreuil 57 - moor mother 58 soundz & scapes in different shapes: attenuation circuit 59 - crónica 61 - e-klageto 62 - gruenrekorder 63 - non toxique lost 65 - unsigned 67 - zarek : ignaz schick 68 - dorninger ultrablack of music 75 beyond the horizon: fancymusic 79 - kontrans : jaap blonk 82 - no edition BAD ALCHEMY # 106 (p) Juni 2020 herausgeber und redaktion Rigo Dittmann (rbd) (VISDP) R. Dittmann, Franz-Ludwig-Str. 11, D Würzburg - mitarbeiter dieser ausgabe: Michael Beck, Marius Joa BA sagt allen freiwilligen und unfreiwilligen Mitarbeitern herzlichen Dank Alle nicht gekennzeichneten Texte sind von rbd, alle nicht anders bezeichneten Tonträger sind CDs, was nicht ausschließt, dass es sie auch auf Vinyl oder als Digital Download gibt BAD ALCHEMY erscheint 4 mal jährlich und ist ein Produkt von rbd Zu BA 106 erhalten Abonnenten die CD "We Were There" (E-klageto) von TAKAHASHI IKURŌ & MICHEL HENRITZI Mit herzlichem Dank an Matthias Horn Cover: Black Lives Matter : Moor Mother Rückseite: Der 'Gesang der Sklaven im Feuerofen' als Geburtstagsständchen für die kolonialen Herrenmenschen aus "Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach" von Roy Andersson!!! Die Nummern BA gibt es als pdf-download auf 86

87 i n d e x 51 % 5 - AARDVARK JAZZ ORCHESTRA 25 - ABSOLUTELY SWEET MARIE 37 - AKSAK MABOUL 7 - AMBERG, ALIO 34 - ANAHUAC 69 - ANDRÉ, PEDRO 69 - ANDRZEJEWSKI, MAX 5, 37, 43 - APNESETH, ERLEND 21 - ARTAUD, ANTONIN 14, 82 - ASKARI, REZA 4, 6 - ASKREN, DAVE 38 - ASTRO 60 - AUSTRALIAN ART ORCHESTRA 21 - BARTOLOMEI, DONATELLA 60 - BASTARDA 28 - BATAGOV, ANTON 81 - BAUER, CONNY 5 - BENEDICT, JEFF 38 - BENNINK, HAN 23 - BERTUCCI, LEA 57 - BESTATTUNGSINSTITUT 70 - BESTER, JAROSLAW 19 - BLONK, JAAP 82 - BLUME, MARTIN 26 - BOCZAR, OLGA 18 - BORDREUIL, LEILA 57 - BORISOV, ALEXEI 59 - BÖRT 4 - BOYD, MOSES 15, 16 - BRAINGRAINHOTSPOT 84 - BURGWINKEL, JONAS 4 - CHARLES, XAVIER 38 - CHEMTRAILERPARK 8 - COMELADE, PASCAL 70 - CONEDERA, ALESSANDRO 60 - CONIGLIO, ENRICO 63 - CROSS, THEON 15, 16 - DABROWSKI, TOMASZ 18 - DAVIS, KRIS 24 - DEBACKER, MARLIES 4 - DERVISH TAXI 81 - DOC WÖR MIRRAN 11, 12, 13 - DONADIO, DALIA 34 - THE DORF 3, 32 - DORNINGER, WOLFGANG 71 - DUPLANT, BRUNO 61 - EASTMAN, JULIUS 5 - EBERHARD, SILKE 5, 25 - ELDH, PETTER 6, 41 - ELGGREN, LEIF 47, 48, 55 - ELLIOTT, MATT 14 - EMERGE 59 - EOS KAMMERORCHESTER 5 - EULER-DONNERSBERG, DITTERICH VON 72 - FAIR, JAD 12 - FEZAYAFIRAR 60 - FISKE, REINE 50 - GABRYS-HEYKE, MARIA 19 - GAUGUET, BERTRAND 38 - GENÇ, LAIA 6 - GEWALT 5 - FRODE GJERSTAD TRIO 29 - GLANZMANN, VINCENT 85 - GOEBBELS, HEINER 6 - GONZALES, CHILLY 4 - GORODEZKII, YURA 59 - GRANBERG, MAGNUS 53 - THE JERRY GRANELLI TRIO 30 - GORDON GRDINA SEPTET 39 - GROPPER, PHILIPP 6, 42 - GRÜNEN 5 - GUSTAFSSON, MATS 51 - GWYN WURST 5 - GUNTER HAMPEL MUSIC + DANCE IMPROVISATION COMPANY 6 - HANES, SIMON 34 - HARNICK, ELISABETH 4, 5 - HARVEY, MARK 20, 25 - HAUTZINGER, FRANZ 44 - HAWKINS, ALEXANDER 24 - HEIN TINT 6 - HEMINGWAY, GERRY 85 - HENRITZI, MICHEL 62 - HILDE 6, 33 - HIRT, ERHARD 4 - HoTS 19 - HÜBSCH, CARL LUDWIG 4, 6 - HURTADO, MARC 70 - HUSBAND, GARY 72 - I COMPANI 39 - INFAMIS 14 - IPT 19 - JEFFERY, HILARY 4, 46 - JELINEK, JAN 5 - JOHANS- SON, NILS PATRICK 54 - JOHANSSON, SVEN-ÅKE 5, 52 - KaMaSz 28 - KLARE, JAN 3, 4, 6, 32 - KNEER, MEINRAD 17 - KOSACK, LIZ 4, 5 - KOURLIANDSKI, DMITRI 79, 80 - KRÄMER, ACHIM 4 - KUBIN, FELIX 72 - KÜCHEN, MARTIN 52 - KULPOWICZ QUARTET 19 - LANDFERMANN, ROBERT 4, 5 - LAUBROCK, INGRID 24 - LEAN LEFT 29 - LEWIS, JAMES BRANDON 23 - LFANT 4 - LIGHTBOURNE, MICHAEL 63 - LINDAL EVA 53 - LINDAL, ANNA 53 - LIVE PEOPLE ENSEMBLE 80 - LIVING IN A TRUNK 81 - LUMISOKEA 5 - MÄLZNER, ERIK 66, 83, 84 - MANDERSCHEID, DIETER 26 - THE MAYFIELD 6 - MAZURKIEWICZ, JACEK 27 - MEIER, DAVID 34 - MELECH, PIOTR 27 - MITTERER, WOLFGANG, 3, 5 - MOBERG, KALLE 40 - MÖLLER, ANDRÉ O. 4 - THE MOMS 40 - MONATSKOV, ALEXANDER 79 - MOOR MOTHER 58 - MR. CONCEPT 73 - MYHR, KIM 21 - NAKAMURA, TOSHIMARU 68 - NARVESEN, DAG MAGNUS 5 - NIBLOCK, PHILL 32 - NICHOLLS, DAN 31 - NILLESEN, ETIENNE 4 - GAARD NILSSEN S SUPERSONIC ORCHESTRA 41 - NILSSEN-LOVE, PAAL 29 - NINE FOR THREE 3 - THE NOTWIST 6 - NON TOXIQUE LOST 65, 66 - NOONAN, SEAN 9, 10 - PAN SONIC 73 - PION, RENAUD GABRIEL 74 - PIRKER, HERBERT 3, 5 - PLAN KRUUTNTOONE 5 - PLUZEK, KUBA 18 - PoiL 3 - PORTUGAL, MARIA 5, 6 - POTSA LOTSA XL 5, 25 - PUSCHNIG, WOLFGANG 3, 5 - QUASI STELLA 32 - RAIMOND, JOSEPH B. 11, 12, 13 - RAJESH MEHTA 5 - REID, TOMEKA 24 - REKK, KATYA 59 - REUTER, MARKUS 72 - HENRY ROBINETT QUARTET 41 - ROPE 31 - ROYAL HUNGARIAN NOISEMAKERS 67 - RYABINOV, KONSTANTIN 81 - SABATON 54 - SAFT, JAMIE 30 - SCHICK, IGNAZ 68, 69 - SCHINDLER, UDO 42 - SCHUBERT, FRANK PAUL 26, 31 - SCHÜTZE, PAUL 74 - LAURA SCHULER QUARTETT 42 - SELIG, HANNES 31 - SELIGER, BERTHOLD 4 - SERPA, SARA 43 - SHEPARD, CRAIG 64 - SHULTIS, CHRISTOPHER 64 - SIMULACRUM 36 - SIRIA 61 - SJAELLE 5 - SKOLIAS, JORGOS 19 - SKVORTSOVA, NATALIA 80 - SNAKE FIGURES ARKESTRA 69 - SONAR 30 - SONORIA 17 - SORSHNEVA, ASYA 81 - SOSNOWSKA, JOLANTA 19 - STAMOU, TASOS 68 - STAUSS, MARKUS 44 - STEIDLE, OLI 31 - STEMESEDER, ELIAS 43 - STILLMAN, LOREN 4 - SUNDOGS28 - SZEPANSKI, ACHIM 75 - TAKAHASHI, IKURO 62 - TAU TAYLOR, CHAD 23 - TEARS OV 56 - TELEPHERIQUE 12 - TORN, DAVID 30 - TRAINING 5 - TRILLA, VASCO 27 - ULHER, BIRGIT 4, 44 - URS BLÖCHLINGER REVISITED 26 - V/A NEXT CITY SOUNDS: INTER- FACES 64 - V/A UN SOUNDING THE SELF - A PORTRAIT 64 - VAN BEBBER, CLAUS 69 - VENTIL 4 - VINOGRADOV, YURI 80 - CHRISTIAN WALLUMRØD ENSEMBLE 22 - WARD, ALEX 9 - WASSERMANN, UTE 4 - WIDMER, JACQUES 44 - XENOFOX 45 - YAKOVENKO, IGOR 80 - YERSHOVA, ANGELINA 85 - ZADLO, LESZEK 18 - ZEITKRATZER 46 - OMRI ZIEGELE TOMOR- ROW TRIO 23 - ZORN, JOHN 35, 36 - ZUYDERVELT, RUTGER 61 - ZWIßLER, FLORIAN 4 87

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Author: Cheryll Lueilwitz

Last Updated: 12/01/2022

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Name: Cheryll Lueilwitz

Birthday: 1997-12-23

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Job: Marketing Representative

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Introduction: My name is Cheryll Lueilwitz, I am a sparkling, clean, super, lucky, joyous, outstanding, lucky person who loves writing and wants to share my knowledge and understanding with you.